Kurzcheck: E-Bike von Aldi Nord für 899€

Kurzcheck: E-Bike von Aldi Nord für 899€

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Spektrum: Ein E-Bike bzw. Pedelec für deutlich unter 1000€? Lebensmittel-Discounter Aldi-Nord macht’s möglich. Dort gibt es ab morgen, dem 9. April ein City-Pedelec für 899€ Doch was kann man für diesen Preis erwarten? Wir haben uns die technischen Daten genauer angesehen.

Antrieb: Ordentlicher Mittelmotor

Der Antrieb stammt wie das gesamte Rad vom Hersteller Prophete – beim Aldi-Rad handelt es sich um ein Sondermodell des deutschen Herstellers, der auch direkt seinen e-novation Antrieb mitliefert. Dieser besteht aus einem Mittelmotor, der von einem Samsung Akku mit 374Wh mit Strom versorgt wird. Die Bedienung erfolgt über eine eigene Bedieneinheit, die mit einem einfachen Display gekoppelt ist. Wer sich die Bedienung selbst ansehen möchte, der kann dies auf der Webseite von Prophete (mit Klick auf Information) tun.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Mittelmotor des Herstellers Bafang handelt, der sich auch an beliebigen anderen Rädern nachrüsten lässt. Kostenpunkt für Motor und Akku: ca. 800€. Ein solcher Nachrüstmotor ist zwar oftmals eine kostengünstige, aber optisch nicht besonders gelungene Lösung – Stichwort Rahmenintegration. Sowohl Motor als auch Akku sind zwei ganz schöne Brocken, die die Optik des Fahrrads dominieren.

In Puncto Leistung ist der Motor durchaus ordentlich: Der 250W Antrieb lässt sich in 5 Stufen zuschalten und liefert Unterstützung bis zu einer Geschwindigkeit von 25km/h. Die Anfahr-/Schiebehilfe, die das Rad auch ohne Treten bis zu einer Geschwindigkeit von 6km/h beschleunigt, ist inzwischen fast vom Markt verschwunden, doch beim Aldi-Rad macht sie durchaus Sinn: Mit 28kg ist es nämlich ein echtes Schwergewicht.

Ausstattung: Solide mit einer großen Schwäche

Die sonstige Ausstattung ist zum großen Teil solide – Highlights sind sicherlich die gute LED-Beleuchtung samt Nabendynamo von Shimano, die weitestgehend wartungsfreihe 7-Gang Nexus Getriebenabe und die sehr gute und pannensichere Bereifung von Continental. Auch der bequeme Sattel von Selle Royal ist bei dem günstigen Verkaufspreis eine positive Überraschung.

Die größte Schwäche des Rads sind aber wohl seine Bremsen: Bei einem Eigengewicht von knapp 30kg und einem zugelassenen Systemgewicht von 150kg scheinen die verbauten V-Brakes deutlich unterdimensioniert, vor allem wenn es bergab geht. Hier wären hydraulische Felgenbremsen oder gar Scheibenbremsen die deutlich bessere – wenn auch teurere – Variante gewesen. Mulmig wird uns auch beim Gedanken an den verbauten Seitenständer: Auch wenn dieser stabil ausgeführt zu sein scheint, wird er bei dem hohen Eigengewicht des Rads schon sehr ins Schwitzen kommen und wir hätten uns lieber einen Mittelständer gewünscht.

Auch dass das Rad nur in einer Größe (Rahmenhöhe 46cm, bis ca. 178cm) erhältlich ist, sorgt bei uns für Naserümpfen. Natürlich lässt sich durch Sattel-, Vorbau- und Lenkerhöhe vieles einstellen, doch ist ein passender Rahmen noch immer das A&O für langen Fahrspaß auf zwei Rädern – auch in der Stadt.

Empfehlenswert – oder lieber mehr investieren?

Lohnt sich also der Kauf des Aldi-Pedelecs? Nun, das hängt tatsächlich ganz vom Einsatzgebiet und den eigenen Ansprüchen ab. Wer ein E-Bike für gemütliche Fahrten in der Stadt sucht, nicht über 1,80cm groß ist, auf Optik keinen gesteigerten Wert legt und ungern mehr als 1.500€ ausgeben möchte, für den ist das Rad von Aldi-Nord durchaus eine Empfehlung wert, gerade auch angesichts der großzügigen Garantie: 3 Jahre auf die Anbauteile und sogar 10 Jahre auf den Rahmen gewährt der Discounter.

Wer allerdings ein optisch ansprechendes Pedelec sucht, das vielleicht auch für etwas längere Touren auf den Radwegen der Republik herhalten sollte, für den lohnt gewiss der Gang in den Fachhandel- vorausgesetzt man ist gewillt, ungefähr den doppelten Preis des Aldi-Pedelecs zu berappen. Dafür gibt es dann aber auch zeitgemäße Räder mit Bosch-Antrieb, ausreichend dimensionierten Bremsen und einem um 2-3kg geringeren Gewicht. Auch die Vorzüge der Beratung und des Service vom Fachhandel sollten nicht unterschätzt werden.

über den Autor

Marcus Degen

Marcus Degen ist Gründer des deutschen Radsportmagazins Procycling und war für neun Jahre dessen Chefredakteur. Während dieser Zeit gründete er als Herausgeber auch die Magazine Fahrrad News und World of Mountainbiking. Er hat Physik und Ingenieurwesen in München studiert und war in den späten Achtzigern und Neunzigern als Radamateur und Triathlet aktiv. Anfang 2013 rief er das digitale Fahrrad-Magazin Velomotion ins Leben.