quäldich.de-Chef Jan Sahner im Interview: „quäldich.de ist älter als Google.“

quäldich.de-Chef Jan Sahner im Interview: „quäldich.de ist älter als Google.“

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Das bei Hobbyradsportlern sehr beliebte Internet-Portal quäldich.de ist vollständig überarbeitet worden. Anlass genug für Velomotion, mit quäldich.de-Geschäftsführer Jan Sahner über die Erfolgsgeschichte seiner Website, seine Angebote und das Rennradfahren in Berlin zu sprechen.

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Velomotion: Jan, Du hast während des Studiums mit Freunden das soziale Netzwerk quäldich.de geschaffen, das seither durch die Decke ging. Wie viel Mark Zuckerberg steckt in Dir?

Jan Sahner: (lacht) Ganz wenig. Mark Zuckerberg will mit den Kontakten und Daten, die er über Facebook sammelt, Geld machen. Ich verknüpfe Menschen, die die Leidenschaft Rennradfahren teilen. Für sie bietet quäldich.de ein attraktives Informations-Angebot. Man kann sich über große und kleine Passstraßen informieren, die kleine Tour am Wochenende ebenso wie den Jahresurlaub in den Alpen planen, Hotels finden, Ideen für Etappen sammeln, Erfahrungsberichte lesen und vieles mehr. Natürlich steckt auch ein kommerzieller Gedanke dahinter, schließlich bieten wir Radreisen an und verkaufen hochwertige Sportbekleidung. Aber alle können die Community kostenfrei nutzen, um sich zu informieren und zu vernetzen. Niemand muss Daten von sich preisgeben. Das ist bei Mark Zuckerberg bekanntermaßen anders. Da bin ich wohl auch einfach zu wenig geld-geil.

Trotzdem hast Du nun investiert und die quäldich-Website überarbeitet. Was ist neu?

quäldich.de kommt in der Gegenwart an. Es ist mobilfähig, kann also auch auf Smartphones und Tablets optimal genutzt werden. Bisher – das gebe ich zu – war die Website aus Sicht der Anbieter gedacht: Was wollen wir mit der Seite erreichen, was wollen wir unterbringen, wie nutzt es uns? Jetzt haben wir den Spieß umgedreht, der Nutzer steht an erster Stelle. Was sucht der Nutzer, und wie kommt er am schnellsten an seine Informationen? Der User will Pässe finden, zu Hause am Rechner während der Planung, aber auch unterwegs, wenn eine Runde spontan verlängert oder mit einem Berg angereichert werden soll, und der Nutzer mit dem Smartphone am Straßenrand steht. GPS-Daten, Karten, Berge und Tourenvorschläge in der unmittelbaren Umgebung, all das kann auf einen Blick erfasst werden.

Die Bedienung orientiert sich am Nutzer, nicht umgekehrt.

Genau. Die Seite wirkte sehr überladen. Nun ist alles neu strukturiert und dadurch aufgeräumter und übersichtlicher. Über allem steht die Unterteilung in drei Themenbereiche – Pässe, Reisen und Shop. Die Inhalte dahinter werden aber alle gleich bleiben.

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Gibt es eine Übergangszeit?

Ja. Das gesamte Pässe-Lexikon und der Shop sind bereits im neuen Design verfügbar, die weiteren Inhalte werden nach und nach umziehen. Aktuell wird man hier und da noch ins alte Design weitergeleitet, zum Beispiel bei Touren-Vorschlägen. Wir wollen dies schnellstmöglich schaffen, aber Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

Am Mitmach-Prinzip von Screenshot-Timmelsjoch-mobilequäldich.de hat sich nichts geändert?

Nein, alle können und dürfen sich gerne einbringen, zum Beispiel eine Beschreibung für den eigenen Lieblingsberg oder Tour-Vorschläge beisteuern, Erlebnisberichte schreiben, Hotel-Tipps teilen und so weiter. Hier ist als nächster Schritt geplant, den User beim Einpflegen solcher Inhalte besser zu unterstützen. Die Kontaktaufnahme zur Redaktion geschieht derzeit noch über E-Mail, künftig soll man direkt in ein Redaktionssystem schreiben können, ähnlich wie bei Wikipedia. Das ist bisher nur teilweise umgesetzt.

Klingt insgesamt nach sehr viel Arbeit, die Ihr in das Projekt gesteckt habt. Wie viele Leute stehen hinter quäldich.de?

Ich bin der Einzige, der hauptberuflich für quäldich.de arbeitet. Ich habe einen Assistenten, der drei Tage die Woche kommt und mich bei der ganzen Planung, Logistik und Verwaltung unterstützt, auch beim Versand der Bestellungen. Ein großes Team im Hintergrund organisiert Reisen und ist bei Touren als Guides tätig. Und dann ist da noch ein ehrenamtliches Redaktions-Team von zirka 15 Personen, das die Texte vereinheitlicht, die von Usern beigesteuert werden. Dabei geht es um Text-Länge, Schreibstil und Struktur sowie das Einstellen von Fotos.

Und wie viele Menschen nutzen quäldich.de?

Im Sommer haben wir pro Monat 1,5 Millionen Seitenaufrufe. Im Winter natürlich weniger.

Kannst Du etwas zur Geschichte von quäldich.de erzählen? Wie und mit wem bist Du auf die Idee gekommen?

Also, eigentlich wollte ich beruflich ja was Vernünftiges machen (lacht). Ich habe in Bonn Informatik und Mathematik studiert und bin in dieser Zeit zum Rennradfahren gekommen. Im Sommer 1998 habe ich mit Freunden eine erste Alpentour gemacht. Innerhalb dieser Gruppe entstand sehr schnell die Idee, eine Website zu machen, die sich um das Thema Rennradfahren in den Bergen dreht. Und zeitgleich entstand auch die Idee, diese Seite in Anlehnung an Udo Bölts´ berühmten Spruch Quäldich zu nennen. Das haben wir dann auch umgesetzt. Im Sommer 1998 ging es los, und damit sind wir übrigens älter als Google (lacht). In den ersten Jahren lagen die Inhalte einfach auf der Seite meines persönlichen Uni-Accounts. Im Oktober 2000 haben wir dann die Domain Quäldich.de erworben und hier unsere eigenen gefahrenen Pässe und Touren beschrieben. Die Höhenprofile haben wir noch von Hand gezeichnet. Kurzum: Das war ein ganz privates Ding von einer Gruppe rennradelnder Informatik-Nerds. Es war überhaupt nicht geplant, dass das mal eine große Sache wird.

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Die wurde es dann aber doch.

Ja, irgendwie schon, ganz langsam und kontinuierlich. Irgendwann kam jemand an und sagte „Hey, ihr habt den Großglockner noch gar nicht, hier habt ihr eine Beschreibung.“ Und wir dachten, „cool, die pflegen wir ein.“ Anfangs war noch alles mit privaten E-Mailadressen verlinkt. Und solche Beiträge von extern wurden auf einmal immer häufiger beigesteuert. Ähnlich war es mit den Trikots: Zunächst hatten wir die für uns selbst entworfen und auch ein quäldich-Logo gezeichnet. Und plötzlich fragten immer mehr Leute an, ob man die Trikots auch kaufen könne. Sehr wichtig für die kontinuierliche Entwicklung von quäldich.de war, dass ich lange Zeit nicht darauf angewiesen war, dass es sich rechnet: Nach meinem Studienabschluss 2003 habe ich halbtags als Assistent an der Uni gearbeitet und promoviert. Und nebenher konnte ich eben quäldich weiter voranbringen.

Und irgendwann hat es sich dann gerechnet.

Aber sehr langsam. Zunächst hatte ich die naive Vorstellung, von Bannerwerbung leben zu können. Mittlerweile ist das ein wichtiges Zubrot, aber damals ging das gar nicht. Realistischer war dann tatsächlich die Zweigleisigkeit von Reisen und Shop. Damit fahren wir gut, und können mittlerweile sagen, quäldich.de hat wirtschaftlich Hand und Fuß.

Was bietet Ihr genau an?

Wir haben verschiedene Kollektionen hochwertiger Radbekleidung im Programm. Lange und kurze Trikots und Hosen, Armlinge, Westen, Winterjacken, kurz: Alles, was Rennradler brauchen. Unsere Leidenschaft, Pässe zu fahren, drückt sich im Design aus, und das spricht offensichtlich viele Rennradler an. Sehr gut gefällt den Leuten auch unser quäldich-Kalender, den wir seit einigen Jahren anbieten: beeindruckende Fotos, ergänzt um Pass-Informationen und Touren-Vorschläge. Seit 2011 haben wir dann auch unsere Reisen ausgebaut.

Was bietet Ihr hier?

Kurzreisen innerhalb der näheren Umgebung und größere Reisen, überall dort, wo das Rennradfahren besonders viel Spaß macht, gemäß unseres Wahlspruchs „Hauptsache bergauf“: im Breisgau-Hochschwarzwald, im Harz, am Bodensee und in den Vogesen, in den Alpen, Pyrenäen und Dolomiten, in Frankreich, der Schweiz, Italien und Spanien, in mehreren Etappen von einem Standort aus oder auch als Etappenfahrt über mehrere Tage von A nach B. Höhepunkte war 2015 sicherlich unsere Deutschland-Rundfahrt von Flensburg nach Garmisch. 2016 sind das Abenteuer Berlin-Wien oder die Fernfahrt von Garmisch nach Florenz an erster Stelle zu nennen. Diese beiden Reisen planen wir mit 100 Rennradfahrerinnen und Rennradfahrern. Normalerweise aber haben wir bei unseren Reisen 30 Teilnehmer.

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Was macht Eure Reisen aus?

Neben der ganzen Organisation wie Unterkunft und Verpflegung ist das mit Sicherheit unser besonderes Gruppengefüge, das für jeden Teilnehmer eine passende Gruppe garantiert. Wir begleiten unsere Reisen immer mit mindestens drei Guides. Denn erfahrungsgemäß verteilen sich die Teilnehmer auf drei Leistungsgruppen: die Entspannten, die Ausdauernden und die Sportiven. Mit unseren drei Guides schaffen wir es, all die unterschiedlichen Leistungsklassen unter einen Hut zu bringen. So muss man nicht als Einzelkämpfer durch die Gegend fahren, sondern genießt das Gruppenerlebnis in „seinem“ optimalen Tempo. Und wir haben den Anspruch, die schönsten Strecken zu kennen und zu fahren.

Wieso lebt jemand, der das Rennradfahren in den Bergen so liebt wie Du, in Berlin?

Ja, das sind die Verwicklungen des Lebens. Ich würde natürlich auch lieber zum Beispiel in Freiburg leben. Aber tatsächlich bin ich, seit ich in Berlin lebe, sogar fitter als vorher. Ich muss hier in der Ebene einfach immer Zug auf der Kette haben, um das Rennrad-Gefühl zu haben. Und ich habe gemerkt, dass mir das auch am Berg hilft. So lange ich das Gewicht im Griff halte, bin ich am Berg stark. Es gibt sehr schöne Strecken in Berlin, zum Beispiel die Rauener Berge, die wir liebevoll „Kackwellen“ nennen. Im Ernst: Ich liebe das Geräusch von knatternden Freiläufen in der Gruppe hinter mir, während ich vorne im Wind arbeite. Das kann ich gerade in und um Berlin besonders häufig haben.

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Bist Du denn ein ambitionierter Rennfahrer?

Ich war es eigentlich nie und habe mich eher als den ausdauernden Typen gesehen. Zuletzt sind wir aber auch häufiger ambitioniert gefahren, zum Beispiel bei einer legendären Tour einiger Guides, dem so genannten Guide-Massaker, oder bei Rad am Ring. Dort möchte ich auch 2016 wieder starten. Ich entwickle mich also stärker in den sportiven Bereich, auch was das seriöse Leben und Trainieren angeht. Übertreiben möchte ich es aber nicht. Und bei den quäldich-Reisen und -Touren steht ja auch das gemeinsame Erlebnis im Mittelpunkt, nicht das gegenseitige Übertrumpfen.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft von quäldich.de?

quäldich.de soll Anlaufstelle Nummer eins für alle bergbegeisterten Rennradfahrenden im deutschsprachigen Raum bleiben und seine Bekanntheit noch steigern. Viele Hobbysportler profitieren von quäldich.de – und das freut mich sehr. Natürlich ist es schön, wenn sie sich soweit mit uns identifizieren, dass sie unsere Trikots tragen oder mit uns auf Reisen gehen. Aber das steht gar nicht im Mittelpunkt. Wenn quäldich.de auch weiterhin den Spagat schafft, so erfolgreich zu sein, dass wir davon ordentlich leben und das Angebot weiterentwickeln können, bin ich sehr zufrieden.

Jan, viel Erfolg dabei und vielen Dank für das Gespräch.

Web:

www.quaeldich.de

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über den Autor

Moritz Pfeiffer

Moritz Pfeiffer ist ein waschechtes Kind der Jan-Ullrich-Tour. Seit Sommer 1997 ist er bei Wind und Wetter, Lizenz- oder Jedermannrennen, Radmarathons oder RTFs auf schmalen Reifen unterwegs. Geschichte und Spanisch studierte er im Rennrad-Paradies Freiburg, aktuell lebt und arbeitet er in Tübingen.

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