Test: Bianchi Specialissima – italienische Spitzen-Klassik

Test: Bianchi Specialissima – italienische Spitzen-Klassik

 

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Die edle Rennmaschine Bianchi Specialissima des italienischen Traditionsherstellers ist technisch perfekt und hat viel Stil. Wer sie ein paar Stunden fahren durfte, wird noch lange von ihr träumen.

Es gibt Rennmaschinen, die darf man eigentlich nur an ganz besonderen Orten bewegen. Einige sind auf nordfranzösischem Kopfsteinpflaster oder belgischen Hügeln zuhause, andere wollen die heiße Sommersonne Frankreichs auf dem Lack spüren.

Ein Rad wie das Bianchi Specialissima möchte man am liebsten zwischen Gardasee und Toskana fahren; doch da die ersten heißen Tage auch das Rheinland in ein bel paese verwandelt haben, müssen wir uns nicht auf den Weg über die Alpen machen – das Topmodell des italienischen Traditionsherstellers kommt zu uns.

Bianchi – einer der größten Namen im Radsport

Gegründet 1885, gehört Bianchi zu den ältesten Radherstellern der Welt. Und anders als viele Mitbewerber, von denen nur der Markenname überlebt hat, steckt hinter den Rädern in Celeste auch eine ungebrochene Firmengeschichte. Diese umfasst Motorfahrzeuge ebenso wie Brot-und-Butter-Bikes, was vielleicht gerade den Reiz der Marke ausmacht. Denn nicht nur in Italien sieht man immer wieder betagte Tourenräder mit Edoardo Bianchis Adler; in seiner Heimat ist die Firma eng mit Sport, Alltagskultur und Mobilität der vergangenen Jahrzehnte verwoben.

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Mit den Rennmaschinen der Ära eines Fausto Coppi hat das Bianchi Specialissima bei aller Tradition nur noch wenig gemein. Weniger als 800 Gramm Rahmengewicht, knapp 350 Gramm für die Gabel: So leicht war noch kein Rad aus Treviglio, und wohl nur wenige waren so „celeste“. Das modernste Rad der Italiener zeigt nämlich überaus viel vom klassischen Türkis; selbst auf kontrastierende Schriftzüge hat man verzichtet. Und da der Lack matt ist, kommt der intensive Farbton besonders gut zur Geltung, allerdings ist die samtige Oberfläche recht schmutzempfindlich.

Bianchi Specialissima – Leichtbau vom Feinsten

Unser Testrad ist mit Campagnolo-Komponenten ausgestattet – selbstverständlich, möchte man sagen, doch in der modernen Ära sind viele Bianchis mit Shimano-Teilen ins Rennen gegangen. Der Aufbau unseres Specialissima kommt dem Rad jedenfalls auch optisch zugute: Laufräder, FSA-Anbauteile und „Super Record“-Gruppe wirken wie aus einem Guss; die kleinen roten Logos an den Campa-Teilen setzen markante Kontrastpunkte. Und natürlich machen die Komponenten das Rad über die Maßen leicht: Mit Flaschenhalter wiegt unser Testrad in Rahmenhöhe 59cm gerade mal 6,17 Kilo; ausgehfertig mit Pedalen, Radcomputer und voller Trinkflasche sind es ziemlich genau sieben Kilo.

Das weckt große Erwartungen, und in der Tat: Das Specialissima ist ausgesprochen spritzig; es geht sofort nach vorne und erreicht mühelos eine angenehm flotte Reisegeschwindigkeit. Am ersten Anstieg unserer Tour, 1,7 km mit immerhin 110 Höhenmetern, tänzelt das Bianchi im Wiegetritt nur so hin und her, und trotz vom Vortag schwerer Beine sind wir ziemlich schnell oben. Dass sich das Rad in den engen Kehren spielerisch einlenken lässt, liegt weniger am mit 73° eher neutralen Lenkwinkel, sondern am extrem leichten, dabei sehr steifen Laufradsatz. Fahrfertig mit Spanner und Reifen wiegt das „Bora One 35“-Vorderrad gerade mal 830 Gramm, das Hinterrad inklusive Campa-Kranz 1.220 Gramm. Entsprechend gering sind die auftretenden Kreiselkräfte, und so lässt sich das Rad leicht lenken und unterm Fahrer hin und her schwenken.

Mehr Komfort durch „Countervail“

Neben dem geringen Gewicht weist das Specialissima eine weitere Besonderheit auf, der man auf glattem Asphalt kaum auf die Spur kommt: In Rahmen und Gabel finden sich Countervail genannte Faserlagen, die Vibrationen dämpfen sollen, was das Rad fahren natürlich zum einen komfortabler macht, zum anderen aber auch der Ermüdung durch permanente Stoßbelastungen vorbeugt.

Ob und wie das wirkt, klärt ein mehrere Hundert Meter langer, festgewalzter Kiesweg, schön holperig und mit größeren und kleineren Steinen gespickt – nicht gerade optimales Terrain für ein Rad mit auf 7,5 bar aufgepumpten 22-mm-Schlauchreifen. Doch die Fahrt über die Rüttelpiste verläuft ausgesprochen sanft; Stöße und Vibrationen dringen so schwach zum Fahrer durch, als sei dies ein Rad mit 28mm breiten Reifen und weit ausgezogener Carbonstütze.

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Es folgen etliche Kilometer gegen den Wind, die eines beweisen: Ein ausgesprochener Aero-Renner ist dieses Bianchi nicht. Andererseits sind die 35 mm tiefen Felgen keinesfalls seitenwindanfällig; letztlich bleibt der Eindruck, dass das Specialissima die goldene Mitte zwischen Agilität und Kletterfähigkeit auf der einen und Tempotauglichkeit auf der anderen Seite trifft. Zumal sich das Rad auch bei hoher Abfahrtsgeschwindigkeit vorbildlich verhält: satte Straßenlage, sicherer Geradeauslauf und keine Spur unangenehmer Nervosität.

Ein Rad also, das mit den unterschiedlichsten Bedingungen zurechtkommt, was sicher auch an der ausgewogenen Geometrie liegt. Das 59er Testrad weist mit 575 mm Oberrohrlänge und 180 mm Steuerrohrlänge eine eher gestreckte, aber nicht allzu tiefe Sitzhaltung auf; das 57er mit 560/160 mm käme für uns ebenfalls in Frage. Mit gleich sieben Rahmengrößen muss man in Sachen Sitzposition jedenfalls keine Kompromisse eingehen. Wir hätten uns eine Sattelstütze mit etwas weniger Versatz gewünscht, der ovalisierte Oberlenker passte dagegen perfekt.

Sehr gelungen sind die glatten Formen des Rahmens, der insgesamt ein harmonisches Bild abgibt: das Unterrohr nicht zu stämmig, die Hinterstreben nicht zu dünn. Besonders schön ist der Bremszug-Eingang am Steuerrohr, ein optisches Highlight ist das mit transparentem Material aufs Sitzrohr aufgebrachte Firmenwappen. Was fehlt, ist ein Rahmenschutz hinterm Kettenrad; hier sollte man sicherheitshalber eine dicke Schutzfolie anbringen. Wer will, bekommt das Rad übrigens auch in Mattschwarz oder in aufpreispflichtiger Wunschfarbe (Tavolozza nennt Bianchi sein neues Sonderfarben-Programm); schöner als in der Celeste-Version ist das Specialissima freilich kaum vorstellbar.

Campagnolo Super Record – Komponenten, die immer überzeugen

Erwähnt werden müssen auch die edlen Campagnolo-Komponenten, die überzeugend funktionieren: Die Bremsen packen auf den Carbonfelgen fest und verlässlich zu; die Schaltvorgänge sind exakt und knackig, dabei eine Spur rustikaler als bei Shimano und SRAM.

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Am Ende bleibt das Gefühl, eine perfekte Rennmaschine gefahren zu sein: Handling, Komfort, Sitzhaltung und Gewicht lassen keine Wünsche offen. Dafür, dass dieser Spitzen-Klassiker für viele ein Wunsch bleiben muss, sorgt allein sein Preis: 8.399 Euro sind’s in der getesteten Ausführung, 4.299 Euro kostet das Rahmenset. Immerhin: Wenn wir jetzt von Italien träumen, spielt das Bianchi Specialissima in unseren Gedanken eine wichtige Rolle.

Fazit Bianchi Specialissima

Beim Bianchi Specialissima stimmt alles, und wer kein Campa mag, bekommt es auch mit Shimano Dura-Ace oder (demnächst) mit SRAM eTap. Schade nur, dass das Rad sehr, sehr viel kostet.

Produkt-Highlights

  • Sehr geringes Gewicht, superleichte Laufräder
  • Handling, Fahrverhalten und Steifigkeit top
  • Klassiker-Feeling mit modernster Technik

Preise und Web

  • Testrad mit Campagnolo Super Record 8.399 €
  • Rahmenset 4.299 €
  • www.bianchi.com

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über den Autor

Marcus Degen

Marcus Degen ist Gründer des deutschen Radsportmagazins Procycling und war für neun Jahre dessen Chefredakteur. Während dieser Zeit gründete er als Herausgeber auch die Magazine Fahrrad News und World of Mountainbiking. Er hat Physik und Ingenieurwesen in München studiert und war in den späten Achtzigern und Neunzigern als Radamateur und Triathlet aktiv. Anfang 2013 rief er das digitale Fahrrad-Magazin Velomotion ins Leben.

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