Der neue E-Bike-Test der Stiftung Warentest kritisch betrachtet

Der neue E-Bike-Test der Stiftung Warentest kritisch betrachtet

Markt/Test: Die Stiftung Warentest hat gemeinsam mit dem Testpartner ADAC 15 E-Bikes bzw. Pedelecs getestet. Die Testergebnisse mit fünf Mal der Note „mangelhaft“ schlagen in der Fahrrad-Branche hohe Wellen. Velomotion setzt sich kritisch mit dem Test und den Ergebnissen auseinander.

Wie schon 2014 erfreut die Stiftung Warentest auch in diesem Jahr die Fahrradwelt wieder mit einem Test von E-Bikes. In der heute (24. Juni 2016) erschienenen Ausgabe werden 15 E-Bikes (Pedelecs wie die StiWa sie politisch korrekt durchgehend nennt) bewertet. Zu einem Zeitpunkt in der Saison also, zu dem allerorten die Lager leergefegt sind, nur noch Restposten erhältlich sind und in Kürze die 2017er Modelle präsentiert werden.
Am ärgsten betrifft diese zeitliche Diskrepanz das getestete Modell von Aldi Nord, das im März exklusiv bei Aldi in Norddeutschland erhältlich war – ein Test als Muster ohne Wert also. Außer man unterstellt der StiWa sich ganz gerne mit dem ein oder anderen „Mangelhaft“ zu schmücken und auf diese Weise ein „Opfer“ gefunden zu haben, das keinem weh tut.

Erstaunen darf allerdings, dass mit Kettler (Traveller E Tour FL), Stevens (E-Courier Forma) und Pegasus (Premio E8F) drei der meistverkauften E-Bike-Marken unter den mangelhaften Rädern zu finden sind. Klar, dass wieder ein Aufschrei durch die Fahrradbranche geht; überall wird über den Test der Stiftung gesprochen, Pressemitteilungen gehen raus und rein und die Heftverkäufe der Juli-Ausgabe von „test“ gehen hoch. Ein Heft mit 15 E-Bikes im Test verkauft sich gut, doch ein Heft in dem ein Drittel dieser 15 Räder im Test schallend durchfallen verkauft sich besser.
Die Stiftung Warentest ist bekannt dafür sich auf ihre Neutralität zu berufen – werbefrei!, wie man nicht versäumt zu betonen. Doch in Zeiten dramatisch sinkender Auflagenzahlen ist auch eine neutrale Stiftung dankbar für ein paar verkaufsfördernde Schlagzeilen.

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Bremsentest am Premio E8F bei Velomotion bestanden!

Auch wir von Velomotion haben im Frühjahr 2016 viele E-Bikes getestet – deutlich mehr sogar: insgesamt 76 Modelle aller Gattungen. Für die Labortests haben wir mit einem der führenden Institute (Velotech) zusammengearbeitet. Hier fanden unter anderem unsere Bremsentests auf einem zertifizierten Bremsenprüfstand statt.
Mit dabei war unter anderem das Premio E8F von Pegasus, das unseren Bremsentest souverän bestanden hat. Ausgestattet ist das Premio E8F mit hydraulischen Felgenbremsen von Magura (HS 22). Von den 15 Rädern im Test der StiWa waren übrigens 13 mit hydraulischen Felgenbremsen von Magura ausgestattet (8 x HS11, 4 x HS 22, 1 x HS 33); die Billigräder von Aldi und Fischer waren mit Seilzug-Felgenbremsen ausgestattet.

Auffällig in diesem Zusammenhang: Wo sind Räder mit Scheibenbremsen? Die gibt es in der getesteten Preiskategorie durchaus (siehe bspw. Pegasus Opero E8F).

Warum bestehen nun also in einem Testfeld mit 13 nahezu identischen Bremsen zwei (Pegasus mit HS 22 und Stevens mit HS 11) den Test nicht, während die elf anderen mit „gut“, teilweise mit „sehr gut“ abschneiden? Ganz einfache Antwort: „Wir wissen es auch nicht.“ Die Bremsen von Magura gelten als Benchmark im Segment der hydraulischen Felgenbremsen – besser belegen als mit diesem Testfeld kann man diese Aussage ja gar nicht. Die Effektivität einer Bremse unterliegt natürlich gewissen Einflüssen: Oberfläche der Felge, Bremsbeläge, Steifheit der Gabel … sonst hätte jede Bremse ja exakt die gleichen Werte, was offensichtlich nicht der Fall ist.

Was man aber mit Sicherheit sagen kann: jedes Rad (auch ein E-Bike), das mit einer ordnungsgemäß installierten HS 11 oder HS 22 ausgestattet ist bringt jeder Fahrer ohne große Mühe zum Stillstand. Wir würden, gerade am E-Bike, einer HS 22 immer mehr vertrauen als einer Seilzugbremse, wie sie am Fischer verbaut ist, die den Test aber mit „befriedigend“ bestanden hat.

Das Pegasus Premio E8F war übrigens auch 2014 im Testfeld der Stiftung Warentest und schnitt damals als eines von nur drei Rädern mit der Note „gut“ ab. Geändert wurde seit dem laut Pegasus am Rad nichts – lediglich die Bremse erhielt ein Upgrade von HS 11 auf HS 22 – erstaunlich, wie wir finden!

Mangelhaft wegen brechender Sattelklemmung?

Was die diversen Materialbrüche angeht, die auch zu einer Abwertung auf „mangelhaft“ führten, muss man ebenfalls den Kopf schütteln und das Ergebnis unbedingt mit Vorsicht genießen.
Das Kettler Traveller E Tour FL wurde auf mangelhaft abgewertet, weil die Sattelklemmung brach; ebenso das Aldi-Rad. Beim Pegasus Premio E8F brach der Gepäckträger unter Dauerlast. Beim Fischer die Sattelstütze.

Eine brechende Sattelstütze kann schwerwiegende Folgen haben, eine brechende Sattelklemmung wird sich aber erst durch feine Risse äußern, die den Sattel vermutlich locker werden lassen; spätestens dann ist der Mangel zu entdecken und zu beheben. Auf einem Prüfstand wird bis zum harten Bruch weiter gefahren.

Ganz abgesehen davon, dass die StiWa mit einem solchen Test-Ergebnis einer Marke einen lebensgefährlichen Stoß versetzen kann muss man festhalten, dass derartige Mängel kein Alltag sind. Bei der Prüfung durch die StiWa werden die Räder auf den Prüfständen extremen Dauerbelastungen ausgesetzt, die nicht unbedingt mit dem Fahren in der Praxis gleichzusetzen sind.

 

Kettler will juristisch gegen Stiftung Warentest vorgehen

Bei Kettler kommt hinzu, dass das betroffene Rad zum Zeitpunkt des Kaufes noch unter der Firmierung der damals in Insolvenz befindlichen Heinz Kettler GmbH & Co. KG erfolgte. Inzwischen operiert die neue Kettler Alu-Rad GmbH unter dem Dach der Einkaufsgenossenschaft ZEG, die ausdrücklich betont, dass das getestete Rad nicht von ihr stamme.
Die ZEG prüft übrigens sogar juristische Schritte gegen die Stiftung Warentest einzuleiten. Laut der Testbeschreibung der Warentester wurden bspw. alle Räder beim Bremsentest mit einem Systemgewicht von 150 kg belastet; obwohl ALLE Räder mit ihren zulässigen Systemgewichten (teilweise deutlich) darunter liegen. Im Falle des Kettler sind dies 130 kg. Gegenüber dem Nachrichtenmagazin FOCUS erklärte Warentest-Sprecherin Heike van Laak dazu, man habe die E-Bikes beim Test bewusst über die DIN-Norm hinaus belastet. Dies entspreche schließlich den realen Bedingungen.

Ob man ein ansonsten in allen Belangen gut getestetes Rad wegen der angeblichen Mängel bei Bremsen und/oder wegen eines gebrochenen Gepäckträgers auf „mangelhaft“ bewerten muss, ist obendrein ein diskussionswürdiger Punkt.

Nur die Fahrpraxis kann ein Rad abschließend bewerten

Im Verlauf der E-Bike-Tests, die Velomotion durchgeführt hat, wurden weit über 10.000 „echte“ Praxiskilometer zurückgelegt. Materialfehler oder -schäden haben wir dabei keinen einzigen erlebt. Noch nicht einmal einen Plattfuß gab es zu protokollieren – die einzigen beiden platten Reifen waren Resultat der Rollentests im Labor – ein weiterer Beleg dafür, dass die Bedingungen auf dem Prüfstand nicht immer dem „echten Leben“ entsprechen.
Wir bei Velomotion sind überzeugt davon, dass eine qualifizierte Aussage über die Qualität eines jeden Fahrrades und E-Bikes ohne den Praxistest eines erfahrenen Redakteurs unmöglich ist. Nur wer schon auf hunderten verschiedener Räder saß, weiß worauf es ankommt, weiß in entscheidenden Situation wie sich ein Rad verhalten wird und besitzt die Kompetenz ein Rad auch an Grenzbereiche heranzuführen.
So haben wir in unseren Praxistests ganz bewusst einen 100-Kilo-Fahrer mit jedem Rad in eine steile Abfahrt geschickt. Dabei wurden auch mit City-E-Bikes Geschwindigkeiten von 80 km/h erreicht. Jedes Rad konnte sicher zum Stillstand gebracht werden!

Kritik an der Auswahl der Test-Pedelecs

Schade übrigens, dass sich im Testfeld der Stiftung Warentest kein einziges Rad mit Shimano-Antrieb befand. Der Antrieb des japanischen Komponenten-Herstellers ist inzwischen weit verbreitet und hätte der Relevanz des Testfeldes gut getan.

Überhaupt die Auswahl der Testräder: Immerhin hat man sich auf 15 Räder gesteigert – deutlich mehr als noch 2014 beim letzten Test. Aber warum testet man mit dem Raleigh Dover und dem Kalkhoff Agattu zwei Räder, die aus einem Haus stammen (Derby Cycle), völlig identisch sind und am Ende beide mit „gut“ abschneiden?
Warum kein Rad mit Scheibenbremsen? Gerade bei E-Bikes sind Scheibenbremsen sehr weit verbreitet und wo Bremsen für die StiWa doch so eklatant wichtig sind, dass man Räder deshalb abwertet, hätte man sich zum Vergleich wenigstens drei oder vier solcher Räder im Test gewünscht.
Die StiWa-Tester kritisieren an allen Rädern die nötige Schaltpause, die beim Gangwechsel unter Last nötig ist – klar, alle getesteten Räder sind mit einer Nabenschaltung ausgestattet. Das Problem ist bekannt, weswegen ein Fachhändler einem Kunden, der in hügeligem Terrain unterwegs sein wird immer eine Kettenschaltung empfehlen wird. Leider Fehlanzeige im Testfeld – dabei wäre dieser Vergleich besonders interessant gewesen.

Testsieger mit einer Note von 1,7 ist übrigens das Modell B8.1 der schweizer Marke Flyer. Das Rad ist aber mit 3.300 Euro auch das teuerste im Testfeld.

Hier geht es zum großen E-Bike und Pedelec Test von Focus und Velomotion

 

über den Autor

Marcus Degen

Marcus Degen ist Gründer des deutschen Radsportmagazins Procycling und war für neun Jahre dessen Chefredakteur. Während dieser Zeit gründete er als Herausgeber auch die Magazine Fahrrad News und World of Mountainbiking. Er hat Physik und Ingenieurwesen in München studiert und war in den späten Achtzigern und Neunzigern als Radamateur und Triathlet aktiv. Anfang 2013 rief er das digitale Fahrrad-Magazin Velomotion ins Leben.

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