Test: Quarq ShockWiz: Per Smartphone zum richtigen Fahrwerkssetup?
Foto von Michael Faiß

Test: Quarq ShockWiz: Per Smartphone zum richtigen Fahrwerkssetup?

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Test: Lange hat es gedauert, bis der von vielen Mountainbikern mit Spannung erwartete Quarq ShockWiz in den Handel kam. Seit einigen Wochen ist das Fahrwerks-Gadget nun aber endlich erhältlich. Kann das kleine schwarze Kästchen die hohen Erwartungen erfüllen? Funktioniert das Setup von Gabel und Dämpfer per Smartphone wirklich so gut wie es die Erfinder versprechen? Wir haben den knapp 420€ teuren ShockWiz unter die Lupe genommen.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass eine kleine australische Fahrwerks-Tuning-Firma mit ShockWiz erstmals Schlagzeilen machte. Damals suchte man auf Kickstarter nach Unterstützern für ein aus der Sicht der Erfinder fast revolutionäres Hilfsmittel für ambitionierte Mountainbiker. Denn egal ob Fully oder Hardtail, kaum eine Einstellung am Fahrrad hat größere Auswirkungen auf das Fahrverhalten, als das richtige Setup des Fahrwerks – also von Dämpfer und Federgabel. Das Potenzial von ShockWiz erkannte auch Komponentenriese SRAM bzw. dessen Tochterunternehmen Quarq, das den beiden Australiern die Technologie abkaufte.

Im Verlauf der letzten Jahre hat sich im Bereich der MTB-Fahrwerke sehr viel getan: Die Systeme wurden ausgefeilter, die Performance besser und die Einstellmöglichkeiten vielfältiger. Eine moderne Luftfedergabel steckt voller ausgefeilter Technik und ist für einen Großteil ihrer Nutzer aus technischer Sicht ein Böhmisches Dorf. Highspeed-Druckstufe, Rebound, Volumenspacer, Floodgate sind nur einige der Begriffe, mit denen man sich befassen muss, möchte man das optimale Setup für das eigene Fahrwerk finden – die Zeiten, in denen man nur den Luftdruck auf das Körpergewicht einstellt und loslegt, sind vorbei.

Nun mögen viele denken: „Dazu habe ich doch meinen Händler“ – das stimmt zwar zum Teil, denn ein gut geschulter Händler kann bei der richtigen Fahrwerkseinstellung helfen, doch viel mehr als ein solides Grundsetup wird man so kaum finden. Der Grund ist simpel: Jeder Fahrer ist anders, jede Sitzpositon ist anders, jeder Fahrstil ist anders und jeder hat andere Vorlieben für seine Lieblingstrails. All das sind jedoch Faktoren, die sich in nicht unerheblichem Maße auf das richtige Fahrwerkssetup auswirken. Wer also die perfekte Einstellung für sich selbst finden wollte, kam nicht umhin, sich selbst mit der komplizierten Thematik zu beschäftigen – zumindest bis jetzt.

Genau an dieser Stelle kommt nun nämlich das ShockWiz ins Spiel. Das kleine Kästchen wird mit der Luftkammer des Federelements verbunden, kalibriert und sammelt ab sofort auf jeder Fahrt Daten zur Performance von Gabel oder Dämpfer. Im Zusammenspiel mit der Smartphone App, die per Bluetooth auf das ShockWiz zugreift, werden die gesammelten Daten analysiert und interpretiert. Wippt die Gabel? Kickt der Dämpfer zu viel? Rauscht man durch den Federwerg? Die App liefert Antworten auf diese Fragen und gibt darüber hinaus Tipps, wie man eventuelle Probleme in den Griff bekommen kann. Wir haben das Quarq ShockWiz mehrere Wochen ausgiebig an verschiedenen Federelementen getestet.

Quarq ShockWiz: Montage und Setup

Bevor es jedoch an die Fahrwerksanalyse geht, muss das kleine Kästchen zuerst montiert und auf das Federelement abgestimmt werden. Im Lieferumfang befindet sich alles, was man für die Montage braucht. Als erstes wird das kleine Kunststoffkästchen in eine Art Gummiummantelung gepackt. Das schützt nicht nur das ShockWiz selbst, sondern auch die Federelemente während der Fahrt. Anschließend wird die Luftkammer mit einem der beiden beiliegenden Schläuche angeschlossen. Zu guter Letzt befestigt man noch das ShockWiz selbst per Kabelbinder an der Gabelkrone oder am Dämpfer. Damit ist man mit der Montage selbst fertig.

Als nächstes steht nun die Kalibrierung an; diese muss bei jedem Federelement nach der Montage durchgeführt werden und dauert maximal fünf Minuten. Bei den einzelnen Arbeitsschritten unterstützt die wirklich äußerst gelungene App, die für Android und iOS erhältlich ist. Ein Setup-Wizard gibt dabei nicht nur die Anweisungen, was zu tun ist, sondern überprüft direkt auch, ob der jeweilige Arbeitsschritt richtig ausgeführt wurde. Zuerst muss über das zweite Luftventil am ShockWiz die Luft komplett abgelassen werden und nach einigen Kompressionen und Auseinanderziehen bringt man Gabel bzw. Dämpfer wieder auf Druck und es kann losgehen.

Noch einige Worte zur Kompatibilität: Das ShockWiz funktioniert mit allen Luftfederelementen mit einer durchgängigen Positiv-Luftkammer, unabhängig vom Federweg. Tuning von SID bis Boxxer ist also kein Problem. Coil-Gabeln und Dämpfer kann man logischer Weise nicht abstimmen, ebenso wie Gabeln mit getrennten Positivkammern: Das betrifft beispielsweise AWK, Manitous IRT und auch MRPs Ramp Control. Gabeln mit verstellbarem Federweg sind ein schwieriges Thema; während beispielsweise Gabeln von FOX mit Talas System mit dem ShockWiz funktionieren, so lange man den Federweg nicht ändert, muss man als Besitzer einer Rock Shox Dual Position Air (DPA) Gabel auf den ShockWiz verzichten.

Quarq ShockWiz: Die App

Die Hardware ist also ‚Ready to ride‘ – nun sollte man sich vor der ersten Ausfahrt noch ein wenig mit der App beschäftigen. Diese ist wie bereits erwähnt sowohl für Android als auch für iOS erhältlich und selbstverständlich kostenlos. Die optische Aufmachung ist äußerst gelungen und inzwischen ist die App auch komplett auf Deutsch erhältlich. Der Startbildschirm ist übersichtlich und gibt Aufschluss über Luftdruck, Sag, Ladezustand des Akkus und dem Zustand der Kalibrierung. Zudem kann man den „Abstimmungstyp“ auswählen. Hier bietet die App vier Profile, auf die dann später die Tipps für das richtige Setup ausgerichtet werden.

Die vier Abstimmungstypen

Effizient: Rein auf die Tritteffizienz ausgerichtet. Mit Effizient federt das Rad weniger ein und Federbewegungen durch Pedalkräfte werden unterdrückt. Effizient sorgt für die härteste Federungsabstimmung.
Ausgewogen: Die mittlere Einstellung, die einen Kompromiss zwischen Traktion, Komfort und Tritteffizienz darstellt. Ausgewogen ist der Standard-Abstimmungstyp des ShockWiz.
Sportlich: Ähnlich wie Ausgewogen, jedoch etwas dynamischeres Fahrverhalten für mehr Fahrspaß.
Aggressiv: Auf ein komfortables und aktives Fahrverhalten ausgelegt, bei dem Federbewegungen durch Pedalkräfte nicht stören. Mit Aggressiv nutzt du den gesamten Federweg und erhältst die weichste Federungsabstimmung.

Entscheidet man sich während der Benutzung für einen neuen Abstimmungstyp, werden alle gesammelten Daten gelöscht und man ‚muss‘ erneut auf den Trail. Die drei weiteren Tabs – Vorschläge, Diagnose und Statistik – werden erst nach einer ausgiebigen Testfahrt mit Daten gefüllt. Schön sind die Zusatzinfos für beinahe alle Begriffe, Tipps und Vorschläge: So finden sich auch Fahrwerks-Novizen recht schnell zurecht, auch wenn man sich natürlich trotzdem ein wenig mit der Materie auseinandersetzen muss.

Quarq ShockWiz: Praxistest

Wie eingangs erwähnt haben wir den ShockWiz über den Zeitraum von einigen Wochen an verschiedenen Federelementen getestet. Neben einem Monarch+ und einer Pike aus dem Hause Rock Shox musste sich der Tuning-Helfer auch an einer „fremden“ Gabel von DT Swiss beweisen. Um es direkt vorweg zu nehmen: Der ShockWiz funktionierte an allen getesteten Gabeln und Dämpfern problemlos und machte zu keiner Zeit irgendwelche Probleme.

Wir haben den ShockWiz in den meisten Fällen auf den Isartrails im Süden von München getestet und versucht, möglichst abwechslungsreiches Terrain unter die Räder zu nehmen: Von technischen Uphill-Sektionen über Stolper-Passagen bis hin zu flowigen Trails, Steinfeldern, Kickern und Drops. Ist man mit dem ShockWiz unterwegs, muss man übrigens nicht immer das Smartphone dabei haben; die Daten werden auf dem internen Speicher gesammelt und dann beim nächsten Verbinden mit dem Smartphone ausgewertet. Trotzdem macht es durchaus Sinn, das Handy einzustecken, wenn man mit dem ShockWiz unterwegs ist, um direkt Anpassungen vorzunehmen und sich so während eines Rides dem optimalen Setup anzunähern.

Doch wie funktioniert das alles nun im Detail? Verbindet man nach einigen Trails sein Smartphone mit dem ShockWiz gibt ein Abstimmungswert auf der Startseite an, wie gut das jeweilige Federelement bereits abgestimmt ist. Wichtig ist zudem der Wert „Verlässlichkeit“; hat das Gerät nämlich noch nicht genügend Daten gesammelt, können Diagnose und Tipps vom Optimalwert abweichen. Damit jedoch nicht genug: Die App gibt ebenso Empfehlungen, welche Art von Terrain als nächstes gefahren werden sollte, um die benötigten Daten sammeln zu können. Unsere Testrides zeigten, dass man durchaus einige unterschiedliche Trails fahren muss, bis sich die Verlässlichkeit des ShockWiz im grünen Bereich befindet. Das zeigt auch, dass eine ganze Menge Daten gesammelt und ausgewertet werden.

Danach geht es ans Eingemachte. Bevor wir uns aber direkt an die Setup-Tipps wagen, noch ein paar Worte zu den beiden Tabs „Diagnose“ und „Statistik“. Hier findet man zum einen Infos darüber, in welchen Bereichen die Gabel oder der Dämpfer noch Probleme machen bzw. wo eben nicht. Schlägt die Gabel durch? Wippt der Dämpfer? Schaukelt sich das Rad bei schnellen Schlägen auf? Zusätzlich bekommt man sogar noch Angaben zum durchschnittlichen Sag, wie lange man bei Sprüngen in der Luft ist und wie oft das Federelement durchschlägt. Alles durchaus interessant.

Nun kommen wir aber endlich zu den Tipps bzw. zu den Vorschlägen: Der ShockWiz kennt hier sechs Einstellmöglichkeiten:

  • Luftdruck
  • Progression
  • Zugstufe
  • HS Druckstufe
  • LS Druckstufe
  • Durchschlagwiderstand

Zu jeder Einstellmöglichkeit gibt die App nun Empfehlungen ab; bei der Vorgehensweise ist entscheidend, dass man diese Liste in exakt dieser Reihenfolge von oben nach unten abarbeitet. Hat man jedoch einmal eine Änderung vollzogen, muss eine neue Session gestartet werden – d.h. die vorigen Daten werden gelöscht und man beginnt von vorn. Je nach dem, wie viele Einstellungen man ändern möchte, kann das Setup so schon einige Stunden oder Tage in Anspruch nehmen.

Nicht alle Gabeln und Dämpfer bieten die Möglichkeit, auf alle Faktoren Einfluss zu nehmen: So gibt es im Falle unserer DT Swiss OPM ODL Gabel beispielsweise keine getrennte Einstellung zwischen HS und LS Druckstufe. In diesem Fall rät Quarq, dass man den entsprechenden Vorschlag ignoriert. Für die Zukunft fänden wir es schön, wenn es die Möglichkeit gäbe, die Einstellmöglichkeiten des Federelements in der App anzugeben. Insgesamt ist die Benutzung der App intuitiv, die kleinen Hilfetexte erleichtern Anfängern den Einstieg. Wer sich jedoch bisher gar nicht mit Fahrwerken auseinandergesetzt hat, könnte dennoch schnell überfordert sein. Eine gewisse Bereitschaft, sich mit der Thematik zu beschäftigen ist auch bei Benutzung des ShockWiz unumgänglich.

Doch nun zur entscheidenden Frage: Was taugt die Analyse des ShockWiz? Bringen die Tipps das gewünschte Ergebnis? Wir waren zu Anfang durchaus erfreut und fühlten uns in unserem Biker-Stolz bestätigt, als der ShockWiz an dem in langen Sessions gefundenen Setup nur sehr wenig auszusetzen hatte. Wir waren dennoch neugierig, wie reproduzierbar die Ergebnisse sind und machten die Probe auf’s Exempel: Wir notierten alle unserer Einstellungen und drehten im Anschluss wie die Berserker an allen erdenklichen Reglern; Rebound so schnell wie möglich, Druckstufe zu, Luftdruck zu niedrig. Wir stellten den ShockWiz vor das Problem einer denkbar schlecht eingestellten Federgabel. Danach ging es auf die immerselben Trails und sklavisch befolgten wir die Tipps der App, bis sich alle Regler im grünen Bereich befanden. Insgesamt drei Mal ließen wir diese Setup-Tortur über uns ergehen und notierten natürlich nach jedem Durchgang die gefundenen Einstellungen.

Das Resultat unseres kleinen Feldversuchs war beachtlich und überraschte uns zugegebenermaßen nicht schlecht: Das erreichte End-Setup glich sich bei allen drei Versuchen bis auf einige winzige Abweichungen exakt. Die Unterschiede zu unserem eigenen Ausgangssetup waren zwar etwas größer, aber keineswegs riesig und – Biker-Stolz hin oder her – wir hatten das Gefühl, die Gabel machte mit den empfohlenen ShockWiz Einstellungen eine bessere Figur. Im Klartext heißt das also: Wir hätten die über mehrere Tage mühsam erarbeitete Feinabstimmung der Federgabel mit Hilfe des ShockWiz in einem Nachmittag finden können. Durchaus beeindruckend.

Eine Frage plagte uns aber dennoch: Wie kommt der Quarq ShockWiz mit unterschiedlichen Bedingungen und Trails zurecht? Um dies zu ermitteln, haben wir uns drei in ihrer Art sehr unterschiedliche Trailabschnitte ausgesucht; ein flowiger, meist flacher Trail mit ein paar Wurzelfeldern, einigen Kickern und kurzen Gegenanstiegen, ein eher technischer, verblockter und steiler Trail mit einigen Drops und ein flowiger Trail bergab, bei dem man es richtig krachen lassen kann. Jede Testrunde enthielt zudem noch ein kleines Uphillstück, um wieder zum Trailanfang zu gelangen. Zu Beginn starteten wir eine neue Session und fuhren den Trail so oft, bis unsere App mindestens eine Verlässlichkeit von 90% anzeigte, bevor wir Änderungen vornahmen.

Hier bekamen wir teils sehr verschiedene empfohlene Setups, je nach der Art des gefahrenen Trails. Das ist zwar einerseits logisch, da die Anforderungen an die Gabel (oder auch den Dämpfer) je nach Terrain verschieden sind. Etwas irreführend finden wir die Verlässlichkeitsanzeige der App dennoch, da sie suggeriert, die Empfehlungen seien – zumindest großteils – unabhängig von der Art des Geländes. Die unterschiedlichen Ergebnisse per se sind jedoch kein Kritikpunkt, man muss dies aber bei der Benutzung des ShockWiz dennoch im Hinterkopf behalten. Wer ein möglichst gutes Allround-Setup finden möchte, der sollte so viele unterschiedlichste Trails wie möglich fahren, unabhängig von der Verlässlichkeitsanzeige in der App und die Anpassungen entsprechend vornehmen. Positiv könnte dieser Umstand für diejenigen sein, die ihr Fahrwerk auf einen bestimmten Track bzw. Trail perfekt abstimmen möchten. Gerade im Renneinsatz könnte dies für den einen oder anderen durchaus interessant sein.

Noch haben wir nicht über den sprichwörtlichen Elefanten auf dem Trail gesprochen: Der ShockWiz ist mit einer UVP von 419€ ziemlich kostspielig, insbesondere da die meisten Biker wohl kaum jede Woche ihr Fahrwerkssetup verändern möchten. Sinn macht die Anschaffung aber vor allem in der Gruppe, im Verein/Team oder auch als Bikeshop bzw. Verleih. So kann man sich die hohen Anschaffungskosten teilen und die unbestreitbaren Vorteile des ShockWiz dennoch nutzen.

Fazit: Quarq ShockWiz

Pro

Einfache Montage
Tolle App
Nützliche Tipps

Contra

Sehr teuer
Nur bedingt Einsteiger-geeignet

Fakten

Produktjahr
2017
Preis
419,00€
Web
Fahrwerkssetup per Smartphone - klingt nach Zukunft und technischer Spielerei, funktioniert im Falle des ShockWiz aber ausgesprochen gut. Die Vorschläge der App stimmten meist mit unserem Empfinden überein und waren - auf ähnliches Terrain beschränkt - auch reproduzierbar. Dass die Tipps je nach Terrain teilweise stark differieren, mag für den einen positiv, für andere wiederum negativ sein. Die hohen Anschaffungskosten sind sicherlich für viele ein K.O.-Kriterium; wir empfehlen mit einigen Biker-Kumpels zusammenzulegen. Dann gibt es mehr Fahrwerke einzustellen und die Kosten für den einzelnen halten sich in Grenzen.

über den Autor

Michael Faiß

Michael Faiß hat in München Englisch und Geschichte studiert. Nach einem einjährigen Aufenthalt in England arbeitete er als Übersetzer unter anderem für das Magazin Procycling und das Degen Mediahouse. Außerdem ist er seit der Kindheit passionierter Radfahrer und –schrauber und fühlt sich vor allem abseits der asphaltierten Wege zuhause.

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