Test / Cargobike: Auf der Eurobike 2024 zog ein völlig neuer Player die Blicke der Lastenrad-Community auf sich: TARRAN. Das Unternehmen, dessen Entwickler eher aus den Bereichen Software, Robotik und Drohnentechnologie stammen, präsentierte mit dem Tarran T1 Pro ein smartes E-Cargobike, das in puncto digitaler Integration und Sicherheitsfeatures neue Maßstäbe im urbanen Familien-Mobilitätssektor setzen soll. Mit Radar, drei Kameras, einem großen Touch-Display und einem automatischen Fahrwerkssystem bringt das T1 Pro Technologien auf den Radweg, die man sonst eher in der modernen Automobilindustrie vermutet. Wir haben das vollgefederte Long John genauer unter die Lupe genommen und auf die Probe gestellt, um herauszufinden, ob die viele Technik im Alltag echten Mehrwert bietet.
Smarte Konstruktion trifft auf durchdachtes Rahmenkonzept
Das Tarran T1 Pro ist im Kern ein klassisches Long-John-Lastenrad mit einer großen Ladefläche vor dem Lenker, hebt sich jedoch durch eine sehr moderne Linienführung ab, die in Zusammenarbeit mit der renommierten Designagentur KISKA entstanden ist. Auffällig ist die für diese Radgattung vergleichsweise kompakte Gesamtlänge von nur 2,26 Metern. Erreicht wird diese Wendigkeit unter anderem durch ein intelligentes Dual-Kabel-Lenksystem, das das Rangieren in engen Gassen massiv erleichtert.
In Sachen Zuladung macht das T1 Pro keine halben Sachen: Das maximal zulässige Gesamtgewicht (Fahrer, Fahrrad und Ladung) liegt bei satten 220 Kilogramm. Die aus recycelbarem, stoßabsorbierendem und vor allem kinderfreundlichem EPP-Material gefertigte Transportbox an der Front ist für bis zu 65 Kilogramm freigegeben. Hier finden problemlos zwei Kinder bis zu einer Körpergröße von 1,26 Metern nebeneinander Platz, alternativ schluckt die Box auch drei gängige Euroboxen. Wer noch mehr Transportbedarf hat, kann auf dem hinteren MIK-HD-Gepäckträger weitere 25 Kilogramm verladen. Tarran legt zudem Wert auf Nachhaltigkeit und verwendet neben der recyclebaren Box auch umweltfreundliche, wasserbasierte Lacke.
Die technischen Eckdaten: Motor, Antrieb und Bremsanlage
Angetrieben wird das T1 Pro von einem eigens gelabelten Mittelmotor, der laut Hersteller ein massives Drehmoment von 100 Nm sowie eine Spitzenleistung von 750 Watt liefert. Die Energieversorgung übernimmt im Standard-Setup ein intern verbauter, entnehmbarer Akku mit 708 Wattstunden. Wer längere Touren plant, kann das System dank eines vorgesehenen Steckplatzes im Unterboden der Ladebox mit einem zweiten Akku auf 1,4 kWh aufrüsten, was die Reichweite laut Tarran auf bis zu 200 Kilometer im Eco-Modus anhebt. Die clevere Positionierung der Akkus schützt diese dabei nicht nur vor Witterungseinflüssen, sondern erschwert auch einen Diebstahl.
Die Kraftübertragung auf das Hinterrad erfolgt über einen wartungsarmen Gates Carbon Drive CDX Riemen und eine stufenlose Enviolo Heavy Duty Nabenschaltung, die speziell für die hohen Belastungen von E-Cargobikes konzipiert wurde. Um das schwere Gefährt auch voll beladen sicher zum Stehen zu bringen, verbaut Tarran eine potente TRP 4-Kolben-Bremsanlage. Hier stechen besonders die massiven Bremsscheiben mit einem Durchmesser von 180 Millimetern und einer überdurchschnittlichen Dicke von 2,3 Millimetern hervor – ein absolutes Plus für die Hitzeableitung und Standfestigkeit auf langen Abfahrten.
Das digitale Cockpit und smarte Sicherheitsfeatures
Die eigentliche Sensation des T1 Pro ist jedoch das eigens entwickelte Betriebssystem „TarranOS“, das über ein 5,2 Zoll großes Retina-Touch-Display in der Lenkermitte gesteuert wird. Das System übernimmt die komplette Steuerung des Rades. Entsperrt wird das Cargobike völlig schlüssellos via NFC-Karte oder per Smartphone-App. Das Cockpit fungiert dabei gleichzeitig als induktive Qi2.0-Ladestation (15 Watt) für das Handy, verfügt über zwei integrierte Bluetooth-Lautsprecher zur Musikwiedergabe und bietet zwei USB-Ladeanschlüsse.
Besonderes Augenmerk wurde auf die präventive Sicherheit gelegt: Ein Millimeterwellen-Radar am Heck sowie eine Rückfahrkamera überwachen permanent den nachfolgenden Verkehr. Nähert sich ein Fahrzeug gefährlich schnell, warnt das System den Fahrer durch haptisches Feedback (Vibration) im Lenker und blendet den Video-Stream des rückwärtigen Verkehrs auf dem Display ein. Eine 180-Grad-Frontkamera verbessert zudem die Übersicht an unübersichtlichen Kreuzungen. Abgerundet wird das Kamera-Trio von einer im Steuerrohr integrierten 1080p-Selfie-Kamera, mit der sich per Knopfdruck am Lenker Schnappschüsse von Fahrer und den Passagieren in der Transportbox machen lassen. Ein Sentry-Modus (Wächtermodus) mit 6-Achsen-Gyroskop und GPS-Tracking schützt das Rad im Parkzustand vor Diebstahl, indem er bei Erschütterungen Alarme auslöst und Live-Videos aufzeichnet.
Landegestelle am Lastenrad: Das Dynamic Dualdrive™ System
Das wohl auffälligste mechanische Feature sind die „Stützräder“ – von Tarran als Dynamic Dualdrive Landing Gear System bezeichnet. Diese ausklappbaren Fahrwerke an der Front fahren bei niedrigen Geschwindigkeiten oder beim Anhalten automatisch aus und stabilisieren das Rad. Das ewige und oft kraftraubende Aufbocken eines voll beladenen Lastenrads auf einen klassischen Zweibeinständer entfällt damit komplett. Die Stützräder verfügen über eigene kleine Motoren und eine Federung, wodurch sie sich sogar an unebene Untergründe oder Straßenneigungen anpassen können, um das Rad stets in der Waage zu halten.
Das Tarran T1 Pro in der Praxis: Der Testeindruck
Graue Theorie ist das eine, aber wie schlägt sich das vollgepackte Technik-Wunderwerk im echten Leben? Um es vorwegzunehmen: Man kann von der schieren Menge an Features und Einstellmöglichkeiten im ersten Moment durchaus erschlagen werden. Wer einfach nur aufsteigen und losfahren möchte, muss sich erst an die umfassende Connectivity und das Menü des TarranOS gewöhnen. Hat man sich jedoch auf das System eingelassen, besticht das Rad durch Detaillösungen, bei denen andere Hersteller das Problem noch gar nicht erkannt haben.
Hervorzuheben ist die exzellente Ergonomie. Das Rad folgt einem „One Size Fits All“-Konzept und lässt sich über den winkelverstellbaren Vorbau sehr gut an verschiedene Fahrer anpassen. Dazu trägt auch die serienmäßige Variostütze bei, die sich ganz bequem per Hebel unter dem Sattel absenken lässt. So findet man an der Ampel sofort einen sicheren Stand, ohne aus dem Sattel gehen zu müssen. Ein kleiner Kritikpunkt am Rahmendesign ist jedoch das relativ hohe Oberrohr. Gerade für kleinere Personen oder beim Fahren mit Rock ist der Auf- und Abstieg etwas umständlich, da man das Bein hinten über den Sattel schwingen muss. Ein tieferer Durchstieg würde die Handhabung im Alltag hier nochmals erleichtern.
Sobald man in die Pedale tritt, entfaltet das T1 Pro sein volles Potenzial. Das Fahrverhalten unterscheidet sich leicht von klassischen Long Johns. Durch die etwas kürzere Transportbox und den kompakten Radstand fährt sich das Tarran überraschend agil und wendig. Die Vollfederung (50 mm vorne, 60 mm hinten) hebt den Schwerpunkt des Rades minimal an, was sich auf den ersten Metern leicht kippelig anfühlen kann. Hat man sich nach kurzer Zeit daran gewöhnt, möchte man den Komfort jedoch nicht mehr missen. Schlaglöcher, Bordsteinkanten und Kopfsteinpflaster bügelt das Fahrwerk souverän glatt.
Egal ob Wasserkästen, der Familienhund oder die Kinder an Bord sind – die Ladung wird extrem sanft transportiert. Unterstützt wird dieser Komfort durch die hochwertigen Ergon-Komponenten (Griffe und Sattel) sowie die robusten Schwalbe Pick-Up Reifen, die für schwere Lasten prädestiniert sind.
Der Motor überzeugt auf ganzer Linie. Er arbeitet erfreulich leise, klappert nicht und liefert eine enorm harmonische Kraftentfaltung. Die versprochenen 100 Nm Drehmoment nehmen wir dem Antrieb sofort ab – selbst steile Anstiege mit voller Zuladung meistert das System ohne Murren. Die Kombination mit dem Gates-Riemen und der stufenlosen Enviolo-Schaltung ist für ein Lastenrad nahezu perfekt: geräuschlos, wartungsfrei und extrem komfortabel. Auch die TRP 4-Kolben-Bremsen mit ihren extradicken 2,3-mm-Bremsscheiben performen überragend. Die Bremskraft ist brachial und lässt sich dennoch gut dosieren; Fading oder Überhitzung sind dank der massiven Scheiben kein Thema.
Das Stützrad-System (Dynamic Dualdrive) erfordert anfänglich etwas Übung. Die Automatik-Modi, bei denen die Räder ab einer gewissen Geschwindigkeit selbstständig ein- und ausfahren, können anfangs irritieren. Wir sind im Test schnell dazu übergegangen, die Stützräder manuell per Knopfdruck am Lenker zu steuern. In der Parkposition steht das T1 Pro absolut bombenfest – ein enormer Vorteil beim Be- und Entladen von zappelnden Kindern. Zudem lässt sich das Rad im abgesenkten Zustand auch hervorragend schieben, ohne dass man das schwere Gewicht ausbalancieren muss.








