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Lazer KinetiCore: Neue Helm-Technologie für mehr Sicherheit

30. März 2022 by Michael Faiß

Mit Fahrradhelmen ist es so eine Sache: Einerseits dürfte ihre Schutzwirkung – gerade im sportiven Bereich – unbestritten sein, andererseits ist es gar nicht so einfach, detaillierte und unabhängige Infos zu eben dieser zu bekommen. Das Gute jedoch direkt vornweg: So ziemlich jeder Helm, der hierzulande verkauft werden darf, muss einen gewissen Basisschutz bieten, egal ob High-Performance Modell für mehrere Hundert Euro oder die Spar-Variante vom Discounter. Darüber hinaus beeinflussen jedoch oft andere Dinge die Kaufentscheidung – Design, Gewicht, Belüftung, Komfort. Alles sehr wichtige Faktoren, keine Frage und die Unterschiede sind hier auch jederzeit deutlich sicht- und spürbar. Etwas anders verhält es sich bei der Schutzwirkung, denn im Optimalfall muss ein Helm diese nie wirklich unter Beweis stellen.

Helmhersteller stehen deshalb gleich in mehrerlei Hinsicht vor einem Dilemma: Einerseits möchte man die Kommunikation zu den Produkten nicht zu sehr auf den „Worst Case“, also einen Sturz, ausrichten, um die Schutzwirkung des Helms in den Vordergrund zu stellen, andererseits handelt es sich dabei um die Hauptfunktion des Helms. Dazu kommt, dass sich die Schutzwirkung oft nicht unbedingt mit den anderen Faktoren wie Belüftung oder Gewicht verträgt; sprich, ein fünf Kilogramm schwerer Helm ohne Lüftungsöffnungen könnte wohl neue Sicherheits-Maßstäbe setzen – nur tragen würde ihn wohl kaum jemand. Insofern sind in dieser Hinsicht von den Helmherstellern Fingerspitzengefühl und sinnvolle Kompromisse gefragt.

Kineticore
Knapp zehn Jahre Entwicklungszeit stecken in KinetiCore.


Im Kontext all dieser Schwierigkeiten waren wir umso gespannter, als uns Lazer Anfang März nach Belgien einlud, um  dort eine neue Helm-Technologie zu präsentieren. Immerhin gehört Lazer zu den ältesten Helmherstellern überhaupt, man stattet zahlreiche Profis und Teams wie beispielsweise Jumbo-Visma aus und ist Teil der Shimano Group. Direkt vornweg: Unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht, denn die sogenannte KinetiCore Technologie dürfte wohl nichts weniger sein als ein Meilenstein in der langjährigen Geschichte des Traditionsherstellers.

Die Sache mit den Rotationskräften

Im Grunde genommen handelt es sich bei KinetiCore um eine Technologie, die die bei einem Sturz auftretenden Rotationskräfte aufnehmen soll. Das ist vor allem deshalb so wichtig, da diese Rotationskräfte eine Hauptursache für Verletzungen des Gehirns wie Gehirnerschütterungen sind und bei quasi jedem Sturz auftreten. Schlägt man nämlich mit dem Kopf bzw. Helm auf den Untergrund, geschieht dies quasi nie nur frontal in einem 90° Winkel sondern es wirken gleichzeitig immer auch seitliche Kräfte, die den Helm und damit auch den Kopf in Rotation versetzen. Diese oft ruckartige Rotation kann dann zu Verletzungen wie Gehirnerschütterungen oder Traumata führen.

Kineticore
Die Blöcke in der Helmschale können Rotationskräfte aufnehmen und den Kopf davor schützen.


Kineticore
Im hauseigenen Labor wurden die Helme ausführlich mit modernen Dummies getestet.
Kineticore
Auf Knopfdruck schnellt der „Test-Kopf“ mit Helm nach unten und prallt auf eine angewinkelte Fläche.

 



Für diejenigen, die sich bereits in der Vergangenheit mit Helmen auseinandergesetzt haben, dürften diese Infos nichts grundlegend Neues sein. Denn natürlich haben sich Helmhersteller auch schon vor KinetiCore mit diesen Rotationskräften beschäftigt und nach Wegen gesucht, diese möglichst effizient „abzufedern“. Das bekannteste System hierfür dürfte sicherlich MIPS sein, dessen Funktion bereits in zahlreichen unabhängigen Tests und Studien unter Beweis gestellt wurde und von zahlreichen Herstellern – so auch Lazer – in unterschiedlichsten Helmen verwendet wird. Wieso nun also KinetiCore? Oder anders gefragt: Wieso nicht einfach bei MIPS bleiben?

Wieso nicht MIPS?

Die Funktionsweise von MIPS ist zumindest grundlegend schnell erklärt: In einen bestehenden Helm wird eine zusätzliche Schicht integriert, die schwimmend gelagert ist. Diese erlaubt es dem Helm, sich bei einem seitlichen Aufprall zu verdrehen, ohne die entstehenden Rotationskräfte an den Kopf weiterzugeben. Dass es funktioniert, ist mittlerweile in der Branche unumstritten; leider bringt diese zusätzliche Schicht jedoch auch Nachteile mit sich. Zum einen erhöht sie das Gewicht um einige Gramm, was bei einem ultraleichten Helm durchaus spürbar sein kann. Zum anderen verschlechtert sich bei den meisten Helmen durch den Einsatz von MIPS die Belüftung. Auch wenn man im Laufe der Jahre in beiden Bereichen beachtliche Fortschritte gemacht hat, sind die Nachteile nach wie vor vorhanden. Für den Helmhersteller fallen durch den Einsatz von MIPS außerdem noch Lizenzgebühren an, die sich letztlich auch beim höheren Preis für die Endkunden niederschlagen.

Kineticore
Die Besonderheit an KinetiCore: Anstelle einer zusätzlichen Schicht, die Gewicht mit sich bringt und die Belüftung behindert, wird Material aus dem Helm herausgenommen.


Gute Gründe also, um über Alternativen nachzudenken. Damit begonnen hat man in der Entwicklungsabteilung von Lazer schon vor fast zehn Jahren – das Resultat ist KinetiCore. Anstelle einer zusätzlichen Schicht übernimmt der EPS Schaum im Helm selbst die Aufgabe, die Rotationskräfte abzufangen. Hierfür werden Blöcke aus dem Material genommen und das dadurch entstehende „Gitter“ kann sich unter Drehbewegungen verformen oder sogar brechen und die Kraft damit in sich aufnehmen. Der Kopf selbst soll dadurch ebenso gut vor den Rotationskräften geschützt werden wie es bei MIPS der Fall ist. Diese Behauptung von Lazer wird auch untermauert durch unabhängige Tests durch die Tests der Virginia Tech Universität, die schon seit Jahren Fahrradhelme testet. Hier schneiden die KinetiCore Helme mit vergleichbaren Werten ab wie ihre MIPS-Kollegen.

Kineticore
Im Extremfall können die Blöcke im Inneren auch brechen, um den Kopf vor ruckartigen Drehbewegungen zu schützen.

Bei vergleichbarer Sicherheit bietet KinetiCore gegenüber MIPS jedoch auch klare Vorteile: Durch den Verzicht auf eine zusätzliche Schicht und das Herausnehmen von Material aus der Schale werden die Helme sogar leichter – bei gleichbleibend guter Belüftung. Außerdem fallen die UVPs der KinetiCore Helme trotz des Entwicklungs- und Konstruktionsaufwands tendenziell etwas niedriger aus als bei entsprechenden MIPS-Modellen, die nach wie vor im Programm bleiben werden.



Helme mit KinetiCore

Zum Marktstart von KinetiCore wird Lazer sechs Helme mit KinetiCore anbieten, die alle ab sofort auch erhältlich sein werden. Neben zwei komplett neuen Modellen für den Einsatz auf Asphalt und Schotter, wird es auch den MTB-Evergreen Jackal als KinetiCore Version geben. Mit dem Cityzen belebt man zudem einen altbekannten Urban-Helm wieder zum leben. Mit dem Lazer Nutz und dem Pnut gibt es zudem auch zwei Kinderhelme mit zusätzlichem Schutz.

Road / Gravel

Lazer Vento KinetiCore



Der Lazer Vento ist das neue Topmodell für den Road-Bereich im Portfolio der Belgier und dürfte die Nachfolge des bewährten Bullet antreten. Einerseits optimiert auf geringen Luftwiderstand spielt er nun auch beim Gewicht in der Spitzenklasse mit und merzt damit einen der Kritikpunkte des Vorgängers aus.

Einsatz: Road / High Performance
Gewicht: 280g (Größe M)

Preis: 269,99 Euro



Lazer Strada KinetiCore

Mit dem Lazer Strada hat man fortan einen neuen Allrounder für den Drop-Bar Einsatz im Programm, der zudem auch preislich ausgesprochen attraktiv sein dürfte. Dabei bringt er bereits einige Features der Top-Helme mit, wie das „Scrollsys“ System, dem Nachfolger des bewährten „Turnsys“. Gemeint ist damit die Weitenverstellung, die nicht per Drehrad im Nacken erfolgt, sondern über einen Slider auf der Rückseite des Helms selbst. Besonders Träger(innen) von Pferdeschwänzen dürften dies zu schätzen wissen.



Einsatz: Road / Gravel / Allround
Gewicht: 290g (Größe M)

Preis: 109,99 Euro

MTB / Offroad

Lazer Jackal KinetiCore



Der Lazer Jackal benötigt wohl keine allzu umfangreiche Einführung mehr: Als All-Mountain und Enduro-Helm war er schon in den Jahren zuvor eine feste Größe im Programm von Lazer und wird nun auch durch eine KinetiCore Variante ergänzt. Interessant hierbei: Der Jackal wird auch weiterhin als MIPS Version erhältlich sein, die jedoch 10 Euro teurer und einige Gramm schwerer sein dürfte.

Einsatz: MTB / Enduro
Gewicht: 340g (Größe M)



Preis: 189,99 Euro

Urban / City

Lazer Cityzen KinetiCore



Mit dem Lazer Cityzen erhält auch ein klassischer Urban Helm in Hardshell-Bauweise die neue KinetiCore Technologie. Dank seiner cleanen Optik, den zahlreichen Farben und des attraktiven Preises dürfte der Helm viele Käufer finden, auch wenn er natürlich das eine oder andere Gramm Mehrgewicht auf die Waage bringt – verglichen mit den sportiven KinetiCore-Modellen.

Einsatz: Urban / Alltag
Gewicht: 420g (Größe M)

Preis: 64,99 Euro



Kinder

Mit den beiden Modellen Nutz und Pnut hat Lazer auch bislang bereits zwei Kinderhelme für unterschiedlich alte bzw. große Kinder im Programm. Beide werden künftig auch als KinetiCore Variante zum Preis von 49,99 Euro erhältlich sein.

Lazer Nutz KinetiCore





Lazer Pnut KinetiCore



Web

www.lazersport.com

Stichworte:HelmHelmeKineticoreLazer

Über Michael Faiß

Michael Faiß hat in München Englisch und Geschichte studiert. Nach einem einjährigen Aufenthalt in England arbeitete er als Übersetzer unter anderem für das Magazin Procycling und das Degen Mediahouse. Außerdem ist er seit der Kindheit passionierter Radfahrer und –schrauber und fühlt sich vor allem abseits der asphaltierten Wege zuhause.

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