Test Bulls Machete RX 1 und EVO SX 1
Bio- und E-Bike im Gravel-Programm der Kölner Marke Bulls sind sehr unterschiedlich gelagert. Erlauben sie also gemeinsame Touren? Und wie! Denn das Graveln ist ohnehin eine niederschwellige Radsport-Disziplin, und mit punktueller Antriebsunterstützung lassen sich auch anspruchsvolle Touren gemeinsam genießen.
E- contra Bio-Gravelbike? Auf einen „Wettstreit der Systeme“ sollte man sich hier nicht einlassen. Viel interessanter ist nämlich, ob und wie sich die zwei Varianten des Gelände-Renners ergänzen. Was man dafür braucht? Fahrerinnen und Fahrer unterschiedlicher Leistungsklassen, ein anspruchsvolles Terrain und natürlich zwei Gravelbikes – eins mit und eins ohne Motor.

Bulls Machete RX 1 und Bulls EVO SX 1: Ausgeglichen graveln mit Bulls Machete RX 1 und Bulls EVO SX 1
Bevor wir uns unsere zwei Kandidaten näher anschauen, sollten wir kurz etwas klären: Graveln können eigentlich alle. Dass so manche Radsport-Disziplin besondere Skills erfordert, leuchtet natürlich ein: Sich mit dem Downhill-Fully in den Bikepark zu wagen, setzt ein hohes Maß an Fahrkönnen voraus, ohne das sich Sprünge und Drops einfach nicht bewältigen lassen. Und wer auf dem Rennrad im Straßenverkehr mitmischen will, muss einerseits über eine gewisse Fitness verfügen, um bergauf nicht zum Verkehrshindernis zu werden, andererseits aber über Radbeherrschung und Wagemut verfügen, um auf den schmalen Reifen kurvige Abfahrten zu meistern.
Graveln ist jedoch vergleichsweise niederschwellig. Typische Strecken sind Forst- und Naturwege, deren Belag natürlich auch mal etwas schwierig zu befahren sein kann. Da man aber offroad praktisch immer seine Ruhe hat, kann man das individuelle Tempo problemlos so wählen, dass man sich in jeder Situation wohlfühlt – was, wie man sich vorstellen kann, weder mit dem Rennrad auf der Straße noch mit dem Fully im Bikepark möglich ist.
Bulls Machete RX 1: die Highlights
- Carbon-Gravelbike mit Race-Geometrie
- Ausstattung Shimano GRX 1×12, Kassette 10-51 Zähne
- Bereifung Schwalbe G-One RX Performance TLR 45 mm
- Gewicht 10,5 kg (o. P.)
- Preis 1.999 Euro

Im eigenen Wohlfühlbereich zu graveln funktioniert dagegen sogar in der Gruppe – das zeigen die Erfahrungen beim Gravelbike-Testcamp, das Velomotion unlängst in Kooperation mit dem AusdauerNetzwerk durchführte. Auf den durch die vielen Anstiege sehr anspruchsvollen Parcours in Bayerischem Wald und Böhmerwald mussten die Schnelleren natürlich immer wieder auf bergauf weniger leistungsstarke und bergab weniger versierte Teilnehmende warten. Doch den „Flow“ der Touren unterbrachen diese Pausen nicht wirklich – auch weil alle dazu bereit waren, sich aufeinander einzustellen.
Bulls Machete EVO SX 1: die Highlights
- Trail-Gravelbike mit Bosch Performance SX und entnehmbarem 400-Wh-Akku
- RockShox Rudy XL Luftfedergabel mit 60 mm Weg
- Leichter Carbonrahmen
- Ausstattung Shimano GRX 1×12, Kassette 10-51 Zähne
- Bereifung Schwalbe G-One RX Performance TLR 45 mm
- Gewicht ca. 17,7 kg (o. P.)
- Preis 4.999 Euro
Gefühlt gleiche Anstrengung mit der richtigen Unterstützungsstufe
Nun aber zum E-Gravelbike: Relevanter als Unterschiede bei der Radbeherrschung bergab sind sicher Leistungsunterschiede bergauf. Denn mehrere Hundert Höhenmeter am Stück absolvieren zu müssen kann schnell zur Quälerei werden, wenn die Form nicht so top ist und die Mitfahrenden mit lockerem Tritt am Horizont verschwinden. Der Zusatzantrieb stellt sicher, dass solche Situationen gar nicht erst auftreten – und unsportlich fühlen muss sich auch niemand. Denn zum einen lassen sich Bikes wie das Bulls Machete EVO SX 1 durchaus komplett aus eigener Kraft fahren, zum anderen aber kann die Unterstützung so gewählt werden, dass man sich gefühlt ebenso sehr anstrengt wie fittere Mitfahrende.
Und damit zu unseren Testrädern: Lassen sich Bulls Machete RX 1 und Bulls Machete EVO SX 1 überhaupt sinnvoll vergleichen? Klar ist, dass beide Modelle aus recht unterschiedlichen Richtungen gedacht wurden. Das Trail-orientierte Machete EVO trägt die Mountainbike-DNA der Marke Bulls recht deutlich in sich – erkennbar etwa an der Rahmengeometrie mit langem Reach, kurzem Vorbau und einem flachen Lenkwinkel von 70,5°. Nicht zu vergessen die Federgabel, die mit 60 mm Weg recht lang für eine Gravel-Forke ist.
Fast unsichtbare Lichtanlage am E-Gravelbike
Und auch vom Alltagsrad hat sich das Machete EVO eine Scheibe abgeschnitten: Das E-Gravelbike ist nämlich mit einer praktisch unsichtbar integrierten Lichtanlage ausgestattet. Strom ist ja genug da, und so kann es einem auf der Gravel-Tour nicht mehr passieren, dass man von der Dunkelheit überrascht wird.
Bulls spezifiziert mit dem Schwalbe G-One RX einen der derzeit vielseitigsten Gravel-Reifen am Markt, außerdem Shimanos GRX-Gruppe mit satten 510 % Übersetzungsumfang. Die 45er Reifen wie das Zwölfgang-Getriebe zeichnen ebenso das Bulls Machte RX 1 aus; und auch über einen Carbonrahmen verfügen E- wie Bio-Bike. Eine gewisse Vergleichbarkeit zwischen beiden Modellen besteht also durchaus. Dies lenkt auch den Blick darauf, dass Bosch-SX-Antriebssystem und Federgabel mit 3.000 Euro bezahlt werden wollen – das ist nämlich die Preisdifferenz zwischen den zwei Bulls-Rädern. Für ein Carbon-Gravelbike ist das RX 1 als Jubiläumsmodell der Zweirad Einkaufs Genossenschaft eG (ZEG) mit 1.999 Euro allerdings extrem günstig – anderswo bekommt man dafür mit etwas Glück ein Rahmenset.
Gravel-Racebike zum attraktiven Preis
Dabei ist das jüngste Gravelbike im Bulls-Programm ausgesprochen interessant positioniert: Es ist das erste Gravel-Racebike der Marke und mit seiner Rahmengeometrie eng ans Rennrad angelehnt. Bulls-Teamfahrer Alban Lakata, dreifacher MTB-Marathon-Weltmeister, setzte das Machete RX bereits erfolgreich bei internationalen Gravel-Rennen ein – dass das Konzept aufgeht, kann damit als bewiesen gelten. Mit seiner gestreckten Sitzhaltung und eher tief positioniertem Lenker ist das RX freilich auch für ambitionierte Breitensportler interessant, die es puristisch mögen. So verzichtet das vortriebsstarke, agile Rad auf die typischen Gewindebohrungen an der Gabel – ein Hinweis darauf, dass es hier um stundenlange schnelle Touren geht, nicht um Radreise oder Bikepacking.

Knapp elf Kilo wiegt das Bio-Racebike mit Pedalen, rund 18 Kilo das Elektro-Gravel, wobei sich beide Modelle mit leichteren Laufrädern merklich abspecken lassen würden. Der Gewichtsnachteil des Bosch-SX-Antriebs ist also nicht allzu groß, zumal ja auch die Federgabel dazukommt. Und beides verleiht dem lachsfarbenen Gravelbike Flügel: Der kompakte Motor ist auf hohe Trittfrequenzen optimiert, drängt sich nicht in den Vordergrund und sorgt damit für ein ausgesprochen natürliches Fahrgefühl. Die dezent integrierten Bedienelemente fallen kaum auf – so sitzt der System Controller unterm Oberrohr, und Tastenblock wie Display sind dicht neben dem Vorbau platziert.
Bergab verleiht die eher kompakte Sitzhaltung auf dem E-Gravelbike ein Maß an Sicherheit, dass gerade weniger Geübte schätzen; die Federgabel bügelt dabei kleine Fehler bei der Linienwahl glatt. Auf Strecken, für die E-MTB „über-ausgestattet“ erscheint, ist das Bulls Machete EVO SX also eine perfekte Wahl.
Gemeinsamer Fahrspaß mit unterschiedlichen Konzepten
Wobei das Gravel-Racebike durchaus mithalten kann – in der Ebene sowieso, wo sich oberhalb von 25 km/h das Mehrgewicht des E-Bikes auswirkt, aber auch bergab. Fahrer/innen, die sich mit der gestreckten Sitzhaltung wohlfühlen, profitieren von etwas mehr Gewicht auf dem Vorderrad, was dessen Grip maximiert; die verlässlichen Schwalbe-Reifen tut ein Übriges, um die Fahrsicherheit zu verbessern. Und auch auf extremen Gefällestrecken ist das E-Gravelbike nicht unbedingt im Vorteil – dazu müsst es über eine absenkbare Sattelstütze verfügen.
Wo sie nicht im Grenzbereich bewegt werden, harmonieren unterschiedlich gelagerte Bikes ohnehin ebenso gut wie ihre Fahrerinnen und Fahrer. Diese müssen sich nur aufeinander einstellen, und schon passt die Kombination von trailigem E-Gravelbike und Bio-Gravel-Racebike perfekt für gemeinsame Touren, die sonst angesichts von Leistungsunterschieden nicht so einfach möglich wären.










