Test: Ist das Kona L.B.F. das Gravelbike für Downhiller? Dieses klassischen Marketing-Kniffs des „X-Bikes für Downhiller“ bedient sich Kona bei dem Monster-Gravel zwar nicht, die Kult-Marke aus Kanada könnte es aber genau so machen. Denn mit seiner griffigen Trailbereifung, dem überbreiten Lenker und der 100-mm-Federgabel gehört das L.B.F. definitiv zu den abfahrtsstärksten Gravelbikes, die momentan auf dem Markt zu finden sind. Oder nennt man es doch besser „Dropbar-Mountainbike“? Streiten wir uns nicht über Klassifikationen – sehen wir uns an, wie sich das „Legend of Big Fork“ in der Realität schlägt.
Die Eckdaten des Kona L.B.F.
Unter dem Begriff „Abenteuer-Gravelbike“ konnte ich mir in der Vergangenheit wenig vorstellen – mit dem Test des Kona L.B.F. („Legend of Big Fork“) hat sich das aber geändert! Zunächst wirkt das Bike wie eine gruselige Mischung aus Gravel und Mountainbike – Frankensteins Crosser vielleicht? Einsatzbereich: Vollnische! Doch auf den ersten Ausfahrten wusste das Kona diesen Eindruck sofort auszumerzen.
Grundlage für das L.B.F. ist ein Rahmen mit klassischem Hardtail-Look aus konifizierten Reynolds-520-Stahlrohren. Die Ausfallenden mit UDH-Option sind frei verschiebbar gestaltet und bieten 16 mm Verstellweg – damit lässt sich das Kona auch im Single-Speed-Setup bewegen. Über das ganze Bike verstreut finden sich Anschraubpunkte für Taschen etc. Lobenswert ist, dass Kona bei den meisten Schrauben auf robuste M6- (statt M5-)Schrauben setzt. Die Geometrie des Rahmens verrät, dass er streng auf die Nutzung mit einem Dropbar ausgelegt ist, welcher den sehr knappen Reach wieder etwas verlängert. Ein Rahmenset wird zum jetzigen Zeitpunkt nicht angeboten; das einzige Komplettbike gibt es für 3.999 Euro (UVP).
- Rahmenmaterial Stahl <3
- Laufradgröße 29 Zoll
- Federweg 100 mm
- Besonderheiten UDH, verstellbare Ausfallenden, viele Frame Mounts, externe Kabelführung, Boost-Spacing
- Gewicht (Gr. L, m. Aspen ST tubeless) 13,7 kg
- Laufradgewicht (m. Aspen ST, tubeless) 1,9 / 2,8 kg (v/h)
- Rahmengrößen S / M / L / XL
- Farbe Gloss Emerald w/ Shades of Jade Decals
- eu.konaworld.com
- Preis (UVP) 3.999 Euro


Ausstattungshighlights
Am Stahlrahmen des Kona L.B.F. gibt es so einiges zu entdecken. Da wäre zum Beispiel die Kombination aus DOT-befeuerten SRAM Guide G2-Bremssätteln und SRAMs Apex Dropbar-Hebeln, die Kona extra für diesen Spec hat freigeben lassen. Ebenfalls untypisch für ein Gravelbike: Statt einer Starrgabel oder einer Gravel-spezifischen Federgabel wie einer RockShox Rudy setzt Kona auf eine Sid Select mit 35 mm durchmessenden Standrohren und 100 mm Federweg. Doch am auffälligsten sind wohl die Trailreifen. Ab Werk kommt vorne ein Maxxis Dissector in 2,4 Zoll Breite zum Einsatz, hinten verzögert ein Forekaster der zweiten Generation in gleicher Breite. Hier sind wir in festem 29-Zoll-Territorium. Um die RaceFace-Laufräder mit Boost-Maß auf Spur zu halten, verbaut Kona einen in Größe L 520 mm breiten Dropbar – an gewöhnlichen Gravelbikes sind meist Lenkerbreiten zwischen 400 und 460 mm im Einsatz. Die Dropperpost ist an dieser Stelle nur noch eine Nebenbemerkung wert, auch wenn sie auf den Trails von unschätzbarem Vorteil ist.
- Rahmen L.B.F. Reynolds 520 konifiziert
- Federgabel RockShox Sid 100 mm
- Lenker Ritchey Beacon Comp 52 cm (L)
- Vorbau Ritchey Comp Trail 60 mm (L)
- Schaltgruppe SRAM Apex 10-52t
- Kurbelgarnitur SRAM X1 32t 175 mm (L)
- Bremsen SRAM G2 Vierkolbensättel + HS2 180 mm
- Laufräder RaceFace ARC 27 + Formula-Naben
- Dropperpost TranzX +RAD 170 mm (L)
- Reifen Maxxis Dissector (v) / Forekaster 2 (29×2,4″)



Geometrie
| S | M | L (getestet) | XL | |
|---|---|---|---|---|
| Sitzrohrlänge in mm | 400 | 445 | 490 | 535 |
| Oberrohrlänge in mm | 552 | 577 | 607 | 647 |
| Reach in mm | 385 | 405 | 430 | 465 |
| Stack in mm | 623 | 642 | 660 | 679 |
| Überstandshöhe in mm | 748 | 783 | 816 | 849 |
| Lenkwinkel in Grad | 67 | 67 | 67 | 67 |
| Steuerrohr in mm | 90 | 110 | 130 | 150 |
| Sitzwinkel in Grad | 75 | 75 | 75 | 75 |
| Kettenstrebenlänge | 440-456 | 440-456 | 440-456 | 440-456 |
| BB Drop | 75 | 75 | 75 | 75 |
| BB Höhe | 305 | 305 | 305 | 305 |
| Radstand | 1099-1115 | 1127-1142 | 1160-1176 | 1203-1219 |
| FC-2-RC kurz | 1,5 | 1,56 | 1,64 | 1,73 |
| FC-2-RC lang | 1,53 | 1,6 | 1,67 | 1,77 |
Overbiked oder Underbiked?
Mit seiner Einschätzung des Kona L.B.F. verrät der Tester auch etwas über sich selbst. Nämlich, ob er lieber „overbiked“ oder „underbiked“ unterwegs ist. Denn auf dem Kona L.B.F. bewegt man sich immer in einem der beiden Bereiche – es gibt scheinbar kein Dazwischen. Beschwert sich der Tester, auf rasanten Schotteretappen schleiche das Kona aufgrund der Trailbereifung nur so dahin, dann ist er ungern „overbiked“ unterwegs. Schwärmt er dagegen von der Trailfähigkeit des Kona, so heißt es wohl: Underbiked all the way!
Letztlich ist das Kona L.B.F. ein Grenzgänger, ein Hybridwesen aus den kanadischen Wäldern, und pflückt sich Elemente aus der Welt der Dropbar-Bikes mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie es sich mit Trail-Komponenten schmückt. Erstere trägt das L.B.F. ebenso stolz wie offensichtlich als Geweih an seiner Front – der ausladende, 52 cm breite Dropbar ist nicht zu übersehen.
Im gleichen Moment muss auch die 2,4 Zoll breite Trailbereifung auffallen. Sie ist auch für den Fahrer spürbar und trägt ausgesprochen zum Overbiked-Underbiked-Feeling bei. Auf Transfer-, Forst- und Asphaltstrecken erinnern die Mountainbike-Reifen bei jeder Kurbelumdrehung daran, dass sie nach Trails, nach Tiefenmetern, nach Offroad, aufgeweichtem Waldboden und staubigen, verblockten Wurzelpfaden hungern. Sobald man ihrem Ruf nachgibt und sich auf dem Kona einen Trail hinunterstürzt, ruft einem wiederum das Geweih an der Front die Limitationen eines Dropbar-Bikes im Gelände ins Gedächtnis. Denn diese Grenzen sind definitiv da, allerdings später, als man gemeinhin annehmen möchte.
Es fühlt sich absurd an, mit den Händen im Unterlenker Bunnyhops über Stein- und Wurzelfelder zu machen, um dann in der Landung zehn, zwanzig Zentimeter tiefer aufzukommen, als es den Händen, dem ganzen Oberkörper eigentlich, vom Mountainbike vertraut ist. Aber: Es klappt! Und löst ein geradezu triumphierendes, euphorisches Gefühl aus, wenn man auf dem Kona L.B.F. eine Abfahrt meistert und realisiert – diesen Trail habe ich mit Dropbars geschafft!
Zwischen Trail und Forstweg macht das Kona L.B.F. auf Ersterem deutlich mehr Spaß. Es ist schon absurd: Da hat man ein Dropbar-Bike unter sich – und kann dennoch durch Kurven hämmern und (angemessene) Trails beinahe mit Fullspeed hinunterfliegen, als gäbe es kein Morgen. Und immer im Unterlenker. Klar, wird der Trail besonders ruppig, kann es schon einmal brenzlig werden. Auch dem L.B.F. sind gerüchteweise Grenzen gesetzt. Ruppige Wanderwege oder schnelle Flowtrails sind mit dem Kona-Dropper aber zu meistern.
Über den Tellerrand
Das Kona L.B.F. muss seine Existenz auch gegenüber speziellen Gravelbikes wie dem Trek Checkout behaupten. Der vollgefederte Rahmen des Trek könnte den Eindruck erwecken, dass noch mehr Abfahrtspotential in ihm schlummert. Leider muss ich eingestehen, zum jetzigen Zeitpunkt keine Erfahrungen auf dem vollgefederten Gravebike vorweisen zu können. Spannend ist aber: Während es mich kein bisschen stört, dass das Kona über ein starres Heck verfügt, berichten Freunde auf dem Bike, noch stärker als das Fahren im Unterlenker ist das starre Heck auffällig. Im direkten Wechsel mit einem Flatbar-Mountainbike merkt man dann allerdings recht deutlich, wie anders die Sitzposition auf dem Kona ist.
Quick Hits




Die Sache mit den Reifen
Ab Werk rollt das Kona L.B.F. auf einer 2,4 Zoll breiten Kombi aus einem Maxxis Dissector vorne und einem Maxxis Forekaster hinten. Diese grobstolligen EXO-Trailreifen in Maxxis‘ zweitweichster Mischung punkten in Abfahrten mit guter Dämpfung, Bremstraktion und Seitenführung, wobei der Dissector an der Front einen eher schwer vorhersehbaren Grenzbereich besitzt. Der neue Forekaster ist hier gemütlicher unterwegs.
So toll diese Trailreifen beim Spiel mit der Schwerkraft bergab auch funktionieren, beim restlichen Tourenanteil geraten sie dem Kona L.B.F. recht deutlich zum Nachteil. Transferstrecken auf Asphalt, gerade bergauf, lassen sich nur zäh abspulen, auf geschotterten Forstwegen ist es nur wenig besser. Nur in technischen Anstiegen, wenn sich die groben Stollen der Trailreifen mit dem Untergrund verzahnen können, ist man mit der Original-Bereifung wieder im Vorteil. Zum Streckemachen steigt man am L.B.F. lieber auf andere Reifen um.
Genau aus diesem Grund haben wir Maxxis um zwei Aspen ST-Reifen in 2,25 Zoll Breite gebeten und flugs montiert. Und siehe da: Mit den neuen Maxxis Reifen, die mit ihrem minimalistischen Profil irgendwo zwischen Gravel und XC stehen, verwandelt sich das L.B.F. in ein völlig anderes Bike. Noch ein oder zwei Spacer unter dem Vorbau weg und schon schießt man mit dem Kona über Schotterstrecken, dass es nur so, äh, schottert. Im Ernst: Die Differenz, welche die Reifenwahl ausmacht, ist nicht zu unterschätzen.
Im Velomotion-Testgebiet, dem Bayerischen Wald, sind die Aspen ST für die meisten Touren wohl die bessere Reifenwahl. Wer überwiegend auf Forst- und Wanderwegen unterwegs ist, findet in den Niedrigprofil-Reifen einen schnellen Begleiter. Selbst auf Trailabfahrten kann sich der Aspen ST behaupten, auch wenn er spürbar weniger Seitenführung und Bremskontrolle bietet. Im Grunde verstärkt der Aspen auf den Trails das Gefühl, mit dem Kona L.B.F. „underbiked“ zu sein, ohne dass dabei der Spaßfaktor wegfällt.
So bestückt, blüht das Kona auf langen Back-Country-Touren richtig auf. Während hier Mitfahrer auf ihren konventionellen Gravelbikes in steilen, losen Schotteranstiegen ihre liebe Mühe mit der Übersetzung ihrer Gravel-Schaltung und der Traktion ihrer schmalen Reifen haben, kurbelt man das Kona wie ein Mountainbike hoch. Bergab ein ähnliches Bild: In der Theorie könnte man auf einem klassischen Gravelbike bergab länger mittreten, in der Realität müssen Fahrer aber um Kurvengrip kämpfen und daher die Geschwindigkeit regulieren. Das Kona gibt dank der breiten Reifen und noch breiteren Lenkzentrale viel Sicherheit und Kontrolle.
Die Kehrseite der Aspen: Ein Stück weit verliert das Bike mit den schnellen Reifen einen Teil seines Reizes: Im Unterlenker Trails hinunterzuheizen gelingt auf der Dissector-Forekaster-Kombi natürlich mit mehr Vertrauen und Kontrolle. Zieht man die Aspen auf, nähert sich das Kona wieder dem Gravel-Genre an.










