Gravelgruppe Campagnolo Record X: Vor genau sechs Jahren gelang Campagnolo eine Sensation: Mit der Ekar brachten die Italiener ihre erste Komponentengruppe fürs Gravelbike heraus, die gleichzeitig die allererste mechanische Schaltung mit 13 Gängen war. Die mechanischen Gravel-Gruppen der Konkurrenz waren zu diesem Zeitpunkt noch auf elf Gänge beschränkt. Mit eng abgestuften Zahnkranzkassetten und präziser Funktion konnte die neue Technik auf Anhieb überzeugen und wurde vom Markt gut angekommen: Insgesamt, so Schätzungen von Campagnolo, wurden europaweit bis zu 60.000 Exemplare der Gruppe abgesetzt.
Mit der Ekar scheinen mechanische Schaltungen ausentwickelt
Die Neuentwicklung stellte aber auch gleichzeitig einen Endpunkt dar. Denn die Ekar funktionierte zwar ziemlich gut, musste dazu aber genau eingestellt und immer mal wieder nachjustiert werden. Damit zeigte sie, dass mechanische Systeme mit 13 Schaltstufen ausgereizt waren; elektronischen Gangwechslern war die Gruppe in Sachen Schaltpräzision und Wartung ohnehin unterlegen.

Die im Herbst 2025 vorgestellte Campagnolo Super Record X schaffte Abhilfe – mit einem Komplettpreis oberhalb von 3.300 Euro jedoch nur für gut betuchte Gravel-Fans. Identisch in der Funktion, optisch kaum von der teuren Topgruppe zu unterscheiden und rund 1.200 Euro günstiger ist die Campagnolo Record X, welche die Marke im Frühjahr 2026 vorstellte. Diese Gruppe bzw. ihre Einzelteile sind nun so langsam am Markt verfügbar – und das könnte all jene, die ein Gravelbike mit der mechanischen Campagnolo Ekar besitzen, neugierig machen. Ob es wohl möglich ist, Teile der mechanischen Gruppe mit den neuen elektronischen Komponenten zu kombinieren?
Campagnolo Record X: die Highlights
- Elektronische 1×13-Gruppe für Gravelbikes
- Kann mit Bauteilen der Campagnolo Ekar kombiniert werden
- Zum Umrüsten benötigte Bauteile für ca. 900 Euro erhältlich (zzgl. ca. 40 Euro fürs Entlüftungskit)
Velomotion hat es ausprobiert, und wir können bestätigen: Es funktioniert und ist nicht einmal schrecklich teuer. Wer sich aufs Minimum der erforderlichen Neuteile beschränkt, muss nach den derzeitigen Marktpreisen etwa 900 Euro investieren, um aus der mechanischen Ekar eine elektronische Record X zu machen. Sonderlich aufwendig ist die Sache auch nicht, zumal man dank der Funktionsweise der Campagnolo-Hebel nicht an der Bremsanlage arbeiten muss.
Umrüsten von Ekar auf Record X: mit 940 Euro nicht allzu teuer
Welche Komponenten benötigt man für die Umrüstung? Erst einmal natürlich das neue Schaltwerk der Record X, das ab ca. 340 Euro angeboten wird – allerdings zuzüglich Akku, der weitere 96 Euro kostet. Weiter geht’s mit dem Hebelsatz, bestehend aus rechtem Ergopower mit elektronischer Schaltfunktion (ca. 250 Euro) und linkem Bremshebel (ca. 160 Euro) – man will ja schließlich nicht zwei unterschiedlich geformte Hebel in den Händen halten. Außerdem braucht man eine neue Kette (ca. 55 Euro), da diese für das elektronische Schaltsystem länger sein muss, und schließlich ein Entlüftungskit für die Arbeit an der Bremsanlage. Alle Einzelteile zusammen können derzeit für rund 900 Euro bei den einschlägigen Online-Händlern bestellt werden (plus 40 Euro fürs Entlüftungskit). Zum Vergleich: Die entsprechenden Komponenten der SRAM Force XPLR kosten rund 800 Euro.
Die Ekar-Kassette kann weiterverwendet werden, falls sie nicht zu sehr verschlissen ist, um eine neue Kette zu vertragen. Auch den Kurbelsatz kann man am Rad lassen, außerdem die Bremssättel und -leitungen. Der Anschluss der Leitung am Geberzylinder, der im Griffkörper steckt, erfolgt beim Ekar- wie beim Record Hebel über ein sogenanntes Banjo, also ein ringförmiges Endstück an der Leitung, das mit einer Hohlschraube am Geberzylinder befestigt wird. Die Leitung umzusetzen ist also durchaus möglich, wobei Campagnolo angesichts der empfindlichen Gewinde am Anschluss eine andere Vorgehensweise empfiehlt: der Geberzylinder des Record-Hebels ist mit einem kurzen Schlauchstück ausgestattet, das in einem Leitungsanschluss endet. Hier kann die alte Bremsleitung angebracht werden, nachdem sie um die Länge des Schlauchs am neuen Hebel gekürzt worden ist. Dazu braucht man noch Überwurfmutter, Insert Pin und Olive.
Das Anschließen und Entlüften der Bremsanlage ist nichts für Laien
Beide Optionen machen es nötig, die Bremsanlage zu entlüften, was neben dem Entlüftungskit natürlich einiges an Fachwissen erfordert. Bevor man sich also an die Arbeit macht, sollte man kritisch die eigenen Fähigkeiten überdenken – und sich gegebenenfalls an Fachleute wenden.
Über die Montage des Schaltwerks muss man wenig Worte machen. Wie von mechanischen Systemen bekannt, gibt es Justageschrauben für den seitlichen Schwenkbereich sowie die B-Schraube, die den Abstand der oberen Schaltrolle zur Kassette reguliert. Die einzelnen Schaltschritte werden ausgehend vom sechsten Ritzel von unten festgelegt, wobei sich jeder Gang separat feinjustieren lässt. Auch wenn man die Ekar-Kassette – im Falle unseres Testbikes eine 9-42er – weiterverwendet, muss eine längere Kette her; für 10-48 muss der Gliederstrang noch einmal länger sein.
Die Funktion von Campagnolos elektrischer Gravel-Schaltung ist top. Obwohl die alte Ekar-Kassette verwendet wird, erfolgen die Gangwechsel schnell und geschmeidig; mit dem überarbeiteten Zahnprofil der Record-Kassette flutscht es vielleicht sogar noch besser. Wer von der Ekar wechselt (bei der die Daumentaste zum Hochschalten durchaus etwas Kraft erforderte, während man zu den leichteren Gängen mit Gefühl schalten musste, um keinen zu überspringen), kann sich über ein unvergleichliches Maß an Schaltkomfort und -präzision freuen.

Die Übersetzungen der Campagnolo Record X: eng abgestuft und breit aufgestellt
Extrem überzeugend sind nach wie vor die Abstufungen, wobei Campagnolo seit der Super Record X nur noch zwei Varianten anbietet: 9-42 (wie schon bei der Ekar) und 10-48. Erstere verfügt über sechs Ritzel in Einersprüngen, letztere über fünf. Zum Vergleich: Die 13-fach-10-46 von SRAM hat vier Ritzel in Ein-Zahn-Schritten; Shimanos engste 1×12-Kassette (10-45) hat keinen einzigen Einersprung. Campagnolo bietet damit gleichzeitig die breiteste und am engsten abgestufte Gravel-Kassette am Markt an, was ebenfalls für die neue elektronische Gruppe spricht.
Campagnolo Record X: Topmoderne Technik auf für Rahmen ohne UDH
Klar, in der Gravel-Szene gibt derzeit SRAM mit seinem XPLR-System den Ton an. Dieses lässt aber nur an Rahmen mit UDH-Hinterbau montieren, und diesen Standard wiederum gibt es am Dropbar-Bike erst seit gut zwei Jahren. Wer ein älteres Modell besitzt, muss sich etwas anderes überlegen – und das könnte bei einem Ekar-Bike die oben beschriebene Aufrüstung sein, bei einem Rad mit anderer Ausstattung vielleicht der komplette Umstieg auf Campagnolo Record X. Auch das wäre nicht übertrieben teuer: Mit einem UVP von rund 2.100 Euro liegt die Gruppe nur knapp über der SRAM Force XPLR, und auch die Straßenpreise dürften sich auf dem Niveau der US-Gruppe einpendeln.
Sich auf die neue Campagnolo Record X einzulassen ist definitiv keine Kompromisslösung – nun muss man sich nur noch etwas gedulden, bis die neuen Teile flächendeckend im Handel verfügbar sind. Für Rahmen mit konventioneller Hinterradaufnahme ist die Gruppe des italienischen Traditionsherstellers derzeit die technisch fortschrittlichste Option; gut möglich also, dass das Interesse am Nachfolger der Ekar demnächst rapide ansteigt.









