Fortschritt ist keine Einbahnstraße – jedenfalls nicht notwendigerweise. Das zeigt Shimano aktuell mit einer Gruppe, die man eigentlich schon zu den Akten gelegt hatte und die nun in einer neuen Version wieder da ist: die Shimano Tiagra R4000.
Der Hintergrund: Vor rund drei Jahren stellten die Japaner mit der Cues ein komplett neues Komponenten-System vor, das eine Brücke zwischen Rennrad- und Allround-Bauteilen schlagen und alle Rennrad-Gruppen unterhalb der Shimano 105 ersetzen sollte. Letztere war immer weiter aufgewertet worden und wurde in der mechanischen 2×12-Variante an Bikes bis ca. 3.500 Euro verbaut, als elektronische Di2 sogar bis in den 5.000-Euro-Bereich. Die Shimano Cues für Bikes mit Rennlenker war derweil auf 2×10 beschränkt und orientierte sich optisch eher an robusten Trekking-Komponenten statt an eleganten Rennrad-Gruppen. Und nicht zuletzt ist die Shimano Cues keine scharf umrissene Gruppe, sondern ein Ökosystem zueinander passender Bauteile für unterschiedliche Einsatzbereiche.
All das hat dazu geführt, dass zwischen den hochwertigen 2×12-Gruppen und der breit aufgestellten Shimano Cues eine Lücke klaffte – es gab von Shimano keine günstige 2×11-Rennrad-Gruppe mehr. Und diese Leerstelle wird nun von der Shimano Tiagra R4000 gefüllt.
Bekannte Formen, neuer Look
Die DNA ihrer Vorgängerin ist in der neuen Gruppe klar erkennbar, etwa an der Form der Kurbelgarnitur, die weniger flächig ausfällt als jene von Shimano 105 und aufwärts. Die vormalige graue Beschichtung ist einem schwarzen Lack gewichen, mit dem die Tiagra an die drei höherwertigen Gruppen anschließt. Zwei Übersetzungen stehen zur Auswahl: 52/36 und 50/34, dazu gibt es vier Kurbellängen zwischen 165 und 175 mm.

Angelehnt an die Shimano 105
Bei den STI-Hebeln verweist Shimano auf ergonomische Anleihen von der 105, womit die Bedienung mit unterschiedlich großen Händen leicht fallen soll. Schaltwerk und Umwerfer sind neu, wobei bei letzterem die Zuganlenkung an moderne Standards angepasst wurde. Der lange Arm mit der Zugschraube ist der kompakteren Kinematik gewichen, wie man sie von den aktuellen Shimano-Umwerfern kennt. Das Schaltwerk bedient einen 11-36er Kranz; die Kette ist ein Bestandsmodell mit verschleißmindernder SIL-TEC-Beschichtung. Und natürlich ist dies eine Discbrake-Gruppe – wer noch mit Felgenbremen fahren will, muss mindestens auf Ultegra-Niveau unterwegs sein.
An wen wendet sich Shimano mit der neuen Tiagra? Natürlich adressiert die neue Gruppe das Einsteiger-Segment und spricht dabei vor allem die Radhersteller an, die mit den Komponenten Kompletträder im Bereich von 1.500 Euro und darunter anbieten können, die echtes Rennrad-Flair versprühen und nicht den rustikaleren Allround-Look der Cues-Gruppe haben. Und natürlich bekommt man mit der Shimano Tiagra eine Gruppe zum preiswerten Selbstaufbau einer Rennmaschine, wobei man hier auch die aktuelle Shimano 105 wählen könnte, die als mechanisch-hydraulische Komplettgruppe bereits für 550 Euro angeboten wird. Wer aufs Geld schaut – etwa beim Zusammenstellen eines Renners für den Nachwuchs – wird von der Tiagra in Sachen Preis-Leistung definitiv abgeholt.
Shimano Tiagra R4000 – Einzelpreise
Kurbelgarnitur FC-R4000 154,95 Euro
Kassette CS-RS400 78,95 Euro
Schalthebel ST-R4020 (l. oder r.) 204,95 Euro (J-Kit 284,95 Euro)
Bremssattel BR-RS405 64,95 Euro
Bremsscheibe SM-RT54S 19,95 Euro
Schaltwerk RD-R4000 78,95 Euro
Umwerfer FD-R4000 53,95 Euro
Kette CN-HG601 ab 36,95 Euro
Mechanische Rennrad-Gruppe mit Alleinstellungsmerkmalen
Ein vielleicht nicht uninteressanter Aspekt ist, dass man mit der Tiagra auf große Arsenal älterer Elffach-Kassetten zurückgreifen kann, die nach wie vor im Handel erhältlich sind – beispielsweise enge Abstufungen wie 11-25 oder 11-28. Und nicht zuletzt muss ein Tiagra-Komplettrad keineswegs schwer sein – die komplette Gruppe dürfte um die 2,4 Kilo wiegen. Überhaupt ist es erfreulich, dass Shimano dem Budget-Bereich des Rennradmarktes überhaupt noch Beachtung schenkt. Bei SRAM gibt es überhaupt keine mechanischen Road-Gruppen mehr, und die günstigsten Kompletträder mit der aktuellen elektronischen Rival AXS sind im Fachhandel nicht unter 3.000 Euro zu finden. Bei Campagnolo findet man immerhin noch mechanische Gruppen, wobei die Chorus 2×12 Disc offiziell knapp 1.700 Euro kostet.
Bei Shimano dagegen sieht es so aus, als müsse Fortschritt nicht immer „besser, teurer, leichter“ heißen. Es kann auch bedeuten, sich den Gegebenheiten und Wünschen des Marktes anzupassen und Kundengruppen anzusprechen, die die Konkurrenz längst abgeschrieben hat. Insofern ist die neue Shimano Tiagra R4000 eine wirklich sympathische Komponentengruppe.




