Test / E-MTB: Das Canyon Spectral:ON hat bewegte 12 Monate hinter sich. Nach einem abrupten „Stop Ride“ im November 2024 und einem logistisch aufwendigen Akku-Austausch ist der Koblenzer Bestseller nun zurück. Mit neuem Akku, extrem attraktiven Preisen und der Frage: Kann ein Bike, dessen Grundkonstruktion ihre Wurzeln im Jahr 2022 hat, im Jahr 2026 noch in der Champions League mitspielen? Wir haben das „neue“ Spectral:ON CF 9 mit dem 800-Wh-Alu-Akku ausführlich getestet.
Um die Elefanten im Raum direkt zu adressieren: Ja, Canyon hatte Probleme. Massive Probleme. Als Canyon Ende 2024 die Besitzer des Spectral:ON und Torque:ON aufforderte, ihre Bikes aufgrund potenzieller Risse in den Kunststoff-Akkugehäusen stehenzulassen, war der Frust groß. Was folgte, war eine Taskforce in Koblenz, eine Entschädigungswelle und schließlich die technische Lösung, die wir heute vor uns haben. Seit Januar 2026 ist das Bike wieder bestellbar.
Akku-Probleme bei Canyon: Was Besitzer von Spectral:ON und Torque:ON wissen müssen (UPDATE: 19.12. für Leasingnehmer)
News / E-MTBs: Käufer der E-MTBs Canyon Spectral:ON CF / CFR und Canyon Torque:ON CF können aufgrund von eventuellen Problemen mit den verbauten Akkus ihre Bikes derzeit nicht nutzen. Canyon kontaktierte die betroffenen Kunden hierzu bereits Anfang November. Mittlerweile gibt es mehr Infos und für Februar 2025 ist eine Lösung in Aussicht. Wir haben alle […]
Die Akku-Lösung: Aluminium statt Kunststoff
Das Herzstück des Updates ist der neue Energieträger. Canyon verabschiedet sich bei den Neumodellen komplett von der Wahlmöglichkeit zwischen 720 und 900 Wh in den bekannten Kunststoffgehäusen. Stattdessen rollen nun alle Rahmengrößen – von S bis XL – mit einem einheitlichen 800-Wattstunden-Akku vom Band.
Detaillierte Infos zum neuen Akku
Alu-Gehäuse und 800 Wh Kapazität: Das ist der neue Canyon Akku für Spectral:ON und Torque:ON
Produktnews / E-MTB: Die vergangenen Monate waren für die Besitzer eines Canyon Spectral:ON oder Torque:ON eine echte Geduldsprobe. Nach dem verhängten „Stop-Ride“ und dem großangelegten Austausch der fehlerhaften Akkus kehrte Ende des Jahres Ruhe ein. Bei Canyon liefen im Hintergrund jedoch noch weitere Prozesse und Spectral:ON und Torque:ON sind endlich auch wieder bestellbar. Die Überraschung: […]
Der entscheidende Unterschied liegt im Material: Die Zellen (nun vom Typ 5,6 Ah) sitzen in einem robusten Aluminiumgehäuse. Das drückt zwar etwas auf die Waage – der Akku selbst wiegt rund 4,65 kg und liegt damit bei der Energiedichte eher im unteren Mittelfeld, vergleichbar mit einer älteren Bosch PowerTube 750, sorgt aber für maximale Sicherheit. Ein positiver Nebeneffekt der neuen Zellen: Der Akku baut kürzer. Dadurch passt die volle Kapazität nun auch in den S-Rahmen, was bisherigen Käufern kleiner Größen verwehrt blieb.
Geladen wird mit einem neuen 5,6-Ampere-Ladegerät, das den Speicher in flotten drei Stunden und 20 Minuten auf 80 Prozent bringt. Der Akku bleibt dabei entnehmbar, auch wenn der Prozess mit dem Abziehen des Steckers, dem Lösen des Gummistrips und der zwei Sicherungsschrauben etwas fummeliger ist als bei manchen Konkurrenten. Ein schönes Detail für den Trail-Alltag: Dank des kompakteren Formfaktors lässt sich der Akku nun auch entnehmen, wenn das Bike auf der Seite liegt. Man muss den Boliden also nicht mehr zwingend auf den Kopf stellen.
Canyon Spectral:ON Rahmen: Schmuckstück!
Abgesehen vom neuen Energiespeicher bleibt das Chassis unangetastet. Wir haben es hier nach wie vor mit einem Vollcarbon-Rahmen zu tun – sowohl Hauptrahmen als auch Hinterbau bestehen aus Kohlefaser. Beim Topmodell CFR kommt die leichtere Canyon-Factory-Racing-Faser zum Einsatz, die rund 300 Gramm spart, während unser Testmodell CF 9 auf das etwas schwerere Standard-Layup setzt. Mit 160 mm Federweg an der Front und 155 mm am Heck positioniert sich das Bike als Trail-Allrounder irgendwo im Spannungsfeld zwischen All-Mountain und Enduro.
Die Silhouette wirkt auch vier Jahre nach der ursprünglichen Vorstellung noch modern. Besonders die Seitenansicht kaschiert das Volumen des Unterrohrs geschickt, auch wenn der Blick aus der Fahrerperspektive nach unten durchaus breit ausfällt. Canyon setzt weiterhin auf den bewährten Mullet-Mix (29 Zoll vorne, 27,5 Zoll hinten).
Auch bei den Details merkt man, dass Canyon hier ein ausgereiftes Produkt am Start hat: Großzügige Protektoren an Ketten- und Sitzstreben sowie ein robuster Motorschutz aus einem speziellen Kunststoff, der bei Aufsetzern nicht spröde bricht, sondern sich verformt, zeugen von Praxisnähe. Ein dickes „Aber“ gibt es jedoch für Selbstschrauber: Die Leitungen verschwinden direkt durch den Steuersatz im Rahmen. Das sorgt für eine cleane Optik, treibt bei Lagerwechseln oder anderen Schrauber-Arbeiten am Steuerrohr aber jedem Mechaniker den Blutdruck in die Höhe. Zudem setzt Canyon auf einen proprietären Flaschenhalter – Standard-Modelle oder Fidlock-Systeme passen aufgrund der Schraubenpositionierung leider nicht.
Antrieb
Beim Antriebssystem setzt Canyon auch weiterhin bei allen Modellen auf den bewährten Shimano EP801. Auch auch wenn der Motor nicht mehr ganz neu ist, ist er mit 85 Nm maximalem Drehmoment und bis zu 600 Watt Maximalleistung noch immer in absoluter Schlagdistanz zu den meisten neueren Motoren, was die Power betrifft. Gleiches gilt für das geringe Gewicht von rund 2,7 kg und die sehr gute Shimano E-Tube Project App.
Die Steuerung erfolgt über die bekannte Shimano-Remote mit exzellenten Druckpunkten. Das Display (SC-EM800) ist funktional, wirkt aber mit seiner groben 5-Balken-Akkuanzeige (20%-Schritte) nicht mehr zeitgemäß. Wer bei 20% Restakku wissen will, ob er noch 50 oder 100 Höhenmeter schafft, muss raten oder einen Garmin koppeln.
Ausstattung im Detail: Highend ohne Bling-Bling-Aufschlag
Hier spielt Canyon den Trumpf der Direktvertriebs-Karte voll aus. Unser Testbike, das Spectral:ON CF 9, kommt für 4.999 Euro. Eine Ausstattung, für die man bei der Fachhandelskonkurrenz gut und gerne 2.000 bis 3.000 Euro mehr auf den Tisch legt, selbst in der derzeitigen Marktlage. Dazu kommt, dass Canyon in den vergangenen Monaten und Jahren das Netzwerk an Service-Partnern massiv ausgebaut hat und man deshalb nicht zwangsläufig auf den Service vor Ort verzichten muss.
Statt auf goldenes Kashima-Coating zu setzen, verbaut Canyon die Fox Performance Elite Serie. Technisch ist das Innenleben identisch zur Factory-Serie. In der Front arbeitet eine Fox 38 mit der hervorragenden Grip2-Kartusche, die eine getrennte Einstellung von High- und Low-Speed Druck- sowie Zugstufe erlaubt. Im Heck bändigt ein Fox Float X Performance Elite die 155 mm Federweg. Für den Endkunden bedeutet das: Maximale Performance ohne den Preisaufschlag für die goldene Beschichtung.bGeschaltet wird elektrisch und drahtlos mit der SRAM GX Eagle Transmission. Diese Gruppe ist bekannt für ihre Robustheit und das saubere Schalten unter Last – gerade am E-Bike ein Segen. Die Bandbreite der 10-52 Kassette reicht für jede noch so steile Wand.
| Rahmen | Spectral:ON CF |
| Federgabel | Fox 38 Performance Elite Grip2 |
| Antrieb | Shimano EP801 |
| Akku | Canyon 800 Wh |
| Dämpfer | Fox Float X Performance Elite |
| Laufräder | DT Swiss HX1700 |
| Reifen VR | Maxxis Assegai MaxxTerra EXO |
| Reifen HR | Maxxis DHRII MaxxTerra EXO+ |
| Schaltwerk | Sram GX Eagle Transmission |
| Schalthebel | Sram AXS Pod |
| Kurbel | Shimano |
| Umwerfer | Ohne |
| Bremse | Shimano XT M8120 |
| Bremsscheiben | Shimano RT-86 203/203 mm |
| Sattelstütze | Iridium Dropper 170 mm |
| Sattel | Fizik Terra Aidon X5 |
| Vorbau | Canyon:ON ST0031 |
| Lenker | Canyon:ON HB0057 |
Auch an Laufrädern wurde nicht gespart. Die DT Swiss HX1700 zählen zu den hochwertigsten Alu-Laufrädern für E-Mountainbikes. Die Ratchet-Naben sind nahezu unzerstörbar. Besohlt sind die Felgen mit Maxxis Assegai mit EXO Karkasse vorne und DHR II hinten in der EXO+ Karkasse. Kritischer Einwurf: Für ein Bike dieser Gewichtsklasse (ca. 24 kg) und Potenz wäre am Hinterrad eine dickere DoubleDown-Karkasse durchaus eine Option, um Durchschlägen bei niedrigem Luftdruck vorzubeugen. Schwere Fahrer sollten hier über ein Upgrade nachdenken.
Die Shimano XT M8120 Vierkolbenbremsen sind bewährte Wurfanker. Sie bieten einen definierten Druckpunkt, sind wartungsfreundlich und bringen das Bike in jeder Situation sicher zum Stehen. Dazu gesellt sich die hauseigene Iridium Dropper Post mit 170 mm Hub. In Zeiten, wo an Größe L oft schon 200 mm oder mehr verbaut werden, ist das „okay“, aber nicht mehr wegweisend. Langbeiner könnten sich hier mehr Verstellbereich wünschen, um den Sattel im Downhill noch tiefer abzusenken. Allerdings könnte hier das recht lange Sitzrohr einen Strich durch die Rechnung machen.
Canyon Spectral:ON Modellvarianten: Kampfpreis!
Auch die übrigen Modellvarianten sind preislich sehr attraktiv – das reicht vom Einstiegsmodell für 3.999 Euro mit RockShox Lyrik Select und Deore-Komponenten bis hin zum CFR-Topmodell mit leichterem Rahmen, Fox Factory Fahrwerk, DT Swiss Carbonlaufrädern und X0 Transmissionschaltung für unter 6.000 (!) Euro.
| Spectral:ON CF 7 | Spectral:ON CF 8 | Spectral:ON CF 9 | Spectral:ON CFR | |
|---|---|---|---|---|
| Motor | Shimano EP801 | Shimano EP801 | Shimano EP801 | Shimano EP801 |
| Akku | 800 Wh | 800 Wh | 800 Wh | 800 Wh |
| Gabel | RockShox Lyrik Select | Fox 38 Rhythm | Fox 38 Perf. Elite Grip2 | Fox 38 Factory Grip2 |
| Dämpfer | RoxkShox Deluxe Select | Fox Float X Perf | Fox Float X Perf | Fox Float X Factory |
| Schaltung | Shimano Deore M6100 | Shimano XT M8100 | Sram GX T-Type | Sram X0 T-Type |
| Bremsen | Shimano Deore M6120 | Shimano SLX M7120 | Shimano XT M8120 | Sram Code Ultimate |
| Laufräder | RaceFace AR30/35 | DT Swiss HLN350 | DT Swiss HX1700 | DT Swiss HXC1501 |
| Stütze | Iridium Dropper | Iridium Dropper | Iridium Dropper | RockShox Reverb AXS |
| Preis (UVP) | 3.999 Euro | 4.499 Euro | 4.999 Euro | 5.999 Euro |
Geometrie: Noch modern?
Ein Blick auf die Geometrie-Philosophie des Spectral:ON ist spannend, denn hier zeigt sich das Alter der Konstruktion am ehesten – was jedoch nicht zwingend negativ sein muss. Das Bike entstammt einer Ära, bevor der Trend zu extrem steilen Sitzwinkeln und sehr hohen Fronten seinen Höhepunkt erreichte.
| S | M | L | XL | |
|---|---|---|---|---|
| Reach (mm) | 435 | 460 | 485 | 510 |
| Stack (mm) | 630 | 639 | 648 | 657 |
| Sitzrohr (mm) | 420 | 440 | 460 | 480 |
| Lenkwinkel (in °) | 65,5 | 65,5 | 65,5 | 65,5 |
| Sitzwinkel (in °) | 76,5 | 76,5 | 76,5 | 76,5 |
| Oberrohr (mm) | 586 | 613 | 641 | 668 |
| Kettenstreben (mm) | 440 | 440 | 440 | 440 |
| Steuerrohr (mm) | 115 | 125 | 135 | 145 |
| BB Drop (mm) | 36 | 36 | 36 | 36 |
Der Sitzwinkel ist moderat. Das sorgt in der Ebene und bei leichten Anstiegen für eine sehr komfortable Sitzposition, die den Druck von den Handgelenken nimmt. Wird es jedoch extrem steil im technischen Uphill, spürt man den Unterschied zu ganz aktuellen Geometriekonzepten: Der Fahrer muss aktiv weiter nach vorne rutschen und auf die Sattelspitze gehen, um das Vorderrad am Boden zu halten. Das ist Arbeit, aber machbar. Der Lenkwinkel und der Reach positionieren das Bike klar als Allrounder. Es ist nicht so lang wie ein modernes Race-Enduro, was dem Bike eine gewisse Kompaktheit bewahrt. Ein entscheidender Faktor für das Fahrgefühl ist der extrem tief liegende Schwerpunkt. Durch die spezielle Anordnung des Motors (gedreht) und des Akkus, der tief in den Tretlagerbereich hineinreicht, „klebt“ das Gewicht förmlich am Boden. Das kaschiert das Gesamtgewicht von über 24 Kilogramm erstaunlich gut und sorgt für ein sattes, integriertes Gefühl im Bike.
Das Canyon Spectral:ON 2026 auf dem Trail
Genug der Theorie. Wie fährt sich ein Bike mit diesen Zutaten im Jahr 2026 im direkten Vergleich? Im Uphill liefert der Shimano EP801 mit seinen 85 Nm und 600 Watt Spitzenleistung zuverlässigen Schub. Er ist ein Motor, der etwas Drehzahl braucht, um seine volle Kraft zu entfalten. Im Vergleich zu den allerneuesten Power-Aggregaten (wie dem Bosch CX Gen 5 oder DJI Avinox) fehlt ihm vielleicht das letzte Quäntchen „Punch“ im unteren Drehzahlbereich und das Ansprechverhalten ist einen Hauch digitaler. Dennoch: Wir jammern hier auf hohem Niveau. Das Vorderrad (29 Zoll) führt präzise, und trotz des nicht extrem steilen Sitzwinkels klettert das Spectral:ON souverän, solange man aktiv mitarbeitet.
Auf dem Trail gen Tail zeigt das Canyon sein wahres Gesicht – und das ist ein breites Grinsen. Wer befürchtet, ein „altes“ Bike zu fahren, wird in der ersten Kurve eines Besseren belehrt. Das Spectral:ON ist kein stumpfes Bügeleisen, das jeden Trail glattbügelt. Im Gegenteil: Der Hinterbau ist lebendig und poppig. Das Bike lädt förmlich dazu ein, an kleinen Wurzeln abzuziehen und durch Wellen zu pushen. Es bietet viel Gegenhalt im mittleren Federwegsbereich, was das Bike agil macht. In Anliegern profitiert man massiv vom Mullet-Setup: Das kleine Hinterrad lässt das Bike willig in die Kurve kippen, während die 29er Front für Laufruhe sorgt.
Ist es das schnellste Bike im groben Enduro-Geläuf? Vielleicht nicht ganz, da gibt es sattere Fahrwerke, die mehr Geschwindigkeit generieren. Aber es ist eines der spaßigsten. Das Handling ist intuitiv und gutmütig – ein Charakterzug, der sowohl Anfängern Sicherheit gibt als auch Experten zum Spielen animiert. Es gibt jedoch einen akustischen Wermutstropfen, den man nicht verschweigen darf: Das Klappern des Shimano-Motors. Wenn es ruppig bergab geht, erzeugt der Motor ein metallisches Klackern. 2022 war das bei fast allen Motoren normal, 2026 haben viele Hersteller dieses Problem eliminiert. Am Spectral:ON fährt das Klappern mit. Man kann es ausblenden, aber es ist präsent und trübt den ansonsten so hochwertigen Eindruck ein wenig.










