Test Scott Addict Gravel 10: Mit kleinen Updates und knalligen Farben geht das Schweizer Gravelbike in ein weiteres Modelljahr. Und nicht nur die Optik wirkt frisch – ein mitreißender Charakter und das noch einmal bessere Preis-Leistungs-Verhältnis machen das Addict Gravel noch interessanter als bisher.
Das Scott Addict Gravel 10 hat einen weiten Weg hinter sich. Als es 2020 von Velomotion vorgestellt wurde, basierte das Gravelbike noch auf einem Cyclocross-Rahmen mit knapp 40 mm Reifenfreiheit. Zweieinhalb Jahre später kam eine neue Version auf den Markt, die stark ans Aero-Rennrad angelehnt war und zur bewährten Rahmengeometrie einen auf 45 mm erweiterten Reifendurchlauf bot. Und seit dem vergangenen Jahr ist eine dritte Generation verfügbar, die sich vom 2022er Modell allerdings nur in Details unterscheidet: So können nun durch den UDH-Hinterbau die neuen SRAM-Gruppen verbaut werden, und dank der knalligen Farben des Testbikes wirkt das Scott Addict Gravel 10 deutlich moderner.

Der Blick zurück in die Modellgeschichte offenbart ein weiteres interessantes Detail: Die zwei unterschiedlichen Versionen des Addict Gravel 10, die Velomotion 2022 vorstellte, waren deutlich (6.499 Euro mit Shimano GRX Di2 2×11) bzw. merklich teurer (5.499 Euro mit SRAM Force AXS 2×12) als das aktuelle Modell. Das Addict Gravel 10 des Jahres 2023 kostete mit SRAM Force 2×12 und DT-Swiss-Radsatz sogar satte 6.699 Euro. Fürs 2026er Bike in der Farbe Gelato Blue/Pink werden dagegen nur 5.199 Euro fällig. Also: jetzt Highend-Bike zum Schnäppchenpreis oder aufgefrischter Oldie?
Scott Addict Gravel 10: Die Highlights
- Aktualisierter Rahmen mit UHD-Aufnahme
- Race-Geometrie mit sportlicher Sitzhaltung
- Ausstattung SRAM Force XPLR und Fulcrum Rapid Red Carbon
- Gewicht 8,52 kg (o. P.), Laufradsatz fahrfertig 3,5 kg
- Preis 5.199 Euro
Scott Addict Gravel 10: Dank UDH auf dem neuesten Stand
Der Rahmen des Scott ist heute kaum weniger aktuell als vor vier Jahren mit seinen markanten Aero-Formen und innen geführten Bremsleitungen. Durch die UDH-Kompatibilität ist er bei den Montagestandards auf dem neuesten Stand; nur ein Staufach im Unterrohr könnte man vermissen. Allerdings verzichten viele ganz neue Bikes der Kategorie „Gravel Race“ auf dieses Merkmal. Die Aero-Sattelstütze mit Kammtail-Profil wurde weiterentwickelt und verfügt nun über eine Aussparung an der Hinterseite. Diese soll den Komfort verbessern und kann dazu eine spezielle Rückleuchte aufnehmen, die sich nahtlos einfügt.
Die Sitzgeometrie ist mit fast 400 mm Reach bei Rahmenhöhe 56 auf eine gestreckte Körperhaltung abgestimmt; das etwas länger ausgeführte Steuerrohr und der leicht nach oben weisende Lenkervorbau sorgen jedoch dafür, dass die Überhöhung nicht allzu stark ausfällt. Die zwei 10-mm-Spacer am Testrad lassen sich dabei einfach entfernen. Mit 71° Lenk- und 73° Sitzwinkel sowie 425 mm langen Kettenstreben setzt Scott auf eine auch bei anderen Anbietern bewährte Geometrie, die für ein handlich-neutrales Lenkverhalten sorgt. Was allerdings nicht bedeutet, dass sich das Scott genauso anfühlt wie Bikes mit vergleichbaren Maßen.
Steifer Rahmen mit extrem viel Vortrieb
Bereits die ersten paar Pedaltritte zeigen nämlich: Das Addict Gravel ist ultra-vortriebsstark, setzt Drehmoment verlustfrei in Beschleunigung um und sorgt damit für ein seltenes Maß an Fahrvergnügen. Das Bike verführt dazu, immer wieder aus dem Sattel zu gehen und anzutreten, womit es an die Cyclocross-Wurzeln des Vorgängers anknüpft. Seine optimale Rahmensteifigkeit verdankt das Scott dem dank eingepresstem Innenlager breit bauenden Tretlagerbereich mit weit auseinander stehenden Kettenstreben. Schlanke Carbon- oder Aluminiumrahmen mit BSA-Innenlager sind hier merklich im Nachteil.

Die massige Gabel und das groß dimensionierte Steuerlager sorgen einerseits für eine steife Front bei harten Bremsmanövern, andererseits für Stabilität im Wiegetritt, wo schlankere Gabeln auch mal für schleifende Bremsbeläge sorgen. Hart ist das Addict Gravel dabei keineswegs, wofür am Heck die schlanke Stütze sorgt: Sie dämpft Stöße und Vibrationen, ohne bei hoher Tretfrequenz zu wippen.
Scott stattet das Rad mit 45 mm breiten Schwalbe G-One RX aus, die natürlich ebenfalls zum Komfort beitragen, außerdem bei feuchtem Untergrund viel Sicherheit vermitteln. Auch ohne den Luftdruck allzu sehr abzusenken, beißen sich die Pneus auf der nassen Wiese fest und erlauben ordentlich Schräglage. Den hinteren Reifen gegen die Laufrichtung zu montieren, dürfte die Traktion weiter verbessern. Auf Asphalt überrascht der leichte Lauf der breiten Reifen, die am Testrad nicht eimal tubeless montiert sind. Insgesamt ist der G-One RX derzeit einer der besten Gravel-Reifen für Matsch und Nässe.
Zu den begeisternden Performance des Rahmens kommt eine Ausstattung, die keine Wünsche offen lässt. Der Schweizer Anbieter verbaut mit der SRAM Force XPLR die derzeit wohl beste Gravel-Gruppe am Markt: Mit ergonomisch sehr angenehmen Griffen, der präzisen, schnellen 13-Gang-Schaltung und deren optimaler Abstufung ist dieses Set-up über jede Kritik erhaben. Dazu gibt es starke, bestens dosierbare Bremsen und ein geringes Gesamtgewicht, womit die Force in Sachen Preis-Leistung derzeit nicht zu toppen ist.
Starke Ausstattung zum attraktiven Preis
Scott verbaut ein 42er Kettenblatt, das zusammen mit dem großen Abrollumfang der 45er Reifen zu lang übersetzten Schnellgängen führt. Wer diese nicht braucht, kann bis zum 38er Blatt heruntergehen und sich dann über sehr leichte Berggänge freuen. Der Laufradsatz stammt von Fulcrum, wiegt knapp 1.500 Gramm und ist mit den flachen, asymmetrischen Felgen auf Komfort und Stabilität ausgelegt. Das ungebohrte Felgenbett erleichtert die Tubeless-Montage, wobei die Felgen dank „Mini hook“ mit so ziemlich jedem Reifen kompatibel sind. Auch einen Carbonlenker spezifiziert Scott.
Damit sind wir wieder beim Preis angelangt, der nicht nur unter jenem älterer Scott Addict Gravel 10 liegt – auch im Vergleich mit ähnlich bestückten Gravelbikes steht das Scott sehr gut da. Die SRAM-Force-Modelle der großen US-Hersteller sind schnell mal 2.000 Euro teurer; der einheimische Versandhandel kann vergleichbare Bikes nur ein paar Hundert Euro billiger anbieten, dann freilich mit Extras wie einem SRAM-Powermeter. Wie die Komponentengruppe ist also das ganze Rad sehr stark in Sachen Preis-Leistung.
Leicht mit Potenzial bei der Bereifung
Schwer ist das Addict Gravel übrigens auch nicht: das Komplettrad wiegt ohne Pedale gut 8,5 Kilo, wovon 3,6 Kilo auf den kompletten Radsatz entfallen. Und hier gibt es noch viel Luft nach oben: Scott verbaut 150-Gramm-Schläuche, und ein 45er Schwalbe-Reifen wiegt satte 580 Gramm. Der Umstieg auf etwas weniger bissige 40-mm-Reifen und TPU-Schläuche kann ganze 450 Gramm bringen. In solch einem Sommer-Set-up dürfte das Scott noch einmal spritziger werden, ohne an Funktion einzubüßen. Und im Winter kann man einfach Schutzbleche montieren – neben Bohrungen für drei Flaschenhalter und eine kleine Oberrohrtasche sind gut versteckte Gewinde für das spezielle Fender-Set angebracht.
Wer sich nun für das Scott Addict Gravel 10 begeistert, die 5.200 Euro aber nicht ganz aufbringen kann, bekommt für 1.300 Euro weniger eine interessante Alternative: das Addict Gravel 20 mit SRAM Rival, Syncros-Carbonlaufrädern und Aluminium-Lenker. Von nahezu identischer Performance bei minimal höherem Gewicht ist auszugehen – und damit ist dieses Bike wohl der derzeit größte Konkurrent unseres Test-Modells.








