Test 32 Zoll Gravelbike: Der französische Rahmenbauer Chiru gehört zu den ersten Anbietern, die sich an die neue Laufradgröße heranwagen. Velomotion konnte sich das Chiru Veldt für eine Testfahrt ausborgen – das sind die Erkenntnisse vom Ritt auf den Riesenrädern.
Wenn neue Technologien auf den Markt kommen, ist man schnell dabei, Bekanntes in Frage zu stellen. Fahrradschläuche, mechanische Schaltsysteme – wer technisch auf dem neuesten Stand ist, wundert sich manchmal darüber, mit was für simplem Material man früher gut zurechtkam. Gilt das auch bald für die Laufradgröße?
32 Zoll: Besser rollen mit größeren Rädern
Mit 32 Zoll schlägt die Branche ein neues Kapitel auf. Erste MTB-Rennsiege auf den großen Rädern werden für die Überlegenheit des neuen Maßes zitiert, von noch mehr Fahrspaß wird gemunkelt. Wer vom Rennrad kommt, wundert sich da ein bisschen. Auf der Straße fährt man schließlich seit Jahrzehnten die gleiche Laufradgröße, und irgendwie hat es immer gut funktioniert. Vielleicht ist das Problem, dass die ersten Mountainbikes um kleine 26-Zoll-Laufräder herum konstruiert wurden – die waren mitsamt passenden, großvolumigen Reifen leicht verfügbar, und bis zu den ersten Twentyninern um die Jahrtausendwende dachte niemand darüber nach, das größere Laufräder ein besseres Rollverhalten aufweisen. Inzwischen hat sich 29 Zoll (d. h. eine 622 mm/28-Zoll-Felge mit großvolumigem Reifen) beim MTB als Standard etabliert, und auch aufs Gravelbike ist der Trend zu breiteren Reifen übergesprungen.

Jetzt kommt der nächste Schritt, und alleine aus optischen Gründen kann man sich fragen, ob man da mitgehen will. Der perfekt verarbeitete, schlanke Titanrahmen des Chiru Veldt wird von den wuchtigen Laufrädern in den Schatten gestellt; die Herausforderungen, welche 32 Zoll für die Rahmengeometrie bedeuten, brechen deutlich mit konventionellen Sehgewohnheiten. Und so kann man sich fragen, ob all das gewisse Vorteile beim Fahrverhalten rechtfertigt – welche eigentlich?
Dynamisches Überrollen von Hindernissen
Einfach ausgedrückt: Größere Laufräder rollen besser über Hindernisse hinweg. Je weiter der Aufstandspunkt des Reifens von jenem Punkt entfernt ist, an dem der Reifen das Hindernis berührt (z. B. eine Bordsteinkante), desto mehr Weg steht dem Reifen zur Verfügung, um das Hindernis zu überwinden – und desto weniger wird der Reifen dabei abgebremst. Der längere Radstand, den die großen Laufräder nötig machen, hat einen weiteren Vorteil: In Relation zu diesem wird das Vorderrad weniger stark angehoben. Und daraus ergibt sich der wirklich spürbare Vorteil des 32-Zoll-Konzepts im Zusammenspiel mit den 57 mm breiten Reifen, die am Chiru verbaut sind.
Wie groß ist 32 Zoll genau? Der Außenradius einer 28-Zoll-Felge beträgt gut 32 cm; beim „Bike Ahead Composites“-Laufradsatz des Chiru sind es rund 35,5 cm. Beim konventionellen Gravelbike mit 40er Reifen stehen die Achsen gut 35 cm über dem Boden, beim 32er sind es etwas über 40 cm. Zusammen mit dem Unterschieden bei der Rahmengeometrie, die die großen Räder nötig machen – lange Kettenstreben und langer Rahmenvorderbau, flacherer Lenkwinkel –, ergeben sich deutliche Unterschiede im Fahrverhalten. Auf den ersten Metern auf Asphalt zeigt sich ein leichtes Pendeln, das man bald im Griff hat; auch die Tatsache, dass das Chiru mit Nachdruck zum Einlenken bewegt werden muss, ist erst einmal gewöhnungsbedürftig. Der Wiegetritt ist nicht gerade die Paradedisziplin des 32ers: Geht man aus dem Sattel, lässt sich das Rad unterm Fahrer nur unwillig hin und her bewegen. Kurze Steilstücke überwindet man besser mit hoher Tretfrequenz im Sitzen statt mit Druck, wobei sich das SRAM-Red-Getriebe mit breit abgestufter Kassette mit blitzschnellen Gangwechseln bewährt.
Antreten besser im Sitzen
Auf einem ansteigenden Kiesweg mit hohen, querliegenden Entwässerungsrinnen zeigt sich dann erstmals das große Plus der großen Räder: Auf dem sportlichen CX/Gravelbike mit 40er Reifen muss man hier Vorder- und Hinterrad deutlich hochziehen, was mit merklichem Tempoverlust einhergeht. Das Chiru Veldt überrollt die Rinnen einfach; wenn man den Lenker etwas entlastet, ist der Stoß kaum zu spüren. Die Erschütterungen der unebenen Fahrbahn werden ebenfalls deutlich gedämpft.
Mit dieser Eigenschaft geht ein solider Geradeauslauf bei jedem Tempo einher, wobei sich das Rad trotz des schmalen Lenkers gut beherrschen lässt. Im Vertrauen darauf, dass die großen, 57 mm breiten Reifen Fahrbahnstöße effizient dämpfen, kann man es bergab einfach rollen lassen, wo man auf einem konventionellen Gravelbike aktiver und vorsichtiger fahren muss. Bei schneller Kurvenfahrt merkt man, dass die breiten Reifen zu mehr Schräglage führen – so fühlen sich kurvige Strecken sehr dynamisch an.
Ein Reifen für eher trockene Strecken
Die breiten Maxxis können mit extrem wenig Druck gefahren werden und sind trotz zurückgenommenen Profis recht griffig. Wird’s matschig, scheint die große Auflagefläche der Reifen jedoch ein gewisses Aufschwimmen zu bewirken. Hier wäre ein ausgeprägteres Profil sicher besser.
Gerade mal 9,2 Kilo wiegt das Chiru Veldt, was es nicht zuletzt der extrem hochwertigen Komplettierung verdankt: Nur rund 300 Gramm wiegt das Cockpit, etwa 1.500 Gramm der Radsatz, vom bequemen Carbonsattel der fränkischen Leichtbaumarke gar nicht zu reden. Übermäßig vortriebsstark ist das Rad aber trotzdem nicht. Fahrfertig wiegt der Radsatz nämlich gut 3,8 Kilo, wobei die Reifen viel Masse nach außen verlagern. Das bedeutet zwar andererseits, dass das Rad leicht sein Tempo hält; je nach Reifendruck meint man aber schon zu spüren, dass durch die Verformung der Reifen Energie verloren geht.
Wie also soll man den neuen Trend bewerten? Das Chiru Veldt ist mit Flatbar auch als leichtes, ungefedertes MTB vorstellbar, das auf typische 29er Bereifung nochmal einen drauflegt. Aus Rennrad/CX-Perspektive ist es exotisch bis extrem. Etwas lernen lässt sich aus den Konzept auf jeden Fall – nämlich, welchen Vorteil ein größerer Reifendurchmesser in Sachen Fahrdynamik hat. Wer bisher 40 mm breite Reifen für das Maß aller Dinge hielt, könnte geneigt sein, den Reifendurchlauf seines Gravelbikes versuchsweise auszureizen. Ob man dafür aufs vertraute Handling eines konventionellen Gravelbikes verzichten will, ist eine andere Frage, und die wird der Markt entscheiden, sobald 32-Zoll-Bikes in größerer Zahl und zu üblichen Preisen verfügbar sind. Es kann ein Erfolg werden – oder es kann so laufen wie beim Fatbike…
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