Muc-Off Dark Energy im Test: Wer nicht mehr ölen will, Heißwachsen jedoch zu aufwendig findet, kann sich auf dem wachsenden Markt der Flüssigwachse umschauen. Hier kommt ein neues Produkt vom britischen Anbieter Muc-Off, das Velomotion gleich einmal ausprobiert hat. Können die weißen Tropfen überzeugen?
Wachsen statt ölen gehört für viele mittlerweile zum Standard. Eine dauerhaft saubere Kette, die deutlich weniger stark verschleißt, dabei Zahnkränze und Kassette schont und darüber hinaus auch noch etwas Leistung einspart – auf diese geballten Vorteile wollen immer weniger Radsportlerinnen und Radsportler verzichten. Und wie viele Hersteller von Schmierstoffen Pflegemitteln ist auch Muc-Off auf den Wachs-Zug aufgesprungen. Mit Muc-Off Dark Energy gibt es nun ein neues Produkt der britischen Marke, das noch einmal bessere Leistungen bieten soll.
Muc-Off Dark Energy: Wachsen ohne kochen
Bei Muc-Off Dark Energy handelt es sich um Flüssigwachs – und das dürfte viele hellhörig machen. Denn das Heißwachsen im speziellen Wachskocher (oder im Schongarer von der Kleinanzeigen-Plattform) erscheint oft als ziemlich komplizierte Prozedur. Wobei das Entfetten der Kette, also die Entfernung der Erstschmierung, in jedem Fall notwendig ist. Muc-Off bietet dafür einen süßlich-aggressiv riechenden „Kettenwachs Reiniger“ in der Sprühflasche an, mit dem auch gleich die sonstigen Antriebskomponenten gesäubert werden können. Wobei das Testrad, das auch sonst mit gewachsten Ketten gefahren wird, ohnehin ziemlich fettfrei ist.

Entfetter mit intensivem Geruch
Zum Entfetten einer neuen Ketten ist ein Bad im Reiniger die Methode der Wahl. Dazu braucht man ein Einmachglas und so viel Reinigungsflüssigkeit, dass die Kette komplett bedeckt ist. Das fest zugeschraubte Glas wird kräftig geschüttelt und dann kurz stehen gelassen, sodass sich die aus der Kette geschwemmten Fette absetzen können. Danach muss die Kette kräftig mit Wasser abgespült werden und trocknen. Die Flüssigkeit im Einmachglas ist erst einmal trüb; später setzen sich die aus der Kette gelösten Stoffe ab. Theoretisch kann man den Reiniger filtern und zur späteren Reinigung wiederverwenden. Laut Info von Muc-Off ist die Fähigkeit zur Entfettung nach einer Anwendung nicht mehr vollständig gegeben.
Die Kette sollte nun komplett fettfrei sein und kann montiert werden; dann kommt endlich die Behandlung mit Muc-Off Dark Energy. Was nach kräftigem Schütteln aus der kleinen Flasche tropft, ist eher dickflüssig und haftet gut an der Kette an. Jede Rolle des unteren Kettenstrangs bekommt ihr Tröpfchen ab, wobei zwei Durchgänge vorgeschrieben sind. Danach werden alle Gänge durchgeschaltet, damit sich das Wachs auf den ganzen Antrieb verteilen kann. Die Schmierwirkung ausprobieren kann man nicht sofort, da der Anbieter mindestens zwölf Stunden Einwirkzeit vorschreibt. Wobei sich bereits nach etwa einer Stunde ein fester weißer Belag zeigt, der an der Kette haftet.
Längere Ablüftzeit nötig
Nach gut 24-stündiger Ablüftzeit steht die erste Fahrt mit dem Muc-Off-Wachs an. Die mit dem Flüssigwachs behandelte Kette muss nicht eingefahren werden wie eine heißgewachste, denn diese ist erst einmal steif und verliert anfangs kleine Wachssplitter. Das Schaltverhalten ist unauffällig; die Geräuschbildung liegt etwas über jener einer heißgewachsten Kette. Nach zweieinhalb Stunden Fahrzeit an einem sehr heißen Tag haben sich am Kettenblatt dünne Ränder einer grauen Paste gebildet – wahrscheinlich Wachsreste, die an dieser Stelle natürlich keine Schmierwirkung mehr erzielen können. So sauber und trocken wie ein heißgewachster Gliederstrang ist die Muc-Of-Kette auch nicht: Streicht man mit dem Finger über die Kette, bleiben leichte Schmierspuren zurück.
Härtetest auf nassen Straßen
Test-Tag zwei startet auf nassen, schmutzigen Straßen – keine idealen Bedingungen für eine saubere Kette. Nach gut drei Stunden im Sattel ist das Rad ordentlich schmutzig; an der Kette sowie Schaltrollen und Kettenblättern zeigen sich schwärzliche Anhaftungen; das Kettenblatt hinterlässt einen deutlich sichtbaren Abdruck auf der Wade, wenn man aus Versehen dagegen kommt.
Diese Verschmutzungen von der Kette zu bekommen, ist natürlich kein Problem – vom Muc-Off-Kettenreiniger ist ja noch genug übrig. Einsprühen und einwirken lassen, dann abbürsten und abspülen – schon glänzt die SRAM-Kette wieder und kann erneut mit Muc-Off Dark Energy behandelt werden.
Nur: Der Sinn des Wachsens ist das natürlich nicht. Wer seine (bzw. ihre) Kette wachst, will ja eben um das häufige Reinigen und Nachschmieren herumkommen, und hier ist Heißwachs definitiv im Vorteil. Denn diese Methode erzeugt eine feste, trockene Schicht auf und in der Kette, die praktisch keinen Schmutz anzieht. An den Fingern und an der Wade hinterlässt eine heißgewachste Kette bzw. das mit ihr gefahrene Kettenblatt dann auch keine schmierigen Spuren.
Dass Muc-Off Dark Energy Vorteile gegenüber Kettenöl hat, will man gerne glauben – dieses zieht selbst bei trockenen Bedingungen Staub und Straßenschmutz an, aus dem eine schwarze, verschleißfördernde Paste entsteht, die das Kettenleben verkürzt. Heißwachs dagegen ist eine ganz andere Nummer – und letztlich auch nicht viel aufwendiger, da der Knackpunkt ja im Entfetten der Kette vorm Wachsen liegt. Wer vom Ölen kommt, könnte mit Dark Energy zufrieden sein – wer Heißwachs gewohnt ist, dürfte jedoch keinen Grund dafür finden, aufs Flüssigwachs umzusteigen.





