Test Gazelle Avignon C380+:
Die Niederlande mögen ein Paradies für Radfahrende sein – aber auf Zack sein muss man schon, um im dortigen Verkehr zurechtzukommen. Denn während das Radfahren hierzulande oft mit einer gewissen Haltung zusammenhängt, ist es bei den Nachbarn in erster Linie eine praktische, dank geeigneter Infrastruktur gut funktionierende Fortbewegungsweise, die alle beherrschen und ausüben. Nichts Besonderes, sondern die Regel – was auch heißt, dass man tunlichst die Regeln befolgen und geschmeidig mitschwimmen sollte, um nicht anzuecken.
Wie man das üben kann? Am besten auf einem Rad wie dem Gazelle Avignon C380+. Das bringt nämlich alles dafür mit, dass man sich aufs Lenken, Bremsen und Wahrnehmen des Verkehrsgeschehens konzentrieren muss, während es einem ein paar andere Sachen abnimmt.
Gazelle Avignon C380+ – die Highlights
- Unisex-Tiefeinsteigerrahmen in vier Größen
- Sitzhaltung kann mit verstellbarem Vorbau individualisiert werden
- Kräftiger Bosch-PX-Motor
- Enviolo Automatiq – stufenloses automatisches Getriebe
- Elegantes Rahmendesign mit semi-integriertem Gepäckträger
- Preis: ab 5.199 Euro mit 540-Wh-Akku (Testrad mit 800 Wh 5.649 Euro)

Bosch Performance PX mit hohem Drehmoment
Das Treten natürlich nicht so ganz – dabei stellt der Bosch PX ein solides Drehmoment von 85 Nm zur Verfügung, das einen eigentlich nie im Stich lässt. Das neue „Performance Upgrade 2.0“ sieht Bosch für diesen Motor zwar nicht vor, doch angesichts eines Unterstützungsfaktors von 3,4 ist die Power des Antriebs ohnehin so ziemlich jeder Situation gewachsen. Die an extremen Steilstücken nötige Eigenleistung lässt sich auch in der aufrechten Sitzhaltung des Avignon gut aufs Pedal bringen. Steigungen um die 6 oder 7 % bewältigt der PX jedoch fast im Alleingang – und viel steiler wird’s selten im Alltag oder auf Touren.
Vom besonders leisen Lauf der Bosch Performance PX hat man hier allerdings wenig – und das hat mit dem hörbaren automatischen Getriebe zu tun, an das man sich erst einmal gewöhnen muss, wenn man bisher selbst geschaltet hat. Am Gazelle ist die Enviolo Automatiq nämlich motor- und getriebeschonend abgestimmt: Die Elektronik verhindert Drehmomentspitzen beim Anfahren, was bedeutet, dass man auf den ersten Metern mit hoher Trittfrequenz loslegen muss. Der Motor quittiert das sofort mit kräftiger Beschleunigung und schaltet deutlich hörbar hoch; in kürzester Zeit hat man also das Reisetempo und eine kommode Kadenz erreicht.

Ungewohnt: Start mit hoher Trittfrequenz
Warum das ungewohnt ist? Viele E-Biker/innen haben sich angewöhnt, gleich im dicken Gang zu starten – das Drehmoment des Motors sorgt ja dafür, dass trotzdem genug Schub da ist. Sehr effizient ist das zwar nicht, aber bequem, doch hier bringt einen die Enviolo Automatiq dazu, umzudenken. Wer aber ohnehin mit höheren Frequenzen fährt, hat keine Probleme mit dem Umstieg. Per App kann man das Verhalten der Schaltung natürlich beeinflussen, allerdings lohnt es sich, es mit den Werkseinstellungen zu versuchen – ökonomischer fährt man damit auf jeden Fall.
Mit starkem Motorschub und automatischer Schaltung muss man sich natürlich um gleich zwei Dinge weniger kümmern und hat ebenso Kapazitäten für den Straßenverkehr, wie man die Fahrt auf dem Avignon genießen kann. Die nicht einstellbare Stahlfedergabel ist angenehm weich abgestimmt und reagiert auch auf kleinere Stöße, ihre 40 mm Federweg sind damit voll nutzbar. Mehr muss es im Alltag gar nicht sein, und auch eine Blockierfunktion vermisst man an der Forke nicht – auf dem E-Bike wechselt man schließlich nicht in den Wiegetritt. Auch die Federsattelstütze erfüllt gut ihren Zweck und überrascht dazu mit einem interessanten Merkmal: Die Einstellung der Sattelneigung geschieht über zwei Madenschrauben und ist von der Fixierung der Sattelstreben an der Stütze entkoppelt.
Tiefer Durchstieg und semi-integrierter Gepäckträger
Am Gazelle finden sich viele weitere sinnvolle Details, die Funktionalität wie Optik verbessern. Am Rahmen gefällt vor allem die schwungvolle Form des Hinterbaus, der nahtlos in den Heckträger übergeht. Naja, nicht ganz, denn der Träger ist ein separates Bauteil, das sich aber perfekt einfügt. Die hochgelegte Kettenstrebe erleichtert die Verwendung des Zahnriemens, dessen unterer Strang von einer Spannrolle nach oben gedrückt wird. Der großflächige Motorschutz an der Antriebsseite sorgt für eine gelungene glattflächige Optik.
Typisch niederländisch sind Bauteile wie Mantelschoner und Spanngummi am Träger, und auch die ins vordere Schutzblech integrierte Leuchte ist eine Spezialität des Landes. Das gilt auch für den per Klapphebel verstellbaren Lenkervorbau, der gleichzeitig eine Anpassung des Lenkers selbst erlaubt. Der Winkel des Kiox-500-Displays lässt sich ebenfalls einfach ändern.
Keine gute Wahl: das bzw. dieses Rahmenschloss
Der nach oben entnehmbare Akku und die gut erreichbare Ladebuchse sind weitere Komfortmerkmale des Gazelle, das am Ende wieder mal nur einen Wunsch offen lässt: Der Schlüssel des Rahmenschlosses kann nicht abgezogen werden, wenn das Schloss geöffnet ist. Das Schloss muss also zwangsweise genutzt werden und man sollte den Schlüssel tunlichst nicht am Schloss vergessen, zumal er auch den Akku entriegelt. In diesem Detail war man bei Gazelle leider nicht auf Zack – und während das Avignon seinen Fahrerinnen und Fahrern das Schalten und übermäßigen Krafteinsatz abnimmt, gibt es ihnen hier etwas mit, an das sie zusätzlich denken müssen.












