Test / E-MTB: Das Giant Reign E+ gilt seit Jahren als absoluter Evergreen unter den langhubigen E-Mountainbikes. Entsprechend groß sind die Fußstapfen, in die das neue Giant Reign Advanced E+ im Modelljahr 2026 treten muss. Die Entwickler verpassen dem Enduro-Boliden ein umfassendes Update, das es in sich hat: Neuer 48-Volt-Motor, ungewöhnliches Akku-Konzept und ein edler Carbonrahmen mit Mullet-Setup sollen das Bike zum ultimativen Begleiter für raues Gelände machen. Ob die Neuausrichtung des E-Enduros aufgeht und sich das Bike seinen unverkennbaren Charakter bewahren kann, haben wir auf die Probe gestellt.
Im ausgesprochen umfangreichen E-MTB-Portfolio von Giant nimmt das Reign Advanced E+ unbestritten den Platz fürs Grobe ein. Dieses Bike ist ein waschechtes E-Enduro, konstruiert für steile Abfahrten, fieses Terrain und hohe Geschwindigkeiten. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, setzen die Entwickler auf einen Vollcarbonrahmen, der mithilfe der markeneigenen „Advanced Composite Technologie“ in einer modifizierten Monocoque-Konstruktion gefertigt wird. Dabei entfällt die äußerste geflochtene Verbundlage, was laut Giant das Gewicht spürbar senkt, ohne Kompromisse bei der Steifigkeit oder Stabilität einzugehen.
Auch beim Fahrwerk bleibt sich Giant treu – glücklicherweise. Zum Einsatz kommt der legendäre Maestro-Hinterbau, der sich mittlerweile seit vielen Jahren an den Bikes der Taiwanesen bewährt. Vier strategisch platzierte Drehpunkte und zwei Umlenkwippen erzeugen einen sogenannten schwimmenden Drehpunkt. Am Reign Advanced E+ stellt dieses System 170 mm Federweg am Heck bereit, kombiniert mit üppigen 180 mm an der Front. Das Bike rollt ab Werk als Mullet-Setup mit 29-Zoll-Laufrad vorn und 27,5-Zoll-Laufrad hinten an, was eine ideale Balance aus Überrollverhalten und Agilität verspricht.
Eine kleine Besonderheit sind die vielfältigen Anpassungsmöglichkeiten der Geometrie. Über einen Flip-Chip am oberen Umlenkhebel lässt sich die Geometrie in drei Positionen (High, Mid, Low) trimmen. Dies nimmt direkten Einfluss auf Lenk- und Sitzwinkel sowie die Tretlagerhöhe. Doch damit nicht genug: Ein weiterer dreistufiger Flip-Chip im Steuersatz erlaubt es, den Reach in 5-Millimeter-Schritten an die individuellen Vorlieben des Fahrers anzupassen. Gerade versierte Fahrer dürften diese Nuancen beim Setup durchaus spüren und zu schätzen wissen.
Positiv fällt außerdem auf, dass der Rahmen an allen relevanten Stellen großzügig mit robusten Schützern versehen wurde. Neben der obligatorischen Kettenstrebe und einem integrierten Fender am Hinterbau besticht besonders der Motorschutz: Giant verbaut hier eine Skidplate aus Titan. Das Material ist nicht schwerer, aber dafür deutlich stabiler als herkömmliches Aluminium. Wer also in verblocktem Gelände hart aufsetzt, muss sich um das Motorgehäuse keine Sorgen machen – diese Skidplate ist wahrlich für die Ewigkeit gebaut.
Der neue SyncDrive Pro 3 Antrieb
Während viele Hersteller beim Antrieb auf Altbekanntes setzen, beweist Giant Mut und stattet das Reign Advanced E+ mit dem völlig neu entwickelten SyncDrive Pro 3 aus. Die Motor-Hardware stammt zwar wie gewohnt vom Kooperationspartner Yamaha, das gesamte Ökosystem – von der Software über die Sensorik bis hin zum Akku – ist jedoch eine reine Giant-Eigenentwicklung.
Das absolute Novum: Der Motor arbeitet mit einer Systemspannung von 48 Volt. Bisherige Antriebe von Giant (und vielen Mitbewerbern) liefen standardmäßig auf 36 Volt. Die höhere Spannung verspricht eine deutlich bessere Effizienz. Es entsteht weniger Abwärme, die Belastung der Komponenten sinkt, und der Motor soll seine Spitzenleistung von satten 800 Watt länger und konstanter abrufen können. Das maximale Drehmoment liegt bei soliden 90 Nm.
Passend zum 48-Volt-System wurde auch der Energiespeicher komplett neu konstruiert. Im Unterrohr sitzt der „EnergyPak Smart 560“. Wie der Name verrät, bietet der Akku eine Kapazität von 560 Wattstunden. Für heutige Verhältnisse, in denen E-Enduros oft mit 700 bis 900 Wh aufwarten, klingt das zunächst nach recht wenig. Dafür lässt sich der Akku wunderbar unkompliziert entnehmen: Eine Kunststoffklappe mit Schieberegler an der Unterseite des Unterrohrs gewährt schnellen Zugriff. Wer mehr Reichweite benötigt, kann auf dem Unterrohr einen optionalen Range Extender (EnergyPak Plus) mit weiteren 280 Wh montieren.
Praktisch: Das ins Oberrohr integrierte Farbdisplay („RideControl GO Lux“) ist ein echtes optisches Highlight. Es fügt sich extrem bündig in den Carbonrahmen ein, bietet eine brillante Darstellung und deklassiert viele aktuelle Konkurrenz-Lösungen in Sachen Design und Ablesbarkeit. Gesteuert wird das System über die neue, kabellose „RideControl Ergo 4“ Remote am Lenker, die mit ihren zwei Tasten und klaren Druckpunkten sehr intuitiv zu bedienen ist.
Zudem zieht moderne Sicherheitstechnik ins E-MTB ein: Mit dem „Aegis E-Lock“ lässt sich die Motorunterstützung digital sperren, während die „Aegis Find My“-Funktion eine direkte Integration in Apples „Wo ist?“-Netzwerk bietet – inklusive Trennungsalarm und Standortverfolgung. Abgerundet wird das smarte Paket durch in die Ventile integrierte Reifendrucksensoren. Ein kurzer Blick auf das Display genügt, um zu checken, ob der Luftdruck vor der Abfahrt noch passt. Bei Druckverlust schlägt das System Alarm.
Top-Ausstattung zum saftigen Preis
Drei Modellvarianten des Giant Reign E+ sind verfügbar, die preislich zwischen 6.500 Euro (Advanced E+ 2) und stolzen 10.999 Euro (Advanced E+ 0) rangieren. Für unseren Test fühlten wir dem mittleren Modell, dem Reign Advanced E+ 1 für 7.999 Euro, auf den Zahn. Bei diesem Preisniveau darf man ein entsprechend hochwertiges Komponentenpaket erwarten.
Das Fahrwerk kommt in dieser Version aus dem Hause Fox. An der Front arbeitet die wuchtige Fox 38 Performance Elite mit der herausragenden GRIPX2-Dämpfungskartusche, am Heck schluckt ein Fox Float X Dämpfer die Unebenheiten. Abgesehen von der fehlenden goldenen Kashima-Beschichtung entspricht das Performance Elite-Fahrwerk funktional exakt dem sündhaft teuren Factory-Level – eine sehr kluge und performance-orientierte Wahl.
Verzögert wird mit der bissigen TRP DH-R Evo Bremsanlage, die hervorragend zum Einsatzbereich passt. Geschaltet wird mit einer mechanischen Schaltung. Auch wenn der Verzicht auf eine elektronische Lösung an einem 8.000-Euro-Bike bei manchem Käufer für leichtes Zähneknirschen sorgen dürfte, so bietet sie doch eine unbestrittene Zuverlässigkeit und deutlich günstigere Ersatzteilpreise im Falle eines Defekts. Die hauseigenen Giant e-TRA Aluminium-Laufräder (30 mm Innenweite) verrichten unauffällig und extrem robust ihren Dienst, ebenso wie die hauseigene Vario-Sattelstütze, die ausreichend Hub für steile Abfahrten mitbringt.
Ein kleines i-Tüpfelchen findet sich bei der Bereifung: Der verbaute Maxxis Assegai an der Front kommt in der weichen MaxxGrip-Gummimischung – ein Detail, das man an Serienbikes leider viel zu selten sieht. Kombiniert mit der Exo+ Karkasse vorne und einer sehr robusten Double Down Karkasse am Hinterrad, ist das Setup für grobes Geläuf absolut stimmig.
Das Giant Reign Advanced E+ in der Praxis: Kletterkünstler mit kleinen Konzept-Schwächen
Für den Praxistest waren wir mit dem Giant Reign Advanced E+ 1 in abwechslungsreichem Terrain unterwegs, das von typischen Hometrails bis hin zu ruppigen Enduro-Sektionen reichte. Zunächst müssen wir jedoch ein paar Worte zum Gesamtkonzept und der Reichweite verlieren.
Ein 180-mm-Bike ist per Definition ein Big-Mountain-Gerät. Man möchte damit hoch hinaus, steile Alpenpässe bezwingen und lange epische Abfahrten in den Bergen genießen. Mit dem 560-Wh-Akku stößt man hier jedoch relativ schnell an physikalische Grenzen. Je nach Fahrergewicht, Eigenleistung und Unterstützungsstufe sind im Schnitt zwischen 1.000 und 1.200 Höhenmeter realistisch. Das ist für ausgedehnte Tagestouren ohne optionalen Range Extender schlichtweg etwas knapp. Zwar profitiert das Handling spürbar vom reduzierten Akku-Gewicht (unser Testbike wog in Rahmengröße L faire 23,4 kg), aber für das definierte Einsatzgebiet in den Bergen erfordert dieses Akku-Konzept doch ein genaues Einteilen der Leistungsreserven. Auffällig war zudem, dass die Prozent-Anzeige des Akkus im unteren Ladebereich Sprünge macht – wer sich auf die letzten 15 Prozent verlässt, steht mitunter nach wenigen hundert Metern plötzlich bei 7 Prozent oder weniger.
Beim Ansprechverhalten bergauf zeigt der neue SyncDrive Pro 3 die typische, Yamaha-geprägte Reaktionsfreudigkeit. Sobald nur der geringste Druck auf dem Pedal liegt, schiebt der Motor an („Zero Cadence“). Unser Tipp: Über die Giant RideControl App sollte man den Parameter „Launch“ (der ab Werk für fast alle Modi auf Stufe 3 von 7 steht) unbedingt nach oben korrigieren, um das volle Potenzial des kräftigen Antritts freizuschalten. Die Power des 90-Nm-Aggregats ist über jeden Zweifel erhaben, allerdings geht diese Kraftentfaltung mit einer deutlichen Geräuschkulisse einher. Der Motor ist im Uphill stets präsent und akustisch etwa auf dem Niveau eines Shimano EP801 einzuordnen.
Abfahrt: Ein fast unbändiger Spieltrieb
Sobald sich der Trail in Richtung Tal neigt und das Gelände garstiger wird, zeigt das Giant Reign Advanced E+ 1 sein wahres Gesicht – und das ist ein absolutes Gedicht. Wer befürchtet, das Rad sei aufgrund seines immensen Federwegs behäbig, kann beruhigt sein. Der Maestro-Hinterbau glänzt einmal mehr auf ganzer Linie: Er ist extrem schluckfreudig und „plush“, bietet aber gleichzeitig erstaunlich viel Gegenhalt und Lebendigkeit.
Das Bike vermittelt eine enorme Sicherheit und fordert geradezu dazu auf, die Bremsen offenzulassen. An einem kleinen Absatz abziehen, das Rad in den nächsten Anlieger werfen und danach ab aufs Hinterrad und weiter gen Tal – das Mullet-Setup und die durchdachte Geometrie verleihen dem Boliden eine beeindruckende Leichtfüßigkeit. Auch wenn ruppiges Enduro-Geläuf und fiese Steinfelder im Weg liegen, bügelt das exzellente Fox-Fahrwerk alles souverän glatt. Erfreulich: Die hauseigenen Giant-Laufräder mussten in unserem Test hart einstecken, zuckten aber nicht mit der Wimper und standen am Ende ohne eine einzige Delle da.
Leider wird die Abfahrtsfreude durch die Geräuschkulisse etwas gebremst. Trotz perfekt verlegter, am Rahmen fixierter Leitungen und einer stramm sitzenden Akku-Halterung klappert das Bike auf dem Trail spürbar. Die Ursache lässt sich nach dem Ausschlussverfahren ziemlich sicher auf den Motor eingrenzen. Dieses Klappern trübt den ansonsten extrem hochwertigen Eindruck des Vollgas-Enduros leider ein wenig.









