Test / Bekleidung: Die Übergangszeit und der Winter stellen Radfahrer vor besondere Herausforderungen. Nässe, Kälte und Matsch verlangen nach Material, das nicht nur gut aussieht, sondern vor allem performt. Mit dem fizik Terra Artica GTX schickt der italienische Hersteller fizik einen Offroad-Schuh ins Rennen, der dank GORE-TEX-Membran und Fleece-Fütterung Gravel-Biker und Mountainbiker gleichermaßen glücklich machen soll. Wir haben den Schuh in der auffälligen „Desert-Black“-Variante unter die Lupe genommen, die technischen Daten analysiert und ihn auf nassen Herbst-Trails sowie bei winterlichen Temperaturen getestet. Hält er das Versprechen vom ultimativen Winterschuh?
Italienisches Design trifft auf High-Tech-Membran
Wer sich im Portfolio von fizik auskennt, weiß, dass die Italiener selten Kompromisse eingehen, wenn es um Ästhetik und Verarbeitungsqualität geht. Der Terra Artica GTX macht hier auf dem Papier keine Ausnahme und positioniert sich selbstbewusst als vielseitiger All-Terrain-Schuh. Er soll die Lücke zwischen einem reinrassigen Performance-Schuh und einem robusten Winterstiefel schließen. Die Zielgruppe ist breit gefächert: Vom „Gravel Grinder“ über den klassischen Mountainbiker bis hin zum Downcountry-Fahrer soll jeder bedient werden, der auch bei widrigen Bedingungen nicht vom Rad steigen möchte.
Das Herzstück des Schuhs ist zweifellos die verarbeitete Membran. fizik setzt hier auf die Gore-Tex Insulated Cirrus XT Membran. Diese Schicht verspricht nicht nur die für Gore-Tex typische absolute Wasserdichtigkeit, sondern auch eine hohe Atmungsaktivität. Besonders hervorzuheben ist dabei der Umweltaspekt, denn die verwendete Membran ist PFAS-frei. Dies ist ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit, ohne dabei – laut Herstellerangaben – Einbußen bei der Performance hinnehmen zu müssen. Die Technologie soll verhindern, dass Wasser von außen eindringt, während Schweiß in Form von Wasserdampf durch Milliarden winziger Poren nach außen entweichen kann. Das Ziel: Trockene Füße, egal ob durch Regen von außen oder Anstrengung von innen.
Aufbau und Isolierung: Mehr als nur eine Hülle
Doch eine Membran allein macht noch keinen Winterschuh. Um den Terra Artica GTX für die vom Hersteller angepriesenen „extremen Klimata“ und „schlechtestes Winterwetter“ zu wappnen, wurde das Innere des Schuhs mit einem weichen, gebürsteten Fleece-Futter ausgekleidet. Dieses Material dient zwei Zwecken: Zum einen soll es eine isolierende Luftschicht binden, um die Wärme am Fuß zu halten, zum anderen erhöht es den Tragekomfort erheblich. Es fungiert als „cozy layer of defense“ – eine gemütliche Verteidigungslinie gegen Eis und Schnee.
Das Obermaterial besteht aus einem hochdichten PU-Laminat in Kombination mit Ripstop-Gewebe. Diese Materialwahl zielt auf eine hohe Widerstandsfähigkeit ab, ohne das Gewicht unnötig in die Höhe zu treiben. Apropos Gewicht: Mit rund 432 Gramm (bei Größe 42,5) bewegt sich der Schuh in einem für gefütterte Winterschuhe absolut konkurrenzfähigen Rahmen. Das Außenmaterial ist dabei so konzipiert, dass es nicht nur abriebfest ist, sondern auch leicht zu reinigen sein sollte – ein nicht zu unterschätzender Faktor im matschigen Offroad-Einsatz.
Verschluss-System und Sohlenkonstruktion
Für den sicheren Halt im Schuh sorgt das bewährte L6 BOA® Fit System. Ein einzelnes Drehrad ermöglicht die mikrogenaue Anpassung der Passform, was besonders mit klammen Fingern oder dickeren Winterhandschuhen ein entscheidender Vorteil gegenüber Schnürsenkeln ist. Ergänzt wird das BOA-System durch einen breiten Klettverschluss am Knöchel. Dieser soll den Fuß nicht nur zusätzlich stabilisieren, sondern auch den Übergang zum Bein so abdichten, dass Kälte und Nässe keine Chance haben, von oben in den Schuh zu kriechen.
Der Blick auf die Unterseite offenbart die neu gestaltete X5 Außensohle. Mit einem Steifigkeitsindex von 5 ordnet sich der Terra Artica GTX im Mittelfeld ein. Er ist nicht bretthart wie ein reiner Carbon-Rennschuh, aber auch nicht so weich wie ein Sneaker. Die Sohle besteht aus Nylon und ist komplett mit einem griffigen Gummi überzogen. Großzügig dimensionierte Stollen, die auch den Mittelfußbereich abdecken, sollen für Traktion sorgen, wenn das Gelände so steil oder rutschig wird, dass Schieben die bessere Option ist.
Im Test: Der fizik Terra Artica GTX in der Praxis
Genug der Theorie. Wir haben den Terra Artica GTX über mehrere Wochen getestet – vom nassen Herbst bis in den winterlichen Frostbereich. Gefahren wurde er vornehmlich auf dem Gravelbike, wobei die Bedingungen von tiefen Pfützen bis hin zu schneebedeckten Waldwegen reichten.
Erster Eindruck und Verarbeitung
Schon beim Auspacken fällt die Optik ins Auge. Unser Testmodell in der Farbvariante „Desert-Black“ ist ein echter Hingucker. Der sandfarbene Oberschuh harmoniert hervorragend mit den schwarzen Elementen an Ferse und Knöchel, während die pinken Schriftzüge und Details der Sohle einen modischen Akzent setzen. Das Design wirkt modern und hochwertig. Die Verarbeitung erscheint auf den ersten Blick tadellos: Saubere Klebestellen, robust wirkende Materialien und eine Haptik, die Qualität verspricht.
Allerdings gibt es beim „Unboxing-Erlebnis“ einen Wermutstropfen, der nicht unerwähnt bleiben darf. Dem Karton entströmte ein sehr starker, chemischer Geruch. Dieser war so intensiv, dass er selbst nach dem Auspacken den Raum, in dem die Schuhe lagerten, noch eine Weile erfüllte. Auch nach mehreren Wochen und gut einem Dutzend Ausfahrten ist dieser Geruch am Außenmaterial noch wahrnehmbar, wenn man direkt daran riecht. Das trübt den ansonsten sehr hochwertigen Gesamteindruck etwas und lässt Fragen zur Ausdünstung der verwendeten Kunststoffe offen.
Passform und Komfort: Eine Frage der Gewöhnung
Wer fizik kennt, weiß um den typisch italienischen Leisten. Auch der Terra Artica GTX fällt tendenziell schmal aus. Fahrer mit breiten Füßen sollten dies unbedingt beachten. In unserem Test zeigte sich, dass man im Zweifel lieber eine Nummer größer wählen sollte – nicht nur wegen der Breite, sondern auch, um Platz für dickere Wintersocken zu haben. Dass fizik halbe Größen anbietet (von 37 bis 47), ist hier ein großer Vorteil, um das ideale Setup zu finden. Die Montage der Cleats – in unserem Fall Crankbrothers – verlief dank des ausreichend großen Verstellbereichs problemlos.
Ein kritischer Punkt in der Anfangsphase war der Schaft. Der Schuh ist mittelhoch geschnitten und der Abschluss saß bei unserem Tester exakt auf Höhe des Knöchels. Dies führte bei der ersten Ausfahrt zu unangenehmen Reibungen und Druckstellen. Der Schaftabschluss ist zwar flexibel, aber dennoch stabil genug, um bei jeder Tretbewegung spürbar zu sein. Die gute Nachricht: Dieses Problem löste sich buchstäblich in Luft auf. Nach etwa eineinhalb Ausfahrten hatte sich das Material offenbar so weit angepasst oder weich gearbeitet, dass das Drücken verschwand. Mittlerweile umschließt der Schaft den Knöchel angenehm und unauffällig. Es empfiehlt sich also, dem Schuh eine kurze Einlauf- beziehungsweise „Einfahrzeit“ zu gönnen, bevor man auf die ganz große Tour geht.
Ist diese Hürde genommen, überzeugt das Innenleben. Das gebürstete Fleece-Futter fühlt sich extrem angenehm an und vermittelt sofort ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Der Fuß sitzt satt im Schuh, fixiert durch das gut funktionierende BOA-System und den Klettverschluss. Letzterer sorgt für einen definierten Sitz am Sprunggelenk, ohne die Blutzufuhr abzuschnüren.
Auf dem Trail: Steifigkeit und Laufverhalten
Klickt man ein, merkt man schnell, dass fizik seine Wurzeln im Performance-Bereich hat. Der Steifigkeitsindex von 5 ist für den Gravel- und Trail-Einsatz sehr gut gewählt. Die Kraftübertragung ist direkt und effizient; man hat nie das Gefühl, Energie in einer weichen Sohle zu verpuffen. Dennoch bietet der Nylon-Unterbau genug Dämpfung, um auf ruppigen Wurzelpassagen nicht jeden Schlag ungefiltert an den Fuß weiterzugeben.
Muss man doch einmal vom Rad, schlägt sich die neu gestaltete X5-Sohle wacker. Der Laufkomfort ist für einen Radschuh dieser Kategorie in Ordnung, auch wenn man aufgrund der steifen Sohle natürlich nicht wie auf Wolken läuft. Die Gummierung bietet auf Waldboden und Schotter guten Halt. Für ausgedehnte Wanderungen oder gar Marathon-Laufeinlagen ist der Schuh konzeptionell nicht gemacht, aber für die typischen Tragepassagen beim Graveln oder Mountainbiken reicht der Grip völlig aus.
Der Härtetest: Nässe und Kälte
Kommen wir zur Königsdisziplin: Dem Wetterschutz. Hier zeigt der Terra Artica GTX zwei Gesichter. Beginnen wir mit dem Positiven: Die Wasserdichtigkeit ist über jeden Zweifel erhaben. Selbst bei Fahrten durch tiefe Pfützen und bei anhaltendem Spritzwasser von unten blieben die Füße trocken. Die GORE-TEX-Membran verrichtet ihren Dienst zuverlässig, und auch die Konstruktion des Schafts verhindert effektiv, dass Wasser von oben eindringt – vorausgesetzt, die Hose ist lang genug oder sitzt gut darüber.
Differenzierter muss man die Wärmeleistung betrachten. fizik bewirbt den Schuh mit Attributen wie „fully insulated“ und geeignet für „extreme climates“. Unser Praxistest zeigte jedoch klare Grenzen auf. Im Temperaturbereich von 0 bis 5 Grad Celsius funktioniert das Konzept hervorragend. Das Fleece-Futter und die Isolierung halten den Fuß angenehm warm, ohne dass man ins Schwitzen gerät – hier scheint die Atmungsaktivität der Membran tatsächlich gut zu greifen.
Fällt das Thermometer jedoch auf den Gefrierpunkt oder darunter, stößt der Terra Artica GTX an seine Limits. Trotz dickerer Socken wurden die Zehen unseres Testers bei Temperaturen um und unter 0 Grad nach etwa 90 bis 120 Minuten spürbar kalt. Vor allem der Vorfußbereich scheint hier die Kältebrücke zu sein. Für einen Schuh, der explizit als Winterschuh vermarktet wird, ist das etwas ernüchternd. Wer wirklich bei strengem Frost unterwegs sein will, wird um zusätzliche Überschuhe kaum herumkommen – was das Konzept eines dedizierten Winterschuhs ein Stück weit ad absurdum führt, da man dann auch fast wieder den Sommerschuh nutzen könnte.









