Test / E-MTB: Rund zwei Jahre nach dem Debüt des viel diskutierten PL Carbon kommt mit dem Amflow PX Carbon der offizielle Nachfolger auf den Markt. Auf dem Papier scheinen die Änderungen moderat: Weiterhin 160 mm Federweg an der Front und 150 mm am Heck, ein schlanker Carbon-Look und natürlich mit Avinox-Antrieb. Doch unter der Haube hat sich gewaltig was getan. Ein überarbeiteter M2S Motor mit wahnwitzigen 150 Nm Drehmoment, eine von Grund auf modernisierte Geometrie-Anpassung und ein Fahrwerk, das deutlich sportiver abgestimmt wurde. Wir haben das 10.000 Euro teure Topmodell, das Amflow PX Carbon Pro, im alpinen Gelände auf die Probe gestellt und klären, ob das Bike den Spagat zwischen langhubigem Trailbike und echter Enduro-Maschine meistert.
Das Amflow PX Carbon Pro im Video-Test
Ein Rahmen für höchste Ansprüche: Leicht, steif und durchdacht
Im Zentrum des Amflow PX Carbon Pro steht ein ultraleichter Carbonrahmen, der in der Rahmengröße M (inklusive Umlenkwippe und Lagern) lediglich 2,4 Kilogramm auf die Waage bringt. Das sind ein paar Gramm mehr als beim Vorgänger, doch durch ein optimiertes Carbon-Layup konnte man die Seiten- und Torsionssteifigkeit des Hinterbaus um 10 Prozent erhöhen. Das Bike erfüllt die ASTM-Kategorie 4 Standards für härtere Einsätze im Gelände und bietet ein solides maximal zulässiges Systemgewicht von 125 Kilogramm.
Wie schon beim PL Carbon verzichtet der Hersteller auf eine fehleranfällige und nervenaufreibende Leitungsverlegung durch den Steuersatz. Stattdessen wandern die Züge klassisch hinter dem Steuerrohr in den Rahmen, wo sie in vorinstallierten internen Kanälen klapperfrei geführt werden. Optisch bleibt der Rahmen extrem schlank, was jedoch einen kleinen Kompromiss fordert: Die Ösen für den Flaschenhalter stehen weit vom Unterrohr ab. Ein optisches Detail, das mit montierter Flasche allerdings kaum noch ins Gewicht fällt. Zusätzlich bietet der Rahmen am Oberrohr Montagemöglichkeiten für ein Tool-Pack.
Das Herzstück: Der Avinox M2S Antrieb
Das absolute Highlight des Bikes ist und bleibt das Antriebssystem. Der neue Avinox M2S Motor behält das kompakte Volumen seines Vorgängers bei und wiegt lediglich 2,59 Kilogramm. Dennoch liefert das Aggregat Leistungsdaten, die in der Welt Full-Power-Motoren ihresgleichen suchen: 1500 Watt Spitzenleistung und ein maximales Drehmoment von 150 Nm im Boost-Modus (130 Nm in den Modi Trail, Turbo und Auto). Amflow hat hier durch den Einsatz von Flachdrahtwicklungen und optimierten Stirnradgetrieben nicht nur die Leistung gesteigert, sondern auch die Hitzeentwicklung und den Tretwiderstand ohne Motorunterstützung signifikant reduziert (minus 41 Prozent).
Avinox M2S im Labor- und Praxistest: Die neue Messlatte!
Test: Der E-Bike-Markt ist in ständiger Bewegung, doch nur selten betritt ein Antriebssystem die Bühne, das die etablierten Leistungsgrenzen derart spürbar verschiebt. Der neue Avinox M2S bietet auf dem Papier bis zu 1500 Watt Spitzenleistung und 150 Nm Drehmoment und das bei einem Gewicht von lediglich 2,59 Kilogramm. Begleitet wird das Aggregat von einer neu […]
Detaillierte Messdaten unseres Prüfstandstests zum Avinox M2S findet ihr auf www.ebike-lab.de
Gespeist wird das Kraftpaket im PX Carbon Pro von einem fest integrierten 700-Wh-Akku, der durch seine hohe Energiedichte von 220 Wh/kg glänzt. Mit dem mitgelieferten 12-Ampere-Ladegerät lässt sich der Akku in nur einer Stunde und 16 Minuten von 0 auf 80 Prozent aufladen. Für die Steuerung vertraut Amflow weiterhin auf das im Oberrohr integrierte 2-Zoll-OLED-Farb-Touchdisplay sowie auf kabellose Controller am Lenker. Ein nettes Feature für Pendler oder Nightrider: Im Lieferumfang ist ein StVZO-konformes Avinox-Frontlicht mit Fernlichtfunktion (1200 Lumen) enthalten, das direkt über die Bike-Elektronik gesteuert wird.
Ein Geometrie-Chamäleon mit bis zu 40 Konfigurationen
Das Amflow PX Carbon Pro biete eine enorme Bandbreite an Einstellmöglichkeiten bei Geometrie und Konfiguration. Serienmäßig wird das Bike als Mullet (29 Zoll vorne, 27,5 Zoll hinten) ausgeliefert. Wer möchte, kann das Heck aber auf ein 29-Zoll-Laufrad umrüsten.
| M | L | XL | XXL | |
|---|---|---|---|---|
| Reach (mm) | 455 | 478 | 503 | 528 |
| Stack (mm) | 622 | 632 | 645 | 659 |
| Sitzrohr (mm) | 415 | 427 | 447 | 466 |
| Lenkwinkel (in °) | 64,2 | 64,2 | 64,2 | 64,2 |
| Sitzwinkel (in °) | 78 | 78 | 78 | 78 |
| Oberrohr (mm) | 586 | 619 | 642 | 672 |
| Kettenstreben | 451 | 451 | 451 | 451 |
| Steuerrohr (mm) | 109 | 120 | 135 | 150 |
Der Steuersatz
Der Lenkwinkel liegt standardmäßig bei abfahrtsorientierten 64,2 Grad. Über im Lieferumfang enthaltene Lagerschalen lässt sich dieser in 0,5-Grad-Schritten auf bis zu 63,2 Grad abflachen oder auf 65,2 Grad ansteilen. Ein kürzeres Sitzrohr (über alle Größen hinweg) mit einem steilen Sitzwinkel von 78 Grad sorgt zudem für eine zentrale, effiziente Kletterposition.
Tretlager und Kettenstreben
Über einen Flip-Chip an der Dämpferaufnahme lässt sich die Tretlagerhöhe in zwei Positionen (High/Low) variieren. Hinzu kommt ein weiterer Flip-Chip an den Ausfallenden, der gleich vier Positionen für die Kettenstrebenlänge bietet (zwischen 438 mm und 451 mm). Dies erlaubt nicht nur die Anpassung an die persönliche Vorliebe zwischen Verspieltheit und High-Speed-Stabilität, sondern auch ein größenspezifisches Anpassen der Hecklänge durch den Fahrer selbst.
Die Komponenten: Top-Spec für 10.000 Euro
Das „Pro“ im Namen schlägt sich in einer extrem hochwertigen Ausstattung nieder. Das Fahrwerk stammt aus dem Hause Fox und kommt in der Factory-Ausführung. An der Front arbeitet die aktuelle 36er Gabel mit der feinfühligen GRIP X2 Kartusche. Dass Amflow hier bewusst nicht auf die wuchtigere Fox 38 setzt, unterstreicht den auf Agilität getrimmten Charakter des Bikes und spart Gewicht. Am Heck kümmert sich ein speziell auf das Bike abgestimmter Fox Float X Factory Dämpfer um die 150 mm Federweg.
| Rahmen | Amflow PX Carbon |
| Federgabel | Fox 36 Factory GripX2 |
| Antrieb | Avinox M2S |
| Akku | 700 Wh |
| Dämpfer | Fox Float X Factory |
| Laufräder | Amflow XMC-30 |
| Reifen VR | Schwalbe Magic Mary Radial Gravity SuperSoft |
| Reifen HR | Schwalbe Albert Radial Gravity Soft |
| Schaltwerk | Sram X0 Eagle Transmission |
| Schalthebel | Sram AXS Pod Rocker |
| Kurbel | Amflow |
| Umwerfer | Ohne |
| Bremse | Magura Gustav Pro |
| Bremsscheiben | Magura Sensor Rotor |
| Sattelstütze | Amflow 210 mm |
| Sattel | Amflow |
| Vorbau | Amflow Split-Vorbau |
| Lenker | Amflow Enduro Carbon-Lenker |
Geschaltet wird elektronisch mit der robusten SRAM X0 Eagle Transmission. Diese harmoniert perfekt mit dem Avinox-Motor. Funktionen wie „Smooth Shift“ (Schalten ohne Pedalieren im Rollen) oder die „Chain Protection“, die beim Schaltvorgang kurzzeitig die Motorlast reduziert, sollen die Lebensdauer des Antriebsstrangs verlängern.
Verzögert wird mit der Magura Gustav Pro. Die Vierkolben-Bremse greift auf mächtige 203-mm-Bremsscheiben zurück, die beeindruckende 2,5 mm stark sind. Clever: Die hintere Bremsscheibe fungiert gleichzeitig als integrierte Sensorscheibe für den Motor. Den Kontakt zum Boden stellen hauseigene Amflow XMC-30 Carbon-Laufräder her, auf denen robuste Schwalbe Radial Reifen (Magic Mary vorn, Albert hinten) mit Gravity Karkasse montiert sind.
Das Amflow PX Carbon Pro im Praxiseinsatz
Für unseren Praxistest haben wir das Amflow PX Carbon Pro in Rahmengröße XL auf alpinen, staubigen und teils extrem rauen Trails in Südtirol bewegt. Das Bike bringt fahrfertig (ohne Pedale, aber inklusive Beleuchtung) exakt 21,4 Kilogramm auf die Waage. Damit ist es zwar rund ein Kilogramm schwerer als ein vergleichbar ausgestattetes Modell des Vorgängers, doch dieses Plus an Masse steht dem Rad ausgezeichnet zu Gesicht.
Bergauf eine Macht
Die Klettereigenschaften des PX Carbon Pro sind schlichtweg atemberaubend. Der Avinox M2S Motor ist unserer Meinung nach die derzeitige Benchmark auf dem Markt der Mittelmotoren. Die Kraftentfaltung der 150 Nm ist extrem dynamisch und dabei flüsterleise. Selbst an steilsten Rampen schiebt das System unbeirrt an. Dank des elektronischen Zusammenspiels mit der SRAM Transmission lassen sich Gänge auch unter Volllast mit beeindruckender Präzision wechseln. Wer jedoch die volle Power des Systems nutzt, sollte auch im Uphill die Finger nicht von der Bremse nehmen und wird zunächst etwas Eingewöhnungszeit brauchen, um sich einzugewöhnen.
Einziger Wermutstropfen für extrem technische Uphills: Das verbaute 38-Zahn-Kettenblatt ist sehr groß dimensioniert. Zwar kompensiert die Motorpower die fehlende Untersetzung, jedoch ragt das Blatt weit über das Tretlager hinaus. Da kein Bashguard verbaut ist, sind Aufsetzer an Stufen oder großen Steinen über kurz oder lang vorprogrammiert. Ein Umrüsten auf ein kleineres Blatt (bis zu 34 Zähne sind möglich) ist hier für technische Kletterer durchaus zu empfehlen.
Abfahrtsperformance: Ein spürbares Upgrade
Bergab zeigt das PX Carbon Pro sein wahres Gesicht – und hier grenzt es sich klar vom Vorgänger ab. Während das PL Carbon für unser Empfinden am Heck etwas undefiniert und bei harten Schlägen bockig wirkte, ist die überarbeitete Kinematik des neuen Modells ein Volltreffer. Das Viergelenker-System in Kombination mit dem Custom-Tuned Fox Float X liefert eine tadellose Vorstellung ab.
Der Hinterbau ist extrem lebendig und bietet viel Pop, um an kleinen Kanten abzuziehen. Gleichzeitig verfügt er gegen Ende des Federwegs über eine angenehme Progression und hervorragenden Durchschlagschutz. Harte Landungen oder raue Steinfelder saugt das Fahrwerk bereitwillig auf, ohne zu verhärten. In Kombination mit den griffigen, dämpfenden Schwalbe Gravity-Reifen verwandelt sich das Bike von einem langhubigen Trailbike in eine echte, potente Enduro-Maschine, die massig Selbstvertrauen vermittelt – auch wenn die 150 mm Federweg am Heck irgendwann das Limit setzen.
Unsere Test-Konfiguration (Lenkwinkel bei 64,2 Grad, Tretlager in der Low-Position und die Kettenstreben im langen Setting bei 451 mm) erwies sich für Fahrer über 1,85 m als idealer Sweetspot. Das Bike lag unerschütterlich satt auf dem Trail, ließ sich durch den flachen Schwerpunkt aber dennoch agil durch Anlieger zirkeln. Der minimal längere Reach und die ausbalancierte Steifigkeit des Rahmens runden das souveräne Fahrgefühl ab.
Kleine Schattenseiten auf hohem Niveau
Wo viel Licht ist, gibt es auch ein wenig Schatten. Die Ausstattung ist insgesamt erstklassig, doch die Magura Gustav Pro Bremse sorgte im Test für gemischte Gefühle. Die Bremskraft und Dosierbarkeit sind grundsolide, erfordern aber etwas mehr Fingerkraft als beispielsweise eine SRAM Maven. Ergonomisch fielen die klobigen Geber aus Kunststoff negativ auf, zudem ließen sich die Bremshebel für Fahrer mit kleineren Händen nicht nah genug an den Lenker stellen. Das größte Manko zeigte sich jedoch in der Geräuschkulisse: Während der Rahmen, die Leitungen und der Motor absolute Stille wahren, klapperten die Bremsbeläge der Gustav Pro im vorderen Bremssattel bei unebenem Untergrund hörbar. Ein vertikales Spiel der Beläge war hier die Ursache.
Auch die hauseigene Vario-Sattelstütze, die in der XL-Version üppige 230 mm Hub bietet (und per Spacer kürzbar ist), verrichtet ihren Dienst zuverlässig, fährt jedoch vergleichsweise langsam aus.









