Richard Mille RM 64-01 Tourbillon Colnago: Das Markenlogo des legendären Rahmenbauers auf einer der teuersten Uhren der Welt zeugt vom Wandel des Radsports in den letzten paar Jahrzehnten. Ob man das verspielte Luxusprodukt nun interessant findet oder nicht: Als Anlass für eine Abhandlung über die Seele des Radsports ist es jederzeit willkommen. Um sich der italienischen Traditionsmarke nahe zu fühlen, reicht freilich ein schlichter Kuli.
Kürzlich erzählte mir ein Bekannter aus der lokalen Radsportszene von seinem alten Eddy-Merckx-Rennrad und der damit verbundenen Geschichte: Das Rad habe erst sein Bruder gefahren, und dieser habe es im Laden von Velo Schauff in Remagen von Merckx persönlich erhalten, wobei es sich der bodenständige Belgier nicht nehmen ließ, die Rennmaschine gleich auf den Jugendfahrer einzustellen.
Der beste Rennfahrer aller Zeiten, der beim Geschäftsbesuch im Rheinland Zeit für den lokalen Radsportnachwuchs hat – näher kann man der Seele des Radsports kaum kommen. Auch ich war hin und wieder recht dicht dran, etwa, als Velomotion vor 20 Jahren Ernesto Colnago besuchte. Der Juniorchef führte uns durch die Produktion und das Firmenmuseum, wo wir andächtig vor dem Bahnrad verharrten, das Colnago für den Stundenweltrekord von Merckx gebaut hatte. Und nach einem längeren Gespräch drückte Ernesto Colnago zum Abschied jedem seiner Besucher einen Kugelschreiber mit dem berühmten „asso di fiori“ in die Hand, den ich bis heute in Ehren halte.
Nun ist es nicht allen vergönnt, einmal Ernesto Colnago (oder Eddy Merckx) kennengelernt zu haben. An der Legende des Radherstellers teilzuhaben ist jedoch relativ niederschwellig. Kompletträder der Marke bekommt man schon unter 5.000 Euro, und auch wer es exklusiver mag, muss nicht unbedingt jahrelang sparen. Mit dem vor einiger Zeit vorgestellten Steelnuovo ist man ganz dicht an der Seele von Colnago dran: Der schlanke Stahlrahmen wird in Italien von Hand gefertigt, wobei man den traditionellen Werkstoff mit modernsten Herstellungsverfahren wie dem 3D-Druck der Verbindungsteile kombiniert. Dazu weist das Steelnouvo alle aktuellen Montagestands sowie eine zeitgemäße Reifenfreiheit von 35 mm auf, und sonderlich teuer ist das Rahmenset für heutige Verhältnisse auch nicht: Gerade mal 5.500 Euro verlangt der Anbieter dafür.

„Sports Luxury“ ist das jetzt nicht unbedingt, doch hier kommt nun endlich jenes Produkt ins Spiel, mit dem Colnago jüngst für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Es ist eine Armbanduhr der Marke Richard Mille, wie mein Kuli mit dem „asso di fiori“ verziert und mit Bauteilen dekoriert, die an die typischen Formen eines Colnago-Carbonrahmens erinnern sollen. Zu den USPs von Richard Mille gehören eine enorme Fertigungstiefe sowie der extrem komplexe Mechanismus, der sicher zu einer hohen Präzision der Zeitmessung führt. Außerdem der extreme Preisbereich, der den Träger als Mitglied im Club der Superreichen ausweist.
Richard Mille 64-01 Tourbillon Colnago: Luxusobjekt am Arm der Stars
Dazu ist Richard Mille bekannt für die Realisierung schwieriger technischer Problemstellungen – etwa der, wie Radsportler die gefahrenen Jahreskilometer auf einer mechanischen Uhr speichern können. In Kooperation mit dem radsportbegeisterten Autorennfahrer Alain Prost entwickelte die Uhrenmarke ein auf dem Zifferblatt sichtbares System von fünf Zahlenwalzen (wie bei einem Fahrradschloss), die mit zwei Drückern seitlich am Gehäuse angesteuert und geschaltet werden können. So kann man per Tastendruck Kilometer in Einer- bis Zehntausender-Schritten eingeben, wobei man natürlich nach jeder Fahrt ordentlich kopfrechnen muss, um die soeben absolvierten Kilometer korrekt hinzu zu addieren.

Das klingt natürlich ein bisschen nach Spielerei, wie auch eines der wichtigen Funktionsmerkmale der Richard-Mille-Uhren keinen praktischen Nutzen hat: Gemeint ist das sogenannte Tourbillon, bei dem sich die taktgebende Baugruppen der Uhr, die Unruh und die Hemmung, konstant um sich selbst drehen. Bei Taschenuhren, die permanent in einer Position hingen, wurden damit sogenannte Lagefehler ausgeglichen; die ständig in Bewegung befindliche Armbanduhr braucht die komplexe Technologie jedoch nicht. Vielmehr geht es beim Tourbillon um die Demonstration des technisch Möglichen und des uhrmacherischen Könnens, über das Richard Mille natürlich in großem Maß verfügt.
Am Ende geht es bei der Colnago-Uhr (anders als beim Rennrad) aber ohnehin nicht um den praktischen Nutzen. Worum sonst? Das ist schwer zu sagen, alleine schon deshalb, weil der Preis des auf 50 Exemplare limitierten Produkts bei rund einer Million Euro (offiziell 800.000 Schweizer Franken zzgl. Mehrwertsteuer) liegt. Wobei manch ein Uhrenexperte der Ansicht ist, dass man am siebenstelligen Preis durchaus ein bis zwei Null streichen könnte. Am Ende landet man wieder bei Schlagworten wie „Aufmerksamkeitsökonomie“ oder „Zurschaustellung immensen Wohlstands“, oder man sieht die Sache etwas nüchterner: Die (von mir aufgestellte) Regel, dass eine Armbanduhr in etwas ein Monatseinkommenden ihres Trägers repräsentiert, gilt auch für Radsportstars wie Tadej Pogačar oder Mathieu van der Poel, die zu den bekanntesten Richard-Mille-Fans im Peloton gehören. Wenn man auch davon ausgehen kann, dass diese ihre Richard Mille nicht bezahlen müssen, dafür aber vertraglich verpflichtet sind, den Zeitmesser beim Ausüben ihrer Sportart zu tragen.
Der Seele des Radsports immer noch nicht näher
Indem man sich mit dem Colnago-Modell der exklusiven Uhrenmarke befasst, kommt der Seele des Radsports jedenfalls nicht näher. Denn diese ist vielleicht immer noch so bodenständig wie ein Eddy Merckx, der einem Schülerfahrer das Rennrad einstellt. Und natürlich gibt es Uhrenhersteller, die diese Bodenständigkeit besser repräsentieren als Richard Mille und dabei eine durchaus enge Verbindung zum Radsport haben. Tudor etwa, Sponsor des Schweizer Teams und offizieller Zeitnehmer des Giro d’Italia. Dort man einen funktionellen und durchaus ungewöhnlichen Zeitmesser bekommt, der in etwa so viel kostet wie ein italienischer Stahlrahmen…




