Test Gazelle Ultimate T11: Das neue Modell ist das sportlichste E-Bike im Programm der Niederländer und macht sich damit ein gutes Stück vom Cityrad-Image der Marke frei. Mit kultivierter Motorisierung, Luftfedergabel und angenehmer Sitzhaltung gibt es am Komfort dann aber doch nichts auszusetzen.
Der niederländische Hersteller gehört zu den traditionsreichsten Fahrradproduzenten überhaupt. Seine klassischen Hollandräder, die bis heute fortleben, sind legendär, aber natürlich ist das Bio-Bike auch in NL auf dem Rückzug. Aktuell bietet Gazelle fast drei Mal mehr E-Bikes als Fahrräder an, wobei der Fokus klar auf komfortabler Fortbewegung liegt. Von Rennrad und Mountainbike hat sich die Marke verabschiedet, das Thema Sportlichkeit ist damit allerdings nicht ganz vom Tisch – dafür sorgt das Gazelle Ultimate T11.

Das neue Modell lotet sozusagen die Grenzen dessen aus, was möglich ist, ohne den Gazelle-Markenkern zu verwässern: Komfort und Alltagsnutzen stehen auch hier im Zentrum, doch daneben gibt es Merkmale, die vom sportlichen E-Bike entlehnt sind. Das Ergebnis ist ein SUV-Bike, wie es im Buche steht. Wobei sich Gazelle gleich der neuesten Bosch-Technik bedient und den Performance Line PX verbaut, der speziell für Elektroräder dieser Spielart entwickelt wurde.
Bosch PX: Kultivierter Charakter und hoher Unterstützungsfaktor
Bosch hat ja den MTB-Motor Performance CX noch stärker gemacht, sodass dieser nun maximal 750 Watt und 100 Nm Drehmoment auf den Trail bringt. Für das typische E-Trekkingbike ist das dann doch etwas zu viel, und hier kommt der PX mit 700 Watt Spitzenleistung und bis zu 90 Nm ins Spiel, der außerdem über einen angepassten Drehmomentverlauf verfügt.
Was das in der Praxis bedeutet, merkt man bereits auf den ersten Kilometern: Der typische ruckartige Schub des CX-Motors bleibt aus, auch wenn man kräftig aufs Pedal drückt; der Antrieb scheint minimal verzögert zu reagieren. Dann jedoch geht es fulminant nach vorne, sodass die Reisegeschwindigkeit von 25 km/h binnen weniger Sekunden erreicht wird. Insgesamt ergibt sich der Eindruck einer stets beherrschbaren, kraftvollen Unterstützung, was sich auch bergauf zeigt: Hier übertrifft der PX mit einem Unterstützungsfaktor von 4 sogar den CX mit 3,4.
Viel Schub bei hoher Trittfrequenz
Sobald es steil wird, fällt allerdings auch auf, dass der Bosch PX höhere Trittfrequenzen bevorzugt. Auf dem Display erscheint dann die Anweisung, herunterzuschalten; wer sie ignoriert, wird kurz darauf langsamer, da der Motor das nötige Drehmoment nicht mehr aufbringen mag. Wer mit hoher Kadenz fährt, wird dagegen gleich doppelt belohnt: Zum einen ist dies deutlich weniger belastend für Muskeln und Gelenke, zum anderen kann man dem Antrieb mit flottem Tritt die maximale Leistung entlocken und diese auch sehr gut dosieren. Gazelle verbaut eine breit abgestufte Elffach-Kassette mit 11 bis 50 Zähnen, sodass man einerseits mit hoher Frequenz bergan fahren kann, andererseits für die Abfahrt lang genug übersetzte Gänge hat.
Ein weiterer Vorzug des PX ist die reduzierte Geräuschkulisse, wobei man natürlich differenzieren muss: Weder ist der Bosch CX laut noch der PX lautlos. Akustisch untermalt wird der Vortrieb in jedem Fall, wobei die von Windverhältnissen und Bereifung abhängigen Fahrgeräusche den Motorsound durchaus in den Hintergrund drängen können. So ist dieses Merkmal des neuen Antriebs also eher ein sekundäres Kaufargument.
Mit LED Remote und Kiox-300-Farbdisplay lässt sich der Antrieb einfach und übersichtlich steuern; Features wie die Reichweitenanzeige je nach Fahrmodus und die Wattleistung des Fahrers sind dabei sehr praktisch. Insgesamt liefert das System eine Datenvielfalt ohne Info-Überfluss, die die Aufmerksamkeit nicht übermäßig bindet.

Nicht allzu lange, aber wirkungsvolle Luftfedergabel
Neben dem Cues-Schaltsystem steuert Shimano auch verlässliche Hydraulikbremsen bei; zur Ausstattung gehört weiterhin eine weich ansprechende Luftfedergabel mit gut gewähltem, nicht allzu langem Federweg. Helle Beleuchtung dank 90-Lux-Strahler, angenehme Ergon-Flügelgriffe und ein nicht zu weicher Gelsattel runden das Bike ab; dazu gibt es solide Schutzbleche und einen Kettenschutz aus Aluminium. Für den soliden Heckträger gibt es einen elastischen Spanngurt; schön integriert ist die schmale, helle Rückleuchte.
Mit dem verstellbaren Lenkervorbau kann man die Sitzhaltung individualisieren, die damit zwischen aufrecht und ausgewogen liegt. Die kräftig profilierten Schwalbe Smart Sam in zwei Zoll Breite passen natürlich gut zum SUV-Charakter des Gazelle und sind auf rutschigem Untergrund schön griffig. Dabei lohnt es sich, mit dem Luftdruck kräftig runterzugehen, denn während die Federgabel des Gazelle vorne für angenehme Stoßdämpfung sorgt, ist das Heck ziemlich hart – auch die einfache Federstütze kann daran nichts ändern. Und es gibt weitere kleine Kritikpunkte: Eher unpraktisch ist die hintere Steckachse mit ihrem Spannhebel, die man bei Gelegenheit gegen eine konventionelle Schraubachse tauschen sollte.
Unpraktisch: das Rahmenschloss
Auch das Rahmenschloss überzeugt nicht: Es ist einfach besser, wenn der Schlüssel in geöffnetem Zustand abgezogen werden kann, anstatt während der Fahrt im Schloss verbleiben zu müssen. Dieser Schlüssel ist auch für den Akku zuständig, der einfach nach oben entnommen werden kann. Die Ladebuchse ist am Hinterbau oberhalb des Schutzblechs platziert, was eine gute Idee ist – so lässt sich der Ladestecker ganz einfach einstöpseln.
Gazelle bietet das Ultimate T11 in zwei Rahmenformen an, wobei das Oberrohr beim Einrohr-Modell einfach verschwindet – ohne weitere Modifikationen am Rahmen. Von den gelungenen Fahreigenschaften kann man sich im nächstgelegenen Gazelle E-Bike Test Center überzeugen, wo die vielen Modelle im Programm um die Aufmerksamkeit der Besucher wetteifern. Vielleicht wird es am Ende also ein E-Bike, das näher am Markenkern von Gazelle liegt…










