Test / E-MTB: Mit dem neuen Bullit schickt Santa Cruz ein E-Mountainbike ins Rennen, das laut eigener Aussage als waschechtes Downhill-Bike mit Motor konzipiert wurde. 170 Millimeter Federweg, ein Mullet-Laufrad-Setup und der neueste Bosch Performance Line CX Antrieb untermauern diesen Anspruch auf dem Papier. Doch eine erste genaue Betrachtung der Geometrie-Daten, der Rahmen-Features und letztlich das tatsächliche Gewicht auf der Waage lassen vermuten, dass die US-Amerikaner hier weitaus mehr geschaffen haben als nur einen sturen Baller-Boliden für die Direttissima. Ob das Konzept des Premium-E-Enduros aufgeht und wie sich die elektronische Shimano XT Di2 Schaltung im rauen Gelände schlägt, haben wir ausführlich getestet.
Neues Rahmenkonzept und clevere Integration
Die Integration des Bosch Systems ist optisch äußerst gelungen. Das Unterrohr fällt für ein E-MTB mit diesem Leistungsdaten angenehm schlank aus. Darin verbirgt sich ein fest integrierter 600-Wh-Akku. Die Entscheidung gegen einen herausnehmbaren Akku und für eine etwas geringere Kapazität spart deutlich Gewicht und ermöglicht die schlanke Silhouette. Wem die Kapazität nicht ausreicht, der kann an den verstärkten Gewindeösen auf dem Unterrohr den Bosch PowerMore 250 Range Extender montieren (alternativ findet hier eine klassische Trinkflasche Platz). Das System wird komplettiert durch das bündig ins Oberrohr eingelassene Kiox 400C Display und die kabellose Mini Remote am Lenker – eine Lösung, die dem Premium-Anspruch des Rades voll und ganz gerecht wird.
Durchdachte Details und moderne Geometrie
Die Detailverliebtheit des Rahmens zeigt sich an vielen Stellen. Die komplett geführte interne Zugverlegung macht Wartungsarbeiten deutlich entspannter. Umfangreiche Gummiprotektoren an Ketten- und Sitzstrebe sowie am Unterrohr schützen das Carbon vor Steinschlägen. Für Shuttle-Fahrer gibt es sogar einen speziellen Protektor am oberen Unterrohr, damit das Bike beim Transport auf der Ladefläche eines Pick-ups nicht beschädigt wird. Eine kleine, aber feine Ergänzung sind zudem die separaten Aufnahmepunkte für einen Toolbag unter dem Oberrohr.
| S | M | L | XL | XXL | |
|---|---|---|---|---|---|
| Reach (mm) | 435 | 460 | 480 | 500 | 525 |
| Stack (mm) | 622 | 631 | 640 | 654 | 670 |
| Sitzrohr (mm) | 380 | 400 | 420 | 460 | 500 |
| Lenkwinkel (in °) | 63,6 | 63,6 | 63,6 | 63,6 | 63,6 |
| Sitzwinkel (in °) | 78,6 | 78,6 | 78,6 | 78,6 | 78,6 |
| Oberrohr (mm) | 571 | 596 | 617 | 640 | 670 |
| Kettenstreben | 440 | 443 | 446 | 449 | 452 |
| Steuerrohr (mm) | 100 | 110 | 120 | 135 | 155 |
Beim Blick auf die Geometrietabelle zeigt sich das Bullit als modernes E-Enduro. In Rahmengröße L sprechen wir von 480 Millimetern Reach, einem flachen Lenkwinkel von 63,6 Grad und einem steilen Sitzwinkel von 78,6 Grad. Besonders erfreulich: Santa Cruz setzt auf mitwachsende Kettenstreben. Während sie in Größe S kompakte 440 Millimeter messen, wachsen sie bei Größe L auf 446 Millimeter und in XXL auf 452 Millimeter an. Das sorgt über alle Körpergrößen hinweg für eine gleichbleibende Balance auf dem Rad. Wer das Fahrverhalten weiter anpassen möchte, findet am Rahmen zwei Flipchips: Einer justiert die Tretlagerhöhe und die Winkel marginal (High/Low-Setting), der andere an der Dämpferaufnahme erlaubt es, die Progression des Hinterbaus an die eigenen Vorlieben oder den Wechsel zwischen Stahlfeder- und Luftdämpfer anzupassen.
Die Ausstattung des Santa Cruz Bullit: Premium in jedem Detail
Das von uns getestete Topmodell, das Bullit XT Di2 RSV, reißt mit 11.999 Euro ein beachtliches Loch ins Portemonnaie. Dafür bleiben bei der Ausstattung aber auch keinerlei Wünsche offen. Die Federarbeit übernimmt eine Fox Podium Factory Gabel an der Front, gepaart mit einem Fox DHX2 Factory Stahlfederdämpfer im Heck. Verzögert wird mit Srams extrem kraftvoller Maven Silver Bremse.
Ein echtes Highlight sind die hauseigenen Reserve 30 HD Carbon-Laufräder. Diese rotieren um hochwertige DT Swiss Naben mit DEG-Freilauf. Für ordentlich Grip sorgen Maxxis Reifen: Vorne ein Assegai in der weichen MaxxGrip-Mischung, hinten ein DHR2. Beide Reifen kommen standesgemäß in der robusten Double Down-Karkasse. Abgerundet wird das Paket durch die elektronische Shimano XT Di2 Schaltung, die speziell für die Integration mit E-Bike-Motoren entwickelt wurde. Santa Cruz untermauert das Vertrauen in die eigene Konstruktion zudem mit einer lebenslangen Garantie auf den Rahmen, die Hinterbaulager und die Carbonfelgen.
| XT Di2 RSV | X0 AXS RSV | GX AXS | Bullit 90 | Bullit 70 | |
|---|---|---|---|---|---|
| Rahmen | Carbon CC | Carbon CC | Carbon C | Carbon C | Carbon C |
| Motor | Bosch CX | Bosch CX | Bosch CX | Bosch CX | Bosch CX |
| Akku | 600 Wh | 600 Wh | 600 Wh | 600 Wh | 600 Wh |
| Gabel | Fox Podium Factory | Fox 38 Factory | Fox 38 Perf. Elite | Fox 38 Perf. | RS ZEB Base |
| Dämpfer | Fox DHX2 Factory | Fox Float X2 Factory | Fox Float X Perf. Elite | Fox Float X Perf. | Fox Float X Perf. |
| Schaltung | Shimano XT Di2 | Sram X0 T-Type | Sram GX T-Type | Sram Eagle 90 | Sram Eagle 70 |
| Bremsen | Sram Maven Silver | Sram Maven Silver | Sram Maven Bronze | Sram Maven Base | Sram DB8 |
| Laufräder | Reserve 30 HD Carbon | Reserve 30 HD Carbon | Reserve HD30 AL | Reserve HD30 AL | Reserve HD30 AL |
| Dropper | OneUp V3 | OneUp V3 | OneUp V3 | SDG Tellis | SDG Tellis |
| Gewicht | 22,7 kg | 21,72 kg | 22,41 kg | 22,42 kg | 22,48 kg |
| Preis | 11.999 Euro | 11.699 Euro | 9.799 Euro | 8.699 Euro | 7.799 Euro |
Das Santa Cruz Bullit auf dem Trail: Weniger Panzer, mehr Skalpell
Auf dem Trail stellt sich schnell heraus, dass die anfängliche Vermutung, das Bullit sei nur etwas für extrem alpines, ruppiges Gelände, schlichtweg falsch ist. Der Hauptgrund dafür liegt beim Gewicht. Trotz der massiven Double Down-Reifen, dem Stahlfederdämpfer und dem CX-Motor bleibt die Waage bei unserem Testbike (Größe L, ohne Pedale) bei hervorragenden 22,6 Kilogramm stehen. Für ein Bike dieser Federwegsklasse ist das fast schon sensationell leicht und spürbar weniger als bei vielen Konkurrenten.
Diese Leichtigkeit spiegelt sich im Fahrverhalten wider. Wer einen gutmütigen „Staubsauger“ erwartet, der stumpf über jedes Hindernis bügelt, wird überrascht sein. Der Viergelenker-Hinterbau arbeitet selbst mit dem verbauten Stahlfederdämpfer ausgesprochen lebendig und progressiv. Das Fahrwerk gibt klares Feedback vom Untergrund und verlangt nach einem aktiven Fahrer. Im Gegenzug belohnt es diesen mit einem unbändigen Spieltrieb, der es erlaubt, das Rad jederzeit an kleinen Kanten abzuziehen. Die Fox Podium Gabel harmoniert dabei erstmals in unseren Tests perfekt mit dem Charakter des Hecks und bietet spürbare Reserven, wenn es in grobem Geläuf richtig zur Sache geht. Das Bullit vermittelt enorme Sicherheit, lässt sich aber erstaunlich flink auch über sanftere Flow-Trails oder Jumplines manövrieren.
Licht und Schatten bei der elektronischen Schaltung
Ein eigenes Kapitel verdient die verbaute Shimano XT Di2. In Kombination mit dem Bosch System bietet sie die „Roll Shift“-Funktion. Diese erlaubt es, Gänge zu wechseln, ohne selbst in die Pedale treten zu müssen (der Motor dreht das Kettenblatt für den Schaltvorgang minimal weiter). Was auf dem Papier nach einer kleinen Spielerei klingt, entpuppt sich auf dem Trail als echter Gamechanger. Wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, im roughen Downhill vor dem nächsten Gegenanstieg den passenden Gang einzulegen, ohne durch Kurbelumdrehungen die Balance auf den Pedalen zu gefährden, wird dieses Feature nur schmerzlich vermissen wollen.
Doch wo Licht ist, ist leider auch Schatten: Die Geräuschkulisse der Shimano-Schaltung auf dem Trail ist verbesserungswürdig. Dem XT Schaltwerk fehlt es schlicht an Spannung, was zu deutlichem Kettenschlagen führt. Da der Rahmen ansonsten wunderbar leise ist, fällt dieses Klappern in der Abfahrt umso störender auf. Hier muss man für sich selbst abwägen, ob die grandiosen Vorteile der Roll-Shift-Automatik das Kettenschlagen aufwiegen, oder ob man zu einer der angebotenen Sram Transmission-Ausstattungen (z.B. X0 oder GX) greift.
Bergauf und die Frage nach der Größe
Im Uphill zieht der Bosch CX Motor gewohnt souverän an. Durch das neue Performance Upgrade 2.0 spürt man in entsprechenden Situationen ein hervorragendes Ansprechverhalten. Die 600 Wattstunden des Akkus reichen je nach Eigenleistung, Reifendruck und Fahrerprofil für realistische 1000 bis 1500 Höhenmeter – für ein abfahrtsorientiertes Bike völlig im Rahmen.
Ein Hinweis zur Ergonomie: Der mit 78,6 Grad sehr steile Sitzwinkel rückt den Fahrer im Sitzen weit nach vorn. Das ist hervorragend für steile Kletterpassagen, lässt den Hauptrahmen im Sitzen aber recht kompakt wirken. Fahrer, die zwischen zwei Größen stehen, sollten beim Bullit tendenziell eher zur größeren Rahmengröße greifen, um in der Abfahrt maximale Laufruhe zu generieren.







