Test / E-Bike: Die junge Marke Deruiz schickt mit dem Mica Pro ein vollmundiges Versprechen auf die Straße: German Engineering, hochwertige und wartungsarme Komponenten sowie ein Service-Netzwerk wie beim Fachhändler – und das alles zum Preis eines Direktversenders. Das als SUV deklarierte E-Bike bringt ein beachtliches Gesamtgewicht auf die Waage, kontert dies aber mit einer sehr hohen Systemzulassung, massivem 110-Nm-Motor und einer Enviolo-Nabenschaltung samt Gates-Riemen. Ob diese Rechnung aufgeht und das Konzept in der Praxis überzeugt, haben wir auf die Probe gestellt.
Ein neues Gesicht auf dem Markt: Das Konzept des Deruiz Mica Pro
Im ausgesprochen umkämpften Markt für Alltags-E-Bikes versuchen derzeit viele Hersteller, den Spagat zwischen bezahlbaren Preisen und Premium-Ansprüchen zu meistern. Deruiz, eine noch relativ frische Marke auf dem deutschen Markt, wählt hier einen interessanten Weg. Die Entwicklung findet laut Hersteller vollständig in Deutschland statt, während die Fertigung auf die bewährten globalen Lieferketten zurückgreift. Besonders spannend ist dabei der Vertriebsansatz: Das Unternehmen möchte die Preisaggressivität eines Online-Direktversenders mit dem Service einer etablierten Fachhandelsmarke kombinieren. Dafür baut Deruiz nicht nur eigene Brandstores, wie beispielsweise in Heidelberg, auf, sondern stützt sich auch auf ein wachsendes Netzwerk an Service- und Test-Ride-Partnern in der Fläche.
Die Basis des Deruiz Mica Pro bildet ein überaus robuster Aluminiumrahmen, der schon auf den ersten Blick eine klare Sprache spricht: Hier geht es um Stabilität. Auffällig ist, dass die Konstrukteure das Bike für ein maximales Systemgewicht von 180 Kilogramm ausgelegt haben. Wo andere Hersteller bereits lauthals mit „XXL-Bikes“ werben, bietet das Mica Pro stillschweigend Reserven, die es selbst schweren Fahrern erlauben, noch üppig Gepäck aufzuladen. Dass sich diese massive Bauweise unweigerlich im Eigengewicht des Rades niederschlägt, das bei rund 30 Kilogramm liegt, ist die physikalisch logische Konsequenz. Um dieser Gewichtsbelastung und dem anvisierten Einsatzbereich zwischen befestigten Straßen und Schotterwegen gerecht zu werden, rollt das E-Bike auf voluminösen Schwalbe Johnny Watts 365 Reifen. Diese bieten einen guten Kompromiss aus leichtem Abrollen auf Asphalt und ausreichendem Pannenschutz sowie Grip für schlechtere Wege.
Der Antrieb: Individualisierte Power statt Standardware
Das eigentliche Herzstück des Mica Pro verbirgt sich im Tretlagerbereich. Auf dem Motorengehäuse prangt zwar der Schriftzug von Deruiz, unter der Haube schlägt jedoch ein Antrieb des Herstellers Gobao. Wer nun an ein Standardaggregat aus dem Regal denkt, irrt gewaltig. Deruiz hat hier massiv Hand angelegt und ein tiefgreifendes Custom-Setup implementiert, das man in dieser Preisklasse eher selten antrifft.
Anstatt auf die branchenüblichen 36 Volt zu setzen, basiert das gesamte System auf einer leistungsstärkeren 48-Volt-Architektur. Zudem wurde ein vollständig eigenes CAN-Bus-Kommunikationsprotokoll geschrieben, um das Zusammenspiel zwischen Motor, Akku und Bedieneinheiten zu optimieren. Die nackten Zahlen des „ZentriDrive“ getauften Motors lesen sich überaus imposant: 110 Newtonmeter Drehmoment und eine Spitzenleistung von 900 Watt. Gespeist wird dieser Kraftprotz von einem 720 Wattstunden starken Lithium-Ionen-Akku aus dem Hause Samsung. Der Energiespeicher ist formschön in das Unterrohr integriert, lässt sich zur externen Ladung sauber entnehmen und benötigt am hauseigenen Ladegerät moderate fünf Stunden für eine vollständige Vollladung (0-100%).
Wartungsarmut als Konstruktionsprämisse
Im Normalfall sind Antriebsstränge an leistungsstarken E-Bikes einem immensen Verschleiß ausgesetzt. Dem wirkt Deruiz beim Mica Pro mit einer überaus konsequenten Komponentenauswahl entgegen. Statt einer klassischen Kettenschaltung vertrauen die Ingenieure auf eine stufenlose Enviolo-Nabenschaltung im Heck. Der Clou ist jedoch die Kraftübertragung: Hier kommt ein Carbon-Riemen von Gates zum Einsatz. Diese Kombination gilt in der Fahrradwelt als der absolute Goldstandard, wenn es um Langlebigkeit, Öl-Freiheit und Wartungsarmut geht. Gerade für Pendler und Tourenfahrer, die ihr Rad nutzen und nicht ständig pflegen möchten, ist dieses Setup ein Segen.
Abgerundet wird die solide Ausstattung von einer Suntour Federgabel mit Boost-Steckachse und hydraulischem Lockout sowie zuverlässigen hydraulischen Scheibenbremsen von Shimano, die an Front und Heck auf 180 Millimeter große Bremsscheiben zugreifen. Ergonomische Anbauteile wie ein verstellbarer Vorbau, spezielle Lenkergriffe und ein Gel-Sattel mit Kunstlederdecke unterstreichen den Komfort-Anspruch des Rades. Ein weiteres Highlight für Alltagsfahrer ist die integrierte Lichtanlage. Der Scheinwerfer wirft beachtliche 120 Lux auf die Fahrbahn, das Rücklicht ist elegant in das Schutzblech des Gepäckträgers integriert. Ein cleveres Detail: Ein Dämmerungssensor schaltet die Beleuchtung vollautomatisch ein und aus.
Das Deruiz Mica Pro in der Praxis: Bärig, aber kultiviert
Verlässt man das Datenblatt und nimmt auf dem Sattel Platz, muss sich zeigen, ob die auf dem Papier so beeindruckenden Spezifikationen auch zu einem harmonischen Fahrgefühl verschmelzen. Zunächst: Wer befürchtet, das hohe Rahmengewicht von 30 Kilogramm würde das Rad behäbig wirken lassen, wird beim ersten Tritt in die Pedale eines Besseren belehrt. Genau hier spielt der individualisierte Gobao-Motor seine vollen Stärken aus.
Das Anfahrverhalten des Mica Pro ist schlichtweg phänomenal. Das System ist so programmiert, dass es bereits bei einer extrem niedrigen Trittfrequenz (unter 30 Umdrehungen pro Minute) und Geschwindigkeiten unter 8 km/h innerhalb von nur 50 Millisekunden das volle Drehmoment von 110 Nm bereitstellt. Dieses wird dann für einige Sekunden gehalten, was zu einem enorm kräftigen, aber dennoch kontrollierbaren Schub aus dem Stand führt. Das erinnert frappierend an sehr sportliche E-Mountainbike-Motoren, bleibt durch die feinfühlige Sensorik jedoch stets gut dosierbar. Ein echtes Schmankerl im Alltag ist die integrierte Auto-Hold-Funktion: Bleibt man am Berg stehen, erkennt das System die Neigung und hält das Rad automatisch fest, ohne dass man die Bremsen ziehen muss. Beim anschließenden Anfahren am Hang liefert der Motor sofort wieder den rettenden Extraschub. Trotz dieser Kraftentfaltung arbeitet der Antrieb erfreulich leise und reiht sich problemlos in die Liga der Platzhirsche von Bosch und Co. ein.
Trekking-Tourer statt Offroad-SUV
Deruiz platziert das Mica Pro in der Kategorie der E-SUVs. Angesichts des Praxistests müssen wir dieser Einordnung jedoch ein wenig widersprechen. Zwar bietet das Bike dank der dicken Schwalbe-Reifen und der gut ansprechenden Suntour-Gabel reichlich Komfort auf unbefestigten Wegen, die grundlegende Geometrie und das Handling sprechen jedoch eine andere Sprache. Das Rad fährt sich weniger wie ein laufruhiges, für ruppiges Gelände gebautes Offroad-SUV, sondern vielmehr wie ein überaus potentes, unerschütterliches Trekkingrad.
Für den Alltag in der Stadt, weite Pendelstrecken oder ausgedehnte Wochenendtouren über Wald- und Wiesenwege ist das Mica Pro ein grandioser Begleiter. Die Kombination aus Enviolo und Gates-Riemen funktioniert tadellos, ist absolut lautlos und harmoniert hervorragend mit der starken Motorunterstützung. Auch bei der Reichweite gibt sich das System keine Blöße; der 720-Wh-Akku bietet genug Reserven für ausgedehnte Ausflüge, ohne dass man ständig den Ladebalken im Auge behalten müsste.
Licht und Schatten bei den Details
Wo viel Licht ist, findet sich gelegentlich auch ein wenig Schatten. Die digitale Infrastruktur des Rades gehört definitiv zu den Stärken. Das mittig platzierte Display ist hervorragend ablesbar – unabhängig davon, ob einem die pralle Mittagssonne ins Gesicht scheint oder man bei wechselnden Licht-Schatten-Verhältnissen im Wald unterwegs ist. Zudem lässt sich das Rad rasch mit der hauseigenen App koppeln, die weit mehr bietet als nur einen digitalen Tacho. Von hier aus lassen sich die Motorcharakteristik feinabstimmen und Licht- sowie Systemeinstellungen vornehmen. Einziger Wermutstropfen für Datenschutz-Puristen: Die App erfordert zwingend eine Registrierung samt E-Mail-Adresse.
Weniger Begeisterung löste bei uns das Bedienmodul am Lenker aus. Während Display, Akkuentnahme und Motorabstimmung durch höchste Qualität und feines Engineering glänzen, wirkt die kleine Fernbedienung für den linken Daumen nur „okay“. Sie erfüllt ihren Zweck, fällt haptisch aber spürbar hinter das ansonsten extrem hohe Niveau des Rades zurück.
Auch beim Thema Ergonomie gibt es kleine Kritikpunkte. Der verbaute Kunstleder-Sattel ist solide, jedoch eher unspektakulär. Bei einem Rad, das für lange Touren und hohes Gewicht konzipiert ist, hätten wir uns ab Werk ein wenig mehr Sitzkomfort gewünscht. Der Hersteller scheint dieses Bedürfnis aber zu kennen und bietet im Konfigurator direkt das Upgrade auf eine gefederte Parallelogramm-Sattelstütze an. Ein etwas größeres Manko betrifft die Rahmengrößen: Das Mica Pro wird lediglich in zwei Größen angeboten. Für den Großteil der Fahrer dürfte dies problemlos ausreichen, extrem große oder sehr kleine Piloten sollten das Rad jedoch vorab bei einem der Service-Partner ausgiebig zur Probe fahren, um böse Überraschungen bei der Passform zu vermeiden.
Was Deruiz hingegen beim Service liefert, ist beispielhaft. Statt proprietärer Sonderlösungen, die bei Defekten wochenlange Standzeiten bedeuten, setzt das Mica Pro weitestgehend auf Standard-Komponenten. Bremsen von Shimano, Reifen von Schwalbe oder ein handelsüblicher Seitenständer – all das kann jeder lokale Fahrradhändler problemlos warten oder ersetzen. Alle speziellen, elektronischen Bauteile lassen sich direkt und unkompliziert über den Endkunden-Shop von Deruiz beziehen. Ein Ansatz, der im Direktversender-Markt leider immer noch die absolute Ausnahme darstellt.










