Cervélo Soloist im Test: Das einst revolutionäre Aero-Road-Bike geht mit kleinen, aber feinen Verbesserungen ins Modelljahr 2027. Dazu gehören ein reduzierter Luftwiderstand, ein geringeres Gewicht und interessante Upgrades bei der Ausstattung. Auch ein neues Topmodell präsentiert Cervélo, das Einsteiger-Soloist wurde außerdem deutlich im Preis reduziert.
Vor 25 Jahren mussten Rennräder vor allem leicht sein, möglichst nah am vom Weltverband UCI festgelegten Minimalgewicht von 6,8 Kilo. Doch Phil White und Gerard Vroomen dachten anders: Mit ihrer Firma Cervélo wollten sie Aero-Performance vom Triathlon zum Rennsport bringen. „Soloist“ nannten sie ihre für damalige Verhältnisse revolutionäre Rennmaschine, die erst als Alu-Version, später mit Carbonrahmen die Radsportwelt verblüffte. Markenzeichen des Modells war das flache, tropfenförmige Unterrohr mit innen geführten Zügen; auch das Sitzrohr war à la Tragfläche konzipiert und beherbergte eine Aero-Sattelstütze statt einer runden Ausführung. Und der Name stand sinnbildlich für den Anspruch der Marke, sich nicht im Feld zu verstecken, sondern die Flucht nach vorne zu wagen.
Cervélo Soloist: die Highlights
- Aerodynamische optimiertes Rahmenset mit 8,6 Watt weniger Leistungsaufnahme laut Hersteller
- Inkl. Aero-Trinkflaschen, die weitere 4,3 Watt sparen
- Um knapp 260 Gramm reduziertes Systemgewicht
- Carbon-Cockpit an allen Modellen mit 60-tägiger Austauschmöglichkeit
- Neues Topmodell mit SRAM Red, Gewicht laut Cervélo 6,85 Kilo
- Preise: SRAM Red 10.999 Euro, SRAM Force /Force XPLR / Shimano Ultegra 7.499 Euro, SRAM Rival 5.999 Euro, Rahmenset 3.799 Euro
Das Cervélo Soloist war für zahllose Rennsiege gut und fand rasch Nachahmer; im Programm von Cervélo legte es den Grundstein für die immer weiter aerodynamisch optimierten S-Modelle. Irgendwann fiel der Name Soloist aus dem Programm und wurde erst zum Modelljahr 2023 wieder aufgegriffen – nun als Bezeichnung für eine etwas dezentere Alternative zum inzwischen extrem geformten Cervélo S5. Nun hat der kanadische Anbieter eine neue Version vorgestellt – eine gute Gelegenheit, sich mal wieder mit dem Aero-Klassiker zu beschäftigen. Auf der Hausmesse der PON Group hatte Velomotion das Cervélo Soloist im Test.

Nach wie vor positioniert sich das Modell zwischen dem Aero-Überflieger S5 und dem leichten Bergrad R5; allerdings ist es an beide näher herangerückt. Wie das geht? Ganz einfach: Das neue Cervélo Soloist hat einerseits als System rund 260 Gramm abgenommen, andererseits soll es im Windkanal 8,6 Watt weniger Leistung ziehen als sein Vorgänger. Auch diverse Wettbewerber soll es laut Cervélo aerodynamisch überholt haben.
Cervélo Soloist im Test: 260 Gramm leichter, 8,6 Watt schneller
Erreicht wurde das durch zahlreiche Detailverbesserungen, die man auf den ersten Blick gar nicht unbedingt sieht. So kommt eine neue Sitzklemme zum Einsatz, die zwölf Gramm weniger wiegt; Steuer- und Sitzrohr sind kaum merklich flächiger geworden. Einen deutlichen Sprung beim Luftwiderstand machen die Aero-Trinkflaschen, die beim neuen Soloist mitgeliefert werden: Im Vergleich zu runden Bidons sollen sie 4,3 Watt einsparen. Die speziellen Flaschenhalter können dabei auch mit klassischen Flaschen bestückt werden.
Auch an den Steifigkeitswerten hat Cervélo gefeilt, um dem Rad ohne Stabilitätsverluste etwas mehr Nachgiebigkeit zu verleihen. Für mehr Komfort sorgt auch der von 34 auf 36 mm vergrößerte Reifendurchlauf, sodass nun auch typische 35er Allroad-Pneus ins Soloist passen. Praktisch unverändert geblieben ist die Geometrie, wobei sich Stack und Reach nicht wirklich von den Werten des Superbikes S5 und vom R5 unterscheiden. Allerdings sind am S5 keine Spacer unterm Vorbau vorgesehen, wogegen sich das Cockpit des Soloist wie gewohnt höher positionieren lässt.
| Cervélo Soloist 2027 | ||||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Rahmenhöhe | 48 | 51 | 54 | 56 | 58 | 61 |
| Reach (mm) | 368,7 | 376,5 | 383,3 | 391,1 | 400,3 | 408,3 |
| Stack (mm) | 496,1 | 520,2 | 544,6 | 567,5 | 590,7 | 610,7 |
| Sitzwinkel | 74,5° | 74° | 73,5° | 73° | 73° | 73° |
| Lenkwinkel | 71° | 72° | 73° | 73° | 73° | 73° |
| Sitzrohrlänge (mm) | 432,2 | 481,7 | 507 | 530,4 | 553 | 571,6 |
| Kettenstrebenlänge (mm) | 410 | 410 | 410 | 410 | 410 | 410 |
| Gabellänge (mm) | 373 | 373 | 373 | 373 | 373 | 373 |
| Tretlagerabsenkung (mm) | 76,5 | 76,5 | 74 | 74 | 71,5 | 71,5 |
Überhaupt, das Cockpit! In Sachen Ausstattung ist es die wohl wichtigste Änderung, die Cervélo vorgenommen hat. Gegenüber der vorherigen Kombination Carbonlenker/Alu-Vorbau soll es 134 Gramm und knapp sechs Watt Luftwiderstand einsparen, dazu optimiert es natürlich die Innenverlegung der Bremsleitungen. Außerdem bietet Cervélo seinen Kundinnen und Kunden den Service an, das Cockpit bis zu 60 Tage nach dem Bike-Kauf gegen eines mit anderen Abmessungen zu tauschen – praktisch, wenn man nach ein paar Hundert Kilometern merkt, dass der Lenker zu breit, der Vorbau zu lang oder sonst etwas ist. Den Austausch durch den Fachhändler muss man allerdings selbst bezahlen.
Extrem ausgewogene Fahreigenschaften
Am Testrad, das Velomotion im Rahmen der Radmesse Ride On im Herten (Ruhrgebiet) fahren konnte, stimmte die Passform allerdings völlig. 15 mm Spacer entschärften den sportlichen Stack, und zu lang fühlte sich das Soloist auch nicht an. Dafür überzeugte das Sieben-Kilo-Rad in der Topversion mit SRAM Red mit perfekt ausbalancierten Fahreigenschaften.

Der erste Eindruck ist der extremen Vortriebs. Das Rad wirkt straff und direkt; die Lenkung ist handlicher, als der ausgewogene Steuerrohrwinkel von 73° erwarten lässt. Trotz der leichten Reduzierung der Steuerkopfsteifigkeit scheint die Front mit Cockpit und Gabel kein bisschen nachzugeben, womit sich das Rad im Wiegetritt spielerisch bewegen lässt. Dabei ist das Cervélo Soloist keinesfalls hart – auch rauer Asphalt erzeugt keine allzu störenden Vibrationen. Die 29er Vittoria Corsa Pro tragen mit rund 4 bar zum geschmeidigen Fahrverhalten bei, ohne schwammig zu wirken oder gefühlt schlechter zu rollen als mit höherem Druck.
Auf schnelleren Passagen kommt dann die Aerodynamik des Gesamtsystems inklusive des angenehm geformten Cockpits zum Tragen. Sich in Bremsgriffhaltung klein zu machen gelingt mit diesem Set-up sehr gut; die Reserve 42|49TA 240 (Gewicht ca. 1.370 Gramm) mit unterschiedliche tiefen (und breiten) Felgen wirken trotz der zahlreichen Richtungswechsel der Testrunde nie windempfindlich. Ein überraschend komfortables Bauteil ist der neu aufgelegte Fizik Arione, jener lange Sattel, der sich vor 15 Jahren ebenso wie eine SRAM-Gruppe an vielen Cervélo-Bikes fand (auch an jenem des Testfahrers). Mit schmaler Längsrinne und trotz fester Polsterung drückt er nirgendwo und erlaubt auch bei kompakter Sitzhaltung reibungsfreie Kraftübertragung.
Neues Topmodell und preislich attraktives Rival-Bike
So schließt sich beim Cervélo Soloist der Kreis – bleibt die Frage, wie die Preisgestaltung des neuen Modells aussieht. Mit dem Cervélo Soloist Red AXS ist ein neues Topmodell verfügbar, das es bisher nicht gab. Es kostet erwartbare 10.999 Euro mit den besagten Reserve-Laufrädern, die dort dank der 240er Naben von DT Swiss unter 1.400 Gramm wiegen sollen. Es folgen drei Modelle für 7.499 Euro mit SRAM Force AXS 2×12, Force XPLR 1×13 sowie Shimano Ultegra Di2, allesamt mit Reserve 42|49TA DT Swiss 350 (Satzgewicht um 1.430 Gramm). Diese Modelle gab es bisher auch schon; nun kosten sie je 300 Euro mehr, wofür man mit dem leichten Cockpit entschädigt wird. Wie bisher sind alle Modell mit Leistungsmessern ausgestattet.
Sehr interessant ist das Soloist Rival AXS, dessen Preis um 500 Euro auf 5.999 Euro gesenkt wurde. Auch dieses Rad ist mit dem HB18-Cockpit ausgestattet, dazu gibt es die immer noch sehr leichten Reserve 40|44 4LD sowie ein wellenbasiertes SRAM-Powermeter. Das Rahmenset wird nunmehr mit 3.799 Euro gehandelt, also 500 Euro mehr als bisher. Alle einfacheren Ausstattungsvarianten fallen weg, also SRAM D1, Shimano 105 Di2 und 105, zumal der neue Rahmen nicht mehr mit mechanischen Schaltungen kompatibel ist.
Eines kann das Cervélo Soloist allerdings nicht mehr bieten: jene Exotik, die sein Vorläufer vor knapp 25 Jahren versprühte. Diese Eigenschaft nimmt heute das S5 für sich in Anspruch – ein Rad, dessen Potenzial viele Aktive wohl niemals ausschöpfen werden. Das konventioneller gestaltete Soloist dagegen hinterlässt als modernes Rennrad für jeden Einsatzzweck einen extrem guten Eindruck.










