Test / Sattel: Mit dem Stealth 3D bringt Pro einen 3D-gedruckten Sattel, der die bekannte Stealth-Form beibehält, aber bewusst nicht auf das letzte Gramm optimiert ist. Drei unterschiedlich dichte Mesh-Zonen sollen Druckspitzen verhindern und Vibrationen schlucken. Wir sind den Sattel eine halbe Saison lang auf Gravelbike und E-Mountainbike gefahren – und haben dabei einen Vorteil gefunden, der auf keinem Datenblatt steht.
Komfort statt Leichtbau: eine ungewöhnliche Ansage
3D-gedruckte Sättel werden im Markt üblicherweise über zwei Argumente verkauft: geringes Gewicht und Exklusivität. Pro dreht diese Logik beim Stealth 3D um. Der Sattel wird vom Hersteller ausdrücklich als komfortabelstes Modell der Stealth-Serie positioniert – und nicht als leichtestes. Das ist keine Nebenbemerkung, sondern die Grundlage des gesamten Konzepts.
Nach Angaben von Pro basiert die Entwicklung auf Druckmessdaten aus Bikefittings sowie auf Rückmeldungen von Testfahrern. Aus diesen Gesprächen habe sich ergeben, dass die bisherigen Stealth-Sättel zwar als komfortabel wahrgenommen werden, ein Teil der Fahrerinnen und Fahrer aber bereit wäre, für zusätzlichen Komfort auch Mehrgewicht zu akzeptieren. Als Zielgruppe nennt der Hersteller explizit jene, die Rennen über Kopfsteinpflaster bestreiten oder häufig auf schlecht gewartetem Asphalt unterwegs sind.
Anton Peeters, bei Pro für das Satteldesign verantwortlich, begründet den Ansatz mit den Möglichkeiten des Fertigungsverfahrens: Eine derart feine Abstufung der Dichte sei mit herkömmlichem, leichtem Schaumstoff nicht darstellbar. Genau darin liegt das eigentliche technische Argument – und es lohnt sich, kurz dabei zu bleiben.
Warum 3D-Druck bei Sätteln überhaupt einen Unterschied macht
Bei einem klassisch geschäumten Sattel ist die Polsterung im Wesentlichen ein homogener Block. Wo der Sattel weicher oder härter sein soll, lässt sich das vor allem über die Dicke des Materials und die Formgebung der Schale steuern. Die Materialdichte selbst bleibt über die Fläche hinweg weitgehend konstant.
Ein gedrucktes Gitter funktioniert anders. Hier lassen sich Zellgröße, Strebenstärke und Gitterweite lokal verändern – theoretisch Millimeter für Millimeter. Aus einem einzigen Bauteil entstehen so Bereiche mit völlig unterschiedlichem Federverhalten, ohne dass mehrere Materialien verklebt oder verschweißt werden müssten. Genau das nutzt Pro beim Stealth 3D.
Hinzu kommt ein zweiter Effekt, den der Hersteller betont: Die hexagonale Zellstruktur federt nicht nur als Gesamtfläche, sondern jede Zelle einzeln. Das soll Straßenvibrationen reduzieren und damit die Ermüdung auf langen Distanzen senken – ein Argument, das sich im Praxistest naturgemäß schwerer isolieren lässt als eine Gewichtsangabe.
Drei Mesh-Zonen und was sie leisten sollen
Konkret unterteilt Pro die 3D-gedruckte EPU-Polsterung in drei Bereiche. Die Frontzone im Bereich der Sattelnase ist am dichtesten ausgeführt. Sie soll die Sitzknochen dann stützen, wenn sich der Fahrer weit nach vorn neigt – also in der aerodynamischen Position, für die die Stealth-Baureihe ursprünglich entwickelt wurde.
Die Mittelzone arbeitet mit mittlerer Dichte. Ihre Aufgabe ist es, das Gewicht über eine größere Fläche zu verteilen, vor allem in aufrechterer Haltung, und so punktuelle Druckbelastungen zu vermeiden. Der Hinterbereich schließlich ist am offensten und niedrigsten in der Dichte ausgeführt. Da dieser Bereich beim Pedalieren kaum Kontakt hat, spart Pro hier Gewicht – und legt zugleich die Zellstruktur sichtbar frei, was dem Sattel sein charakteristisches Erscheinungsbild gibt.
Die Zellen sind dabei nicht überall gleich: Nach vorn hin werden sie enger und dichter, nach hinten größer und offener. Ergänzt wird das Ganze durch eine strukturierte Oberseite, die laut Hersteller für Halt sorgen soll – auch bei Sprints aus dem Sattel heraus.
Varianten, Maße und Gewicht
Den Stealth 3D gibt es in zwei Ausführungen. Die Team-Version fährt Carbonstreben und wiegt ab 224 Gramm, die Performance-Version setzt auf INOX-Edelstahlstreben und liegt bei ab 260 Gramm. Beide Varianten stehen in 142 und 152 Millimetern Breite zur Wahl. Die Sattelschale ist in beiden Fällen carbonverstärkt, das Triple-Bridge-Design mit durchgehender anatomischer Aussparung ist von den übrigen Stealth-Modellen bekannt. Kompatibilität zu Pros Sattelzubehör ist gegeben. Mit 289,95 Euro für die Performance und 329,95 Euro für die Team-Variante ist der Pro Stealth 3D eine kostspielige Angelegenheit, liegt aber in üblichen Bereich für High-Performance 3D-Druck Sättel.
Schon an den Gewichtsangaben lässt sich ablesen, dass Pro seine eigene Ansage ernst meint: Der Stealth 3D ist im Vergleich zu anderen 3D-gedruckten Sätteln kein Leichtbauteil. Ob sich der Mehraufwand an Material im Sattel bemerkbar macht, war die zentrale Frage unseres Praxistests.
Der Pro Stealth 3D im Praxistest
Wir sind den Sattel über eine halbe Saison an unterschiedlichen Rädern gefahren. Den Hauptteil der Kilometer hat er auf dem Gravelbike gesammelt – also dort, wo ihn der Hersteller im Kern verortet. Zusätzlich war er auf einem E-Mountainbike montiert. Gefahren sind wir die 142-Millimeter-Version.
Eine Einordnung vorweg, weil sie bei Sattel-Tests dazugehört: Unser Tester ist in Sachen Passform vergleichsweise unempfindlich und hat auch mit anderen Sätteln selten Beschwerden. Wer bekanntermaßen sensibel auf Sitzflächen reagiert, sollte die folgenden Eindrücke entsprechend gewichten.
Passform: 142 Millimeter auf schmalen Sitzknochen
Rechnerisch war unsere Testbreite eher großzügig gewählt – für die vergleichsweise schmalen Sitzknochen unseres Testers wären 142 Millimeter auf dem Papier bereits reichlich. In der Praxis führte das zu keinerlei Problemen. Auffällig positiv ist die kurze Sattelnase, die viel Bewegungsfreiheit lässt und das Vor- und Zurückrutschen auf dem Sattel nicht behindert. Auch die große, durchgehende Aussparung in der Mitte macht ihre Sache gut: Taubheitsgefühle oder ähnliche Beschwerden traten während der gesamten Testdauer nicht auf.
Bulliger als die Konkurrenz – mit Folgen für die Sitzposition
Optisch und haptisch fällt der Stealth 3D deutlich bulliger und dicker aus als viele andere 3D-gedruckte Sättel. Ein Sofa ist er deshalb nicht. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die Technologie hier tatsächlich zweckmäßig eingesetzt wurde: Der Sattel gibt dort nach, wo Nachgiebigkeit sinnvoll ist, und stützt dort, wo Support gebraucht wird.
Die dickere Polsterung hat allerdings eine Nebenwirkung, die man kennen sollte. Sie schiebt den Fahrer tendenziell in eine etwas gestrecktere Position. Auf dem Gravelbike fügt sich das rund ins Gesamtbild ein. Am Mountainbike, wo der Sattel ohnehin ein Stück weit zweckentfremdet ist, fühlte sich das weniger stimmig an – unkomfortabel war es nicht, aber auf dem Gravelbike wirkte der Sattel spürbar mehr zu Hause. Wer den Stealth 3D am MTB fahren will, sollte das beim Setup einkalkulieren.
Der unterschätzte Vorteil: geschlossene Flanken
Der interessanteste Befund des Tests betrifft ein Detail, das in der Produktkommunikation kaum vorkommt. Bei den meisten 3D-gedruckten Sätteln ist die Gitterstruktur rundum offenporig. Das sieht spektakulär aus, hat aber einen praktischen Nachteil: Man spürt die Struktur durch die Hose hindurch, besonders wenn es schwitzig wird. Auf kurzen Runden ohne Polsterhose – am Mountainbike keine Seltenheit – führt das nach einiger Zeit zu Reibung. Nicht, weil der Sattel drücken würde, sondern schlicht wegen der Oberflächenstruktur.
Beim Stealth 3D ist das nicht der Fall. Die Seitenbereiche sind nach oben hin geschlossen ausgeführt, offenporig bleibt vor allem der hintere Abschnitt. Das Ergebnis: Auch ohne Polsterhose blieb der Sattel unauffällig. Für viele Käufer mag das ein Nischenszenario sein – wer den Sattel aber an einem Alltags- oder Feierabendrad fährt, wird diesen Punkt zu schätzen wissen.
Verarbeitung, Dauerhaltbarkeit und der Griff zur Bürste
Verarbeitung und Montage gaben im Test keinerlei Anlass zur Kritik. Auch nach reichlich Dreckbeschuss und einer Reihe von Matschfahrten blieb der Sattel vollständig geräuschfrei – Knarzen oder Knacken trat zu keinem Zeitpunkt auf.
Der Wermutstropfen liegt bei der Pflege, und er ist kein exklusives Problem dieses Modells. Setzt sich im offenporigen Heckbereich erst einmal Schlamm fest, wird die Reinigung mühsam. Das gilt für nahezu alle 3D-gedruckten Sättel und ist der Preis der Struktur. Immerhin: Weil beim Stealth 3D nicht die gesamte Oberfläche offen ausgeführt ist, betrifft das Problem eine kleinere Fläche als bei manchem Konkurrenten.
Das Gewicht bleibt der Knackpunkt
Wer einen 3D-gedruckten Sattel mit Carbonstreben kauft, hat in der Regel auch das Gewicht im Blick. Und hier liegt die klare Schwäche des Stealth 3D. Für seine Preisklasse ist er kein Leichtgewicht; nach unserer Einschätzung liegen vergleichbare Modelle des Wettbewerbs rund 50 Gramm darunter. Wer sein Rad konsequent auf Gewicht optimiert, wird sich das gut überlegen müssen.
Fairerweise muss man festhalten, dass Pro diesen Kompromiss nicht versteckt, sondern zur Produktstrategie erklärt hat. Und wenn ein Sattel tatsächlich passt und über Stunden komfortabel bleibt, sind 50 Gramm eine gut investierte Zugabe.








