E-MTB / Test: Es gibt Fahrräder, die versuchen sich mühsam in eine winzige Nische zu quetschen, und es gibt solche, die selbstbewusst eine ganze Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten abdecken. Das Bulls Vuca Evo AM 2 gehört definitiv zur zweiten Kategorie. Mit Pinion MGU an Bord, einem brandneuen Hauptrahmen aus Carbon und dickem 800-Wh-Akku richtet sich der Trail-Allrounder an technikbegeisterte Mountainbiker. Doch Bulls belässt es nicht bei sportlichen Eckdaten, sondern stattet das E-MTB mit einer ganzen Armada an cleveren Alltags-Features aus. Wir haben uns das 8.500 Euro teure Gefährt genau angesehen und auf dem Trail auf den Zahn gefühlt.
Die technische Basis: Pinion MGU trifft auf neuen Akku
Bereits in der Vergangenheit zählte Bulls zu den absoluten Pionieren, als es darum ging, die Motor-Getriebe-Einheit von Pinion in einem E-Mountainbike zu verbauen. Mit der nun vorgestellten zweiten Generation des Vuca Evo AM bleibt man dieser Ausrichtung treu, hebt die technische Basis jedoch auf ein neues Level. Herzstück des Bikes ist natürlich weiterhin die Pinion MGU, die einen kraftvollen Mittelmotor mit 85 Nm Drehmoment und eine elektronisch geschaltete 12-Gang-Schaltung in einem einzigen Gehäuse vereint. Mit einer enormen Übersetzungsbandbreite von 600 Prozent stellt das System herkömmliche Kettenschaltungen problemlos in den Schatten. Dazu kommt es mit den Vorzügen einer Getriebeschaltung: Gangwechsel sind jederzeit möglich, egal ob unter Last oder im Stand, zudem entfällt die Wartung fast komplett.
Kombiniert wird dieser Hightech-Antrieb beim Vuca Evo AM traditionell mit einem Gates-Carbon-Riemen. Das bedeutet in der Praxis: Keine ölige Kette, keine dreckigen Antriebsstränge und vor allem ein absolut minimaler Wartungsaufwand. Selbst unter widrigsten Bedingungen hält so ein Riemen deutlich länger als eine herkömmliche Kette.
Neu gestaltet wurde die Energieversorgung. Anstelle eines unübersichtlichen Akku-Wirrwarrs der vergangenen Modelljahre setzt Bulls nun einheitlich auf den neuen FIT Tube Pack 800. Mit 800 Wattstunden bietet dieser reichlich Kapazität für ausgedehnte Touren. Beeindruckend ist dabei das Gewicht: Mit lediglich 3,7 Kilogramm gehört der Stromspeicher zu den Modellen mit der höchsten Energiedichte am Markt und übertrifft in dieser Disziplin sogar die Pendants von Bosch oder Avinox. Der Akku sitzt formschön im Unterrohr des Carbon-Hauptrahmens und lässt sich dank eines hervorragend gelösten Verriegelungsmechanismus kinderleicht und ohne Gefummel entnehmen.
Wuchtiger Rahmen mit technischer Raffinesse
Betrachtet man das Bulls Vuca Evo AM 2 von der Seite, fällt sofort der sehr voluminöse Sitzrohrbereich auf. Die Optik mag im ersten Moment etwas wuchtig, ja fast schon gewöhnungsbedürftig erscheinen, doch hier ordnet sich das Design klar der Funktion unter. Der großzügige Platzbedarf hat handfeste technische Gründe.
Zum einen findet hier der elegant integrierte Ladeport inklusive kompletter Verkabelung seinen Platz. Das bietet den immensen Vorteil, dass sich ein optionaler Range Extender (der FIT Buddy Pack 240) extrem sauber und ohne störendes Kabelgewirr direkt anschließen lässt. Zum anderen ist hier die aufwendige Kinematik des Hinterbaus untergebracht, was den Ingenieuren ermöglichte, einen deutlich steileren Sitzwinkel als noch beim Vorgängermodell zu realisieren. Und nicht zuletzt erlaubt diese Rahmenkonstruktion trotz der ganzen geballten Technik eine hervorragende Einstecktiefe für die Sattelstütze.
Beim Hinterbau setzt Bulls weiterhin auf den eigens entwickelten „4-Link Swingarm“. Dieser abgestützte Eingelenker zeichnet sich durch einen einteiligen Hinterbau aus Aluminium aus. Ohne zusätzliche Gelenke im hinteren Bereich wird eine enorme Steifigkeit erreicht. Das ist nicht nur für die exakte Führung des Carbon-Riemens essenziell, sondern bildet auch die robuste Basis für ein weiteres wichtiges Detail: Die offizielle Anhängerfreigabe.
Alltagstauglichkeit par excellence
E-Mountainbikes werden längst nicht mehr nur als reine Sportgeräte über Wurzelteppiche gejagt. Sie sind Auto-Ersatz, Commuter-Bike und Touren-Gefährte in einem. Bulls trägt dieser Entwicklung beim Vuca Evo AM 2 vorbildlich Rechnung. Das fängt beim zulässigen Gesamtgewicht von satten 150 Kilogramm an – ein Wert, der heutzutage in der Branche leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
Hinzu kommt die hervorragende Lichtintegration. Im Ausfallende des Hinterbaus verstecken sich die MonkeyLink Twinlights. Diese extrem hellen Rückleuchten sind fast unsichtbar ins Design integriert und sorgen für ein enormes Plus an Sicherheit. An der Front setzt Bulls auf ein im Gabelschaft integriertes, mitlenkendes „Kurvenlicht“. Auch wenn man über die moderate Leuchtkraft (30 Lux) und leichte Beschlagneigung dieser speziellen Lösung diskutieren kann, ist es im Grunde ein Segen, ab Werk eine StVZO-konforme Beleuchtung an Bord zu haben, wenn die Feierabendrunde mal wieder länger dauert.
Ein echtes Highlight für Technik-Nerds und Tourenfahrer ist die bestromte SP Connect Schnittstelle (MonkeyLink 2.0) direkt am Vorbau. Hier lässt sich mit einem Handgriff ein stärkeres Frontlicht einklicken, das sofort vom E-Bike-Akku mit Strom versorgt wird. Alternativ kann man hier eine Smartphone-Halterung montieren, die das Handy während der Fahrt induktiv lädt. Solche Details heben das Bike stark von der Konkurrenz ab und machen es im Alltag unglaublich wertvoll. Auch an eine versteckte Ständeraufnahme wurde gedacht.
Ausstattung: Top-Komponenten und kleine Versäumnisse
Mit 8.500 Euro reißt das Vuca Evo AM 2 zwar ein ordentliches Loch ins Portemonnaie, angesichts der verbauten Pinion MGU, die im Einkauf durchaus kostspielig ist, geht der Preis im Marktvergleich aber voll in Ordnung. Drei Modelle bietet Bulls an (von 7.000 bis 10.000 Euro), wobei unser Testbike den absoluten „Sweet Spot“ in Sachen Preis-Leistung darstellt.
| Rahmen | Bulls Vuca Evo AM |
| Federgabel | RockShox Lyrik Ultimate |
| Antrieb | Pinion MGU |
| Akku | Fit Tube Pack 800 |
| Dämpfer | RockShox SuperDeluxe Ultimate |
| Laufräder | DT Swiss H1900 |
| Reifen VR | Schwalbe Magic Mary Performance |
| Reifen HR | Schwalbe Magic Mary Performance |
| Schaltwerk | Pinion MGU |
| Schalthebel | Pinion TE1 |
| Kurbel | Pinion |
| Umwerfer | Ohne |
| Bremse | Shimano XT M8220 |
| Bremsscheiben | Shimano XT 203/203 mm |
| Sattelstütze | 8Pins |
| Sattel | Prologo Proxim 400 wide |
| Vorbau | Rumble Altimate PRO Carbon |
| Lenker | Rumble Altimate PRO Carbon |
Beim Fahrwerk lässt sich Bulls nicht lumpen: Eine RockShox Lyrik Ultimate an der Front mit 160 mm Federweg und ein RockShox Super Deluxe Ultimate Dämpfer am Heck markieren das obere Ende der Performance-Skala. Auch die Shimano XT 4-Kolben-Bremsanlage mit großen 203-mm-Scheiben vorne und hinten liefert artgerechte Verzögerung. Ein weiteres Schmankerl ist die 8Pins Sattelstütze, die fast unsichtbar im Rahmen integriert ist und viel Hub bietet.
Ein kleiner Insider-Tipp am Rande betrifft das mitgelieferte Ladegerät: Bulls packt ab Werk einen 3-Ampere-Lader in den Karton. Technisch gesehen handelt es sich hierbei jedoch exakt um die Hardware des 4,8-Ampere-Schnellladers. Die höhere Ladeleistung ist lediglich per Software gedrosselt. Wer sich dieses Rad gönnt, sollte beim Fachhändler direkt darum bitten, das Gerät als „Fast Charger“ freizuschalten.
Das Bulls Vuca Evo AM auf dem Trail
Wie schlägt sich das Bulls Vuca Evo AM 2 nun in freier Wildbahn? Die Eckdaten mit 160/150 mm Federweg, 29-Zoll-Laufrädern und einer modernen, aber nicht radikalen Geometrie (64,5 Grad Lenkwinkel, 480 mm Reach in Größe L) versprechen einen waschechten Allrounder. Und genau dieses Versprechen löst das Bike auf dem Trail auch ein.
Das Fahrwerk ist eine absolute Wucht. Der Hinterbau arbeitet extrem feinfühlig, bügelt grobe Schläge souverän weg und bietet gleichzeitig genug Gegenhalt und „Pop“, um das 25,7 Kilogramm schwere Gefährt aktiv über Kanten abzuziehen. Die Reserven sind groß, das Bike verhält sich stets gutmütig. Kombiniert mit dem steilen Sitzwinkel klettert das Bulls zudem exzellent und unaufgeregt steile Rampen hinauf.
Dennoch sollte man wissen, wofür das Vuca konzipiert wurde. Es ist kein Vollgas-Enduro für die EWS-Rennstrecke. Das unterstreicht auch die Rahmenfreigabe, die „nur“ für Kategorie 3 (Sprünge bis ca. 60 Zentimeter) ausgestellt ist. Wer an jedem Wochenende auf den wildesten Downhill-Tracks im Bikepark ballern möchte, stößt hier in Grenzbereiche vor, für die andere, abfahrtslastigere Bikes besser geeignet sind. Für natürliche Singletrails, technische Anstiege und ausgedehnte Touren im rauen Gelände ist der Wohlfühlfaktor hingegen gigantisch.
Licht und Schatten im Detail
Wo viel Licht ist, gibt es leider auch ein wenig Schatten. Kritik muss sich Bulls vor allem bei der Wahl der Laufräder und Reifen gefallen lassen. Die DT Swiss H1900 Laufräder sind zwar unverwüstliche Arbeitstiere, an einem 8.500-Euro-Bike dürfte man aber durchaus eine hochwertigere Klasse erwarten. Wirklich ärgerlich ist jedoch die Reifenwahl: Schwalbes Magic Mary kommt hier nur in der günstigen und harten „Performance“-Gummimischung zum Einsatz. Einem Rad mit solch exzellentem Fahrwerk nimmt dieser Reifen bei Nässe und auf Wurzeln spürbar das Potenzial. Wer es gerne krachen lässt, sollte hier direkt beim Kauf in potentere Pneus investieren.
Ein weiterer Wermutstropfen ist das Cockpit. Bulls verbaut eine schicke, einteilige Carbon-Lenker-Vorbau-Kombination. Das spart Gewicht und sieht futuristisch aus, ist ergonomisch jedoch ein zweischneidiges Schwert. Der Lenker bietet extrem wenig Backsweep und kaum Rise. Dadurch zieht er den Fahrer gefühlt stark über die Front und kann auf langen Abfahrten schnell zu schmerzenden Handgelenken führen. Da sich die Lenkerneigung bei einteiligen Systemen nicht anpassen lässt, bleibt bei ergonomischen Problemen nur der Kompletttausch.
Der Charakter der Pinion MGU
Zu guter Letzt verlangt auch der Antrieb nach einer kurzen Eingewöhnung. Die Pinion MGU fährt sich schlichtweg anders als ein klassischer Mittelmotor mit Kettenschaltung. Unter Last zu schalten funktioniert, allerdings sind zwei der Gangsprünge bauartbedingt etwas rauer, was sich durch ein kurzes, akustisches Knallen und ein leichtes Durchfallen der Kurbel bemerkbar machen kann. Das stört vor allem im technischen Uphill, wenn man im falschen Moment den Gang wechselt.
Auch die Geräuschkulisse ist speziell. In den leichten Klettergängen macht der Motor durch ein deutliches, präsentes Surren auf sich aufmerksam. Je schwerer der Gang und je höher die Geschwindigkeit, desto leiser wird das Aggregat, bis es in der Ebene fast unhörbar mitschwimmt. Hinsichtlich der Power muss sich die MGU nicht verstecken. Sie reicht zwar nicht an die Power eines Avinox oder des allerneuesten Bosch CX heran, liefert aber in fast jeder Lebenslage genug Schub, um auch verblockte Uphills souverän zu meistern.













