Test / Bekleidung: Pünktlich zur Hochsaison schickt Canyon mit dem Canyon Loamr einen brandneuen MTB-Schuh für den Trail- und Bikepark-Einsatz ins Rennen. Verfügbar als Flat-Pedal- und Clipless-Variante, richtet sich das Modell an Fahrer, die in technischem Gelände maximale Unterstützung, Schutz und Pedalkontrolle suchen. Ob der Schuh auf dem Trail hält, was das Datenblatt verspricht, und ob er den Spagat zwischen robustem Schutzschild und komfortablem Begleiter meistert, haben wir in einem zweimonatigen Praxis-Test für euch auf die Probe gestellt.
Ein Name als Programm: Die Theorie hinter dem Canyon Loamr
Der Name des neuen Schuhs ist kein Zufallsprodukt, sondern eine Hommage an den perfekten Untergrund: „Hero Dirt“ oder im englischen MTB-Jargon schlicht „Loam“ genannt. Gemeint ist jene ideale Mischung aus Bodenbeschaffenheit und Feuchtigkeit, in die sich Stollenreifen regelrecht verbeißen und die Fahrern diesen klebrigen, schier endlosen Grip liefert, von dem wir alle träumen. Genau dieses Gefühl der unerschütterlichen Traktion und Kontrolle soll der Loamr nun an den Fuß des Fahrers bringen.
Im Gegensatz zu Canyons deutlich pedalier-fokussierterem Modell Scampr, platziert sich der Loamr als der Schuh fürs Grobe. Er bringt spürbar mehr Steifigkeit, eine erweiterte Dämpfung und vor allem ein deutliches Plus an Schutz für den Fuß mit. Konstruiert wurde er dabei explizit für die Anforderungen auf anspruchsvollen Trails und im Park, wo Steinkontakt und ruppige Schläge an der Tagesordnung sind.
Zwei Konzepte, ein Ziel: Separate Designs für Clip und Flat
Statt einfach nur eine Sohle mit oder ohne Cleat-Aufnahme an den gleichen Oberschuh zu kleben, wurden die Flat- und Clip-Modelle spezifisch auf ihr jeweiliges Einsatzgebiet zugeschnitten. Dennoch teilen sie sich eine gemeinsame, robuste Basis. Beide setzen auf ein geschlossenes, synthetisches Obermaterial, das den Fuß vor den Elementen und vor mechanischen Einflüssen schützt. Im Inneren sorgt eine Mesh-Bootie-Konstruktion für eine eng anliegende, sockenähnliche Passform. Für die präzise Anpassung an den Fuß ist das bewährte BOA Li2-Verschlusssystem in Kombination mit einem PerformFit-Wrap zuständig, welches den Druck gleichmäßig über den Spann verteilen soll.
Die Clipless-Version (Loamr Clip) ist für den Einsatz auf technischen Trails konzipiert. Hier verrichtet eine recht steife interne Platte ihren Dienst, die eine stabile Plattform beim Pedalieren bietet und die Balance zwischen Kraftübertragung und Vibrationsdämpfung halten soll. Ein asymmetrischer Schuhkragen schützt den Knöchel an der Innenseite, während eine externe TPU-Zehenkappe Einschläge von Steinen oder Wurzeln abwehrt. Die Sohle setzt auf Canyons Megagrip-Gummimischung von Vibram, garniert mit einem großzügig dimensionierten Cleat-Kanal für reichlich Einstellungsspielraum. Mit einem Gewicht von 419 Gramm (in Größe 42) geht der Schuh preislich für 159,95 Euro über die Ladentheke.
Die Flat-Pedal-Version (Loamr Flat) fokussiert sich naturgemäß etwas mehr auf Beweglichkeit und Pedalgefühl. Der Schuhkragen ist hier etwas tiefer geschnitten, was dem Knöchel mehr Spielraum gewährt. Im Inneren arbeitet eine Nylon-Platte, die den Kompromiss aus Support und Flexibilität sucht. Ein integrierter Zehenschutz aus Gummi bewahrt die Front vor Beschädigungen. Für den Kontakt zum Pedal ist die Vibram XS Ride Außensohle zuständig. Ein cleveres Detail: Die Profilierung am Heck der Sohle wurde speziell auf die Anordnung der Pins von Canyon Flat-Pedals abgestimmt, um eine besonders konstante Verbindung herzustellen. Das Gewicht liegt hier bei angenehm leichten 336 Gramm (Größe 42) – der Preis bleibt identisch bei 159,95 Euro. Beide Modelle kommen erfreulicherweise mit einer flachen Sohlenkonstruktion (Low Stack-Height) daher, was den Fuß näher an die Pedalachse rückt und das Kontrollgefühl verbessert.
Der Canyon Loamr Clip im Praxis-Test: Reinschlüpfen und Wohlfühlen
Für unseren ausgiebigen Testzeitraum von rund zwei Monaten waren wir mit der Clip-Version des Loamr unterwegs. Das Test-Terrain umfasste vor allem das E-MTB in unterschiedlichsten Bedingungen, aber aus der Not heraus musste der Schuh zwischenzeitlich sogar auf dem Gravel-Bike herhalten. Und um es gleich vorwegzunehmen: In puncto Passform macht dem Loamr so schnell niemand etwas vor.
Der Schuh fällt absolut größengerecht aus; wer seine reguläre Straßenschuh-Größe wählt, liegt hier goldrichtig. Besonders positiv fällt der Einstieg auf. Während viele moderne MTB-Schuhe mit Socken-Konstruktion im Knöchelbereich extrem eng geschnitten sind und das Anziehen eher einem Ringkampf gleicht, lässt sich der Loamr weit öffnen. Selbst Fahrer mit einem sehr hohen Spann gleiten hier mühelos hinein. Ein Dreh am seitlichen BOA-Verschluss reicht völlig aus, um den Schuh gleichmäßig und fest an den Fuß zu ziehen. Der Sitz ist sicher, extrem bequem und bietet reichlich Platz, ohne dass die Ferse ungewolltes Spiel hat.
Performance auf dem Trail: Steifigkeit und Schutz
Auf dem Pedal zeigt sich die steife interne Platte von ihrer besten Seite. Die Kraftübertragung ist direkt und effizient – ein Aspekt, der den Schuh paradoxerweise auch für schnelle Ausfahrten auf dem Gravel-Bike prädestiniert, wo er mangels Alternativen ebenfalls eine hervorragende Figur machte. Der Einstellbereich für die Cleats ist üppig bemessen, sodass vom Enduro-Racer mit weit nach hinten versetzten Cleats bis hin zum Tourenfahrer jeder sein Setup findet.
Was den Schutz angeht, liefert der Loamr genau das, was die bullige Optik verspricht. Die Zehenbox mit ihrer externen TPU-Kappe ist ein echter Segen auf technischen Trails. Mehrere unfreiwillige Felskontakte und unsanfte Bodenproben steckte der Schuh im Testzeitraum klaglos weg, ohne dass die Zehen des Testers in Mitleidenschaft gezogen wurden. Auch die generelle Verarbeitungsqualität ist hoch. Zwar ließen sich nach zwei Monaten hier und da zwei bis drei lose Fäden an den Nähten finden, dies ist jedoch reine Kosmetik und in diesem Segment durchaus üblich.
Ein kleiner Kritikpunkt betrifft die Platzierung des BOA-Verschlusses. Dieser sitzt relativ exponiert an der Außenseite des Schuhs. Im Testzeitraum kam es hier mehrfach zu Fein- und Felskontakt, was entsprechende Kratzer am Verschlussrädchen hinterließ. Glücklicherweise blieben mechanische Defekte jedoch gänzlich aus – ein Zeichen dafür, dass BOA bei der Haltbarkeit seiner Verschlüsse in den letzten Jahren offenbar ordentlich nachgebessert hat.
Das Klima: Ein solider Allrounder, aber kein Sommer-Spezialist
Wer einen extrem luftigen Sommer-Schuh für alpine Hitzeschlachten sucht, muss beim Loamr kleine Abstriche machen. Das geschlossene Synthetik-Obermaterial bringt zwangsläufig Nachteile bei der Belüftung mit sich. An sehr warmen Tagen können die Füße durchaus ins Schwitzen geraten. Dieser Umstand wandelt sich jedoch schnell in einen Vorteil, wenn das Wetter umschlägt. Im kühlen, nassen Frühjahr hielt der Schuh die Füße erstaunlich lange trocken und warm, was ihn zu einem hervorragenden Begleiter für die Übergangszeit und feuchtes Terrain macht.
Die Vibram-Sohle: Wenn der Reifen den Grip verliert
Die Theorie des grenzenlosen Grips („Loam“) bekommt in der Praxis abseits des Pedals allerdings einen kleinen Dämpfer. Zwar verspricht das Datenblatt dank der Vibram Megagrip-Sohle überragende Traktion auf nassen Felsen, losem Schmutz und unebenem Terrain – in der Realität stieß die Sohle bei ungemütlichen Bedingungen jedoch an ihre Grenzen. Gerade auf steilen Tragepassagen mit dem E-MTB im Schlamm und auf nassem Untergrund war der Grip eher durchschnittlich und resultierte gelegentlich in unerwünschten Rutschpartien. Hier sollte man mit realistischen Erwartungen herangehen: Der Loamr ist ein fantastischer Schuh auf dem Pedal, aber kein Wanderschuh-Ersatz für ausgedehnte Hike-a-Bike-Missionen im Regen. Dazu trägt auch die steife Sohlenkonstruktion bei, die den Laufkomfort generell etwas einschränkt.













