Das Giant Seek 1 im Praxistest: Mit einem superleichten Kinderrad begeistert der weltgrößte Radhersteller junge Dropbar-Fans. Highlight ist die elektronische Schaltung, deren Hebel speziell auf kleine Hände zugeschnitten sind. Wer denkt, für ein 3.000-Euro-Kinderrad gäbe es keinen Markt, sollte unsere niederländischen Nachbarn besuchen.
Ein Rennrad für Kinder: Das Giant Seek 1
Als weltgrößter Radhersteller und Zulieferer für andere Marken ist Giant so gut aufgestellt, dass nicht jedes Projekt zum Kassenschlager werden muss. Und so lassen sich auch Konzepte realisieren, die zumindest aus deutscher Sicht nicht allzu erfolgversprechend erscheinen. Gibt es wirklich einen Markt für ein 3.000-Euro-Kinderrennrad? Wer die hiesigen Gepflogenheiten kennt, mag das getrost bezweifeln. Doch man muss nur nach Holland reisen und etwa den Tom Dumoulin Bike Park besuchen, um zu erfahren, wie viele Kinder dort Straßen- und Querfeldeinrennen fahren – das sind Hunderte potenzieller Nutzer des kleinen Giant, und schon sieht die Sache ganz anders aus.

Spezielle Geometrie für Kinder
Was zeichnet das Giant Seek 1 aus? Erst einmal erlaubt der kompakte Rahmen mit seiner speziellen Geometrie eine frühe Nutzung. Der Hersteller gibt eine Körpergröße von 130 – 150 cm bzw. ein Altersspektrum von 10 – 16 Jahre an; der Velomotion-Test beweist jedoch, dass schon ein siebenjähriges Mädchen mit dem Rad bestens zurechtkommt. Das hat erst einmal mit der ungewöhnlichen Rahmengeometrie zu tun, die mithilfe von „Dynamic Cycling Fit“ entwickelt wurde: Bei dem innovativen „Messfahrrad“ des Giant-Tochterunternehmens kann man praktisch alle erdenklichen Maße testen.
Fürs Kinderrad kam ein mit 78° ungewöhnlich steiler Sitzwinkel heraus, der den Fahrer bzw. die Fahrerin weiter vorne positioniert. Der Reach des Rahmens (horizontaler Abstand Tretlagermitte – Oberkante Steuerrohr) ist etwa 20 % kleiner als bei einem 56er Rahmen für Erwachsene, dazu kommt ein 60 mm kurzer Lenkervorbau. Wird die Sattelstütze weiter ausgezogen, wandert der Sattel nach hinten und macht damit Platz für das Längenwachstum der Oberschenkel. Eine Sattelstütze mit mehr Versatz nach hinten und ein längerer Vorbau könnten das Giant auch für Jugendliche fahrbar machen; mit 16 Jahren dürften die allermeisten jedoch aus dem Bike herausgewachsen sein.


Vielfältiger Einsatzbereich
Ein weiterer Kniff bei der Realisierung des Kinder-Renners ist die Verwendung von 650B-Laufrädern, also 27,5 Zoll. Dadurch, dass der Radius der Felge außen gemessen um 19 mm geringer ist, sitzt das Kind entsprechend tiefer; Rahmen und Gabel können kompakter konstruiert werden. Im Sinne eines niedrigen Fahrradschwerpunkts verzichtet Giant auf die Option, wirklich breite Reifen montieren zu können – mehr als 37 mm sind offiziell nicht drin. Für Kinder reicht das jedoch locker aus und das Giant Seek 1 kann getrost als Gravelbike bezeichnet werden, auch wenn es in erster Linie ein Rennrad und in zweiter ein Cyclocross-Bike ist.

Sinnvolle Komponentenwahl
Nicht nur die Rahmengeometrie ist jedoch innovativ, sondern auch die Ausstattung. Los geht’s bei der Schaltung: In Zusammenarbeit mit Giant hat der Komponentenhersteller TRP eine Spezialversion seiner Vistar-Shifter entwickelt, die mit zum Lenker gebogenen Bremshebeln an kleine Hände angepasst sind. Dass das Zwölffachsystem mit 11-36er Kassette und 30-Zähne-Kettenblatt elektronisch geschaltet wird, ist am Kinder-Rennrad keineswegs ein Luxus: Hebelweg und Handkraft mechanischer Systeme können kleine Hände überfordern; die elektronischen Schaltpaddel lassen sich dagegen einfach bedienen. Auch die hydraulischen Scheibenbremsen sind in dieser Hinsicht optimal.


Das Highlight: Der Carbon-Laufradsatz
Echter Luxus sind jedoch die am Giant Seek 1 verbauten Laufräder vom Typ GIANT SLR 1 Disc Carbon 650B. Wer den Radsatz auf der Giant-Homepage sucht, stellt fest, dass der Preis für Vorder- und Hinterrad bei 1.700 Euro liegt, was angesichts eines Gewichts von 1.300 Gramm laut Hersteller an sich durchaus in Ordnung geht. Dass der Radsatz mehr als die Hälfte des Komplettpreises für das Fahrrad ausmacht, ist schon etwas überraschend. Andersherum kann man natürlich argumentieren, dass das Rad ein extrem starkes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet. Außerdem gibt es ja noch das Giant Seek 3 für 1.800 Euro mit elektronischer Schaltung, mechanisch-hydraulischer Bremsanlage und Alu-Radsatz.





