Test / E-MTB: Zum Anfang dieser Saison hat Scott mit dem Patron ST eRIDE 900 ein E-Mountainbike auf die Trails geschickt, das zumindest optisch zweifellos zu den polarisierendsten Erscheinungen des Jahres gehört. Der Trail-Allrounder der Schweizer Marke setzt auf extreme Systemintegration, den aktuellen Bosch CX Gen 5 Motor, üppige 170 mm Federweg an der Front und ein elektronisches Bosch E-Bike ABS. Ob dieses geballte Hightech-Paket auf dem Trail eine harmonische Einheit bildet und wie viel vom tourentauglichen Charakter des Vorgängers geblieben ist, haben wir ausführlich auf die Probe gestellt.
Die Modellpalette: Scott Patron ST eRIDE vs. Patron eRIDE
Im ausgesprochen umfangreichen E-MTB-Portfolio von Scott nimmt das Patron eine Sonderrolle ein. Zunächst gilt es hier, eine klare Differenzierung in der Modellpalette vorzunehmen. Scott bietet das Rad in zwei Grundausrichtungen an: das reguläre Patron eRIDE (ohne Namenszusatz) und das hier getestete Patron eRIDE ST. Das Kürzel „ST“ steht dabei für Super-Trail.
Der Unterschied liegt primär im Federweg, der Ausstattung und der Fahrwerksphilosophie. Während der Rahmen in beiden Fällen 150 mm Federweg am Heck bereitstellt, spendiert Scott den ST-Modellen an der Front üppige 170 mm (statt 150 mm bei den Standard-Modellen). Zudem ist die ST-Variante mit deutlich abfahrtslastigeren Komponenten Ausgestattet – von Gabel über Dämpfer bis hin zu den Reifen. Alle Varianten rollen konsequent auf 29-Zoll-Laufrädern. Beim Rahmenmaterial reicht die Palette im Standard-Lineup von reinen Aluminium-Rahmen über Carbon-Alu-Hybride bis hin zu Vollcarbon. Die sportlicheren ST-Modelle sind hingegen (Stand heute) ausschließlich mit einem Hauptrahmen aus Carbon erhältlich.
Antriebssystem und Akku-Management
Angetrieben werden alle neuen Patron-Modelle vom mittlerweile bewährten Bosch Performance Line CX Motor der 5. Generation. Während das absolute Spitzenmodell mit dem nochmals exklusiveren CX Race Motor ausgestattet ist, verrichtet in unserem Testbike, dem Patron ST eRIDE 900, der reguläre CX Gen 5 seinen Dienst. Mit 100 Nm maximalem Drehmoment und bis zu 750 Watt Spitzenleistung (die über die Bosch eBike Flow App individuell konfiguriert werden kann) liefert das Aggregat mehr als ausreichend Vortrieb für schwerstes Gelände.
Für die Energieversorgung ist ein Bosch PowerTube Akku mit 800 Wattstunden zuständig, der tief im Unterrohr sitzt. Optional lässt sich das System mit einem 250-Wh-Range-Extender auf gewaltige 1.050 Wh erweitern. Besonders positiv fällt die Konstruktion der Akkuentnahme auf: Der Akku verbirgt sich unter einer Kunststoffklappe an der Unterseite des Rahmens. Der Verschlussmechanismus ist extrem hochwertig und solide gelöst.
Als Kommandozentrale dient das Bosch Kiox 400C Display, welches formschön und bündig in das Oberrohr integriert wurde. Scott verzichtet hier auf klobige Kunststoffrahmen, wodurch das Display fast nahtlos mit dem Carbonrahmen verschmilzt. Gesteuert wird das System intuitiv über die kompakte Bosch Mini Remote am Lenker.
Integration als Design-Philosophie
Wer die Designsprache von Scott in den letzten Jahren verfolgt hat, wird nicht überrascht sein, dass auch beim Patron ST eRIDE 900 das Thema Systemintegration bis zum Äußersten ausgereizt wird. Dieses Level an Integration ist klassisches Love-it-or-Hate-it-Terrain.
Sämtliche Leitungen und Züge verschwinden bereits unterhalb des Vorbaus in speziellen Spacern und werden komplett unsichtbar durch den Rahmen geführt. Das prominenteste Merkmal ist jedoch der in den Rahmen integrierte Dämpfer. Er sitzt versteckt und vor Schmutz geschützt im Oberrohr unter einer abnehmbaren Klappe. Die Optik, die dadurch entsteht, ist extrem aufgeräumt und eigenständig, besonders in Kombination mit den auffälligen Decals und Farben, bei denen Scott erfreulich viel Mut beweist. Auch der Schutz des Rahmens ist vorbildlich: Kettenstreben- und Sitzstrebenschutz sind großzügig dimensioniert, und der Hinterbau ist komplett geschlossen, sodass sich keine Steine oder grober Schmutz in den Zwischenräumen verklemmen können.
Natürlich bringt dieses Maß an Integration Kompromisse bei der Wartung mit sich. Das Aufpumpen des Dämpfers oder die Verstellung der Zugstufe am Trunnion-Mount erfordern etwas mehr Fingerspitzengefühl als bei einem offenliegenden Dämpfer. Scott hat diesen Umstand jedoch bedacht und clevere Detaillösungen integriert. So verfügt der Rahmen über eine außenliegende Sag-Anzeige. Da die Kolbenstange des Dämpfers nicht sichtbar ist, lässt sich der Negativfederweg so dennoch extrem komfortabel und präzise ablesen. Ein weiteres cleveres Detail der Integration ist die Kombination aus einem kleinen hinteren Fender und einer direkt in das System integrierten LED-Rückleuchte, die bequem vom Lenker aus aktiviert werden kann.
Scott Patron ST eRIDE: Ausstattung und Preisgestaltung
Das Scott Patron ST eRIDE 900 markiert die goldene Mitte der drei verfügbaren ST-Modelle und wechselt für 9.999 Euro den Besitzer. Darüber rangiert das Tuned-Modell für 11.500 Euro (unter anderem mit Fox Factory Fahrwerk und CX Race Motor), den Einstieg in die Super-Trail-Klasse bildet das Modell 910 ST für 6.600 Euro.
Angesichts eines Preises von knapp 10.000 Euro darf man eine entsprechend hochwertige Ausstattung erwarten. Das Fahrwerk liefert RockShox in Form einer bulligen ZEB Ultimate an der Front und einem SuperDeluxe Ultimate Dämpfer im Heck. Die Schaltvorgänge übernimmt eine elektronische SRAM GX Eagle AXS Transmission. Das ist zweifellos eine Top-Schaltung mit hervorragender Performance unter Last, in dieser Preisklasse würde man sich jedoch durchaus schon eine X0-Gruppe wünschen. Gleiches gilt für die soliden, hauseigenen Syncros Revelstoke-HD 1.5 Aluminium-Laufräder, die zwar unauffällig ihren Dienst verrichten, an einem 10.000-Euro-Bike aber fast schon etwas bodenständig wirken. Gebremst wird mit einer Shimano XT 4-Kolben-Anlage in Kombination mit dem Bosch E-Bike ABS Pro.
| Rahmen | Scott Patron eRIDE Vollcarbon |
| Federgabel | RockShox Zeb Ultimate |
| Antrieb | Bosch CX Gen 5 |
| Akku | 800 Wh |
| Dämpfer | RockShox SuperDeluxe Ultimate |
| Laufräder | Syncros Revelstoke HD 1.5 |
| Reifen VR | Schwalbe Magic Mary Radial Gravity Soft |
| Reifen HR | Schwalbe Albert Radial Gravity Soft |
| Schaltwerk | Sram GX Transmission |
| Schalthebel | Sram AXS Pod w/ Rocker Paddle |
| Kurbel | Sram GX Transmission |
| Umwerfer | Ohne |
| Bremse | Shimano M8220 |
| Bremsscheiben | Shimano 223 / 200 |
| Sattelstütze | Syncros Duncan Dropper 1.5s |
| Sattel | Syncros Tofino-E 1.5 |
| Vorbau | Syncros AM 2.0 |
| Lenker | Syncros Hixon 2.0 Alloy |
Ein absolutes Highlight ist die Reifenwahl: Scott spezifiziert das Bike mit den Schwalbe Radial-Reifen (Magic Mary an der Front, Albert am Heck), beide mit robuster Gravity-Karkasse und weichen Gummimischungen. Trotz dieser extrem potenten und schweren Reifen sowie dem großen 800-Wh-Akku bleibt die Waage bei unserem Testbike bei sehr guten 24,2 kg stehen (die Herstellerangabe liegt bei 24,3 kg).
Auf dem Trail: Zwischen Tourer und Ballerbude
Für den Praxistest waren wir mit dem Scott Patron ST eRIDE 900 in unterschiedlichstem Terrain unterwegs. Wirft man einen Blick auf den Vorgänger, so war dieser trotz massiver Optik auf dem Trail ein überraschend gutmütiger, fast schon tourenorientierter „Staubsauger“. Mit diesem Mindset im Hinterkopf sorgt das neue ST-Modell schnell für Überraschungen.
Die erste Auffälligkeit zeigt sich direkt beim Aufsitzen: Die Front ist extrem hoch. Mit einem Stack-Wert von stolzen 664 mm in Rahmengröße L sitzt man sehr aufrecht, eine Sattelüberhöhung ist quasi nicht vorhanden. Das erinnert fast schon ein wenig an ein Chopper-Gefühl, nimmt enorm viel Druck von den Handgelenken und sorgt auf langen Touren für massiven Komfort. Gleichzeitig passt diese hohe Front perfekt zum aktuellen Geometrie-Trend im Enduro-Segment, der dem Fahrer im steilen Gelände viel Sicherheit vermittelt.
| S | M | L | XL | |
|---|---|---|---|---|
| Reach (mm) | 428 | 448 | 473 | 503 |
| Stack (mm) | 650 | 655 | 664 | 673 |
| Sitzrohr (mm) | 405 | 435 | 470 | 500 |
| Lenkwinkel (in °) | 64,9 | 64,9 | 64,9 | 64,9 |
| Sitzwinkel (in °) | 76,4 | 76,4 | 76,4 | 76,4 |
| Oberrohr (mm) | 582 | 607 | 629 | 660 |
| Kettenstreben | 454 | 454 | 454 | 454 |
| Steuerrohr (mm) | 120 | 125 | 135 | 145 |
| BB Drop (mm) | 28 | 28 | 28 | 28 |
Fahrwerk ohne TracLoc: Sattes Feedback
Sobald der Trail bergab zeigt, wird klar: Das Bike hat seinen Charakter geschärft. Zwar generiert das 150-mm-Heck nach wie vor enorme Traktion, doch das neue Patron ST fühlt sich deutlich lebendiger, poppiger und spritziger an als sein Vorgänger. Das leicht reduzierte Gesamtgewicht trägt seinen Teil dazu bei. Wichtig für sportliche Fahrer: Die ST-Modelle für die Saison 2026 verzichten komplett auf Scotts bekanntes TwinLoc/TracLoc-System am Heck. Man fährt hier ein ganz reguläres Fahrwerk ohne Lenker-Remote für den Dämpfer, was dem cleanen Cockpit und der reinen Abfahrtsperformance zugutekommt.
Trotz der neu gewonnenen Lebendigkeit vermittelt das Rad eine unerschütterliche Sicherheit. Der Schwerpunkt liegt angenehm zentral im Rad. Das Patron ST ist ein Fehlerverzeiher par excellence. Es greift dem Fahrer aktiv unter die Arme, wenn eine Linie verpasst wird oder man sich ans eigene Limit tastet. Das Überrollverhalten der 29-Zoll-Laufräder gepaart mit der immensen Eigendämpfung der Schwalbe Radial-Reifen bügelt auch gröbstes Geläuf souverän glatt.
Das Bosch E-Bike ABS Pro im Härtetest
Ein kontrovers diskutiertes Bauteil an unserem Testbike ist das Bosch E-Bike ABS Pro, gekoppelt an die Shimano XT Bremsen. In Kommentarspalten wird das System oft von versierten Mountainbikern als „überflüssig für Könner“ abgetan. Doch die Realität auf dem Trail sieht anders aus.
Wer Angst hat, dass das System einem das sprichwörtliche Heft aus der Hand nimmt, kann beruhigt werden. Das ABS Pro arbeitet derart subtil im Hintergrund, dass man es im regulären Fahrbetrieb kaum spürt. Provoziert man auf Schotter eine Panikbremsung und langt schonungslos in den vorderen Bremshebel, moduliert das System den Bremsdruck perfekt: Das Hinterrad bleibt am Boden, ein Überschlag wird effektiv verhindert.
Und wie sieht es mit einer dynamischen Fahrweise aus? Im „Trail Pro“-Modus lässt das System durchaus zu, dass das Hinterrad abhebt. Es benötigt lediglich einen etwas deutlicheren Körperimpuls des Fahrers, um das Heck für Spitzkehren zu versetzen. Das System bevormundet nicht, es unterstützt. Ein Blick auf die Bosch App nach einer Abfahrt über 400 Tiefenmeter offenbart die Wahrheit: Oft verzeichnet die Software hier 10 bis 12 Regeleingriffe des ABS, ohne dass man als Fahrer das Gefühl hatte, aktiv gerettet worden zu sein. Es ist ein Sicherheitsnetz, das selbst ambitionierten Fahrern spürbar den Stress nimmt. Wer dem System skeptisch gegenübersteht, sollte es zwingend selbst einmal ausprobieren.
Geräuschkulisse: Bergauf hörbar, bergab flüsterleise
Ein Wort noch zur Akustik. Bergauf macht sich der neue Bosch CX Gen 5 Motor im Rahmen des Patron bemerkbar. Er ist leiser als der ältere Gen 4, wirkte in diesem spezifischen Testrad jedoch präsenter als in anderen Bikes mit gleichem Motor – möglicherweise fungiert der voluminöse Carbonrahmen hier als Resonanzkörper.
Sobald sich die Neigung ändert und der Trail gen Tal abfällt, dreht sich das Blatt komplett: Das Patron ST eRIDE 900 ist bergab eine absolute Macht in Sachen Stille. Trotz der massiven Integration, der innenliegenden Züge und des Kunststoff-Covers klappert hier absolut gar nichts. Das Bike ist flüsterleise, das einzige hörbare Geräusch ist das satte Abrollen der Schwalbe-Reifen auf dem Waldboden.












