Test / E-MTB: Das Strive ist bei Canyon seit Jahren die unangefochtene Enduro-Bank. Mit dem Canyon Strive:ON wurde diese DNA vor einiger Zeit erfolgreich elektrifiziert und direkt auf die Podien der E-EWS pilotiert. Nun schicken die Koblenzer das potente E-Mountainbike in die nächste Evolutionsstufe. Mit einem verstärkten Rahmen, den neuesten Bosch-Motoren und sinnvollen Detailverbesserungen soll der Spagat zwischen Renneinsatz und alltagstauglichem Trail-Spaß noch besser gelingen. Wir haben alle technischen Details analysiert und das Bike auf den Trails rund um Koblenz auf die Probe gestellt.
Zwischen Trail und Freeride: Die Positionierung
Im üppigen E-MTB-Portfolio von Canyon nimmt das Strive:ON eine klar definierte Rolle ein. Es positioniert sich exakt zwischen dem verspielten, auf Trail-Touren ausgelegten Spectral:ON und dem abfahrtsorientierten Freerider Torque:ON. Das Strive:ON ist als klassisches Enduro konzipiert: 170 mm Federweg an der Front und 160 mm am Heck, gepaart mit einem Mullet-Laufrad-Setup (29 Zoll vorne, 27,5 Zoll hinten). Zielsetzung der Ingenieure war es, die EWS-Sieger-Gene des unmotorisierten Strive in ein E-MTB zu injizieren, das sowohl zwischen den Flatterbändern einer Rennstrecke als auch auf schweren, alpinen Trails funktioniert.
Rahmendetails: Auf Langlebigkeit getrimmt
Bereits auf den ersten Blick bleibt das Strive:ON seiner bewährten Silhouette treu. Unter dem Lack hat sich jedoch einiges getan. Der Vollcarbon-Rahmen wurde gezielt verstärkt. Canyon gibt an, dass der Rahmen nun die extrem strengen Anforderungen der Testkategorie 4e erfüllt, was ihm Nehmerqualitäten knapp unterhalb von Downhill-World-Cup-Boliden attestiert. Der CFR-Rahmen bringt dabei in Größe M kompetitive 2,45 Kilogramm auf die Waage.
Ein Fokus lag laut Hersteller auf der Reduzierung des Wartungsaufwands („Ride more, wrench less“). Dafür kommen an den Drehpunkten doppelt gedichtete Lager mit speziellem Fett zum Einsatz, ergänzt durch Gewindeeinsätze, die den Carbonrahmen vor überdrehten Schrauben schützen sollen. Auffällig ist zudem die wuchtige Skid-Plate unter dem Motor. Diese ist nicht nur ein optisches Gimmick, sondern schützt Motor, Kettenblatt und Rahmen gleichermaßen. Sie ist über einen dedizierten Montagepunkt direkt mit dem Motor verbunden und verfügt über zwei Gleitschienen, inspiriert aus dem Enduro-Motocross, die ein Hängenbleiben an Hindernissen verhindern sollen.
Bosch Power und Akku-Wahl
Das größte Update findet sich im Herzen des Bikes: dem Antrieb. Das neue Strive:ON setzt auf die jüngste Generation der Bosch Performance Line CX Motoren, während das Topmodell CFR sogar mit dem CX-Race (CX-R) Motor ausgestattet ist. Die Spitzenleistung liegt dabei bei 750 Watt und das maximale Drehmoment nach dem jüngsten Update bei bis zu 120 Nm. Der CX-R Motor im Topmodell bietet zudem den exklusiven „Race Mode“ mit direkterer Beschleunigung und längerem Extended Boost.
Interessant ist die Entscheidung bei der Energieversorgung. Anstatt den Rahmen für die völlig neuen 800-Wh-Akkus von Bosch umzukonstruieren, setzt Canyon weiterhin auf den bekannten 750-Wh-Akku. Dieser ist etwas länger, baut dafür aber deutlich schmaler, was das verhältnismäßig schlanke Unterrohr des Strive:ON erst möglich macht. Der Akku lässt sich nach unten entnehmen – und zwar über eine neu gestaltete Klappe, die sich mit nur einer Schraube lösen lässt. Das System funktioniert in der Praxis reibungslos und schnell. Bedient wird der Antrieb über den in das Oberrohr integrierten System Controller und die kabellose Bluetooth Mini Remote am Lenker. Auf ein Kiox-Display ab Werk wird verzichtet; der Platz im Oberrohr bietet auch keine Nachrüst-Option für das große Display.
Aggressive Geometrie und K.I.S.-Integration
Die Geometrie des Strive:ON unterstreicht den High-Speed-Anspruch. Ein flacher Lenkwinkel von 63,5 Grad sorgt für Laufruhe in steilem Gelände, während der steile effektive Sitzwinkel von 78 Grad den Fahrer in eine zentrale, effiziente Kletterposition rückt. Das Tretlager ist bewusst nicht extrem tief gezogen, um Pedalufersetzungen in technischen Uphills zu vermeiden.
Zusätzliche Kontrolle verspricht das K.I.S. 2.0 System (Keep It Stable). Der Lenkstabilisator, der über vorgespannte Federn und Bänder im Oberrohr eine Zentrierkraft auf den Gabelschaft ausübt, soll unerwünschte Lenkbewegungen in ruppigem Gelände filtern. Das System ist mittlerweile standardmäßig verbaut, lässt sich in seiner Intensität per Inbusschlüssel anpassen und von Puristen auf Wunsch auch komplett demontieren.
Ausstattungen und Preise: Zurück zur Vernunft
Canyon bietet das Strive:ON in drei Ausstattungsvarianten an, die alle auf den gleichen Vollcarbon-Rahmen setzen. Bemerkenswert ist die Preisgestaltung, die sich angenehm vom Trend astronomischer Summen abhebt.
Den Einstieg markiert das Strive:ON CF8 für 4.999 Euro mit RockShox Domain Gold Gabel, Super Deluxe Base Dämpfer und Shimano Deore Antrieb. Der absolute Sweetspot für leistungsorientierte Fahrer dürfte jedoch das CF9 für 6.499 Euro sein. Hier gibt es eine Fox 38 Performance Elite Gabel, den Float X2 Dämpfer, mechanische SRAM Eagle 90 Schaltung und bissige SRAM Maven Base Bremsen gepaart mit DT Swiss H1900 Laufrädern. Das Flaggschiff CFR schlägt mit 7.499 Euro zu Buche und liefert dafür RockShox Ultimate Federelemente, SRAM X0 Transmission und den Bosch CX-R Motor.
Dass selbst am Topmodell „nur“ eine X0 statt einer XX-Gruppe und eine Maven Silver statt Ultimate verbaut ist, ist eine bewusste Entscheidung der Produktmanager: Maximale Performance auf dem Trail, ohne den Preis durch Nuancen künstlich in die Höhe zu treiben. Ein überaus sympathischer Ansatz.
Das Canyon Strive:ON in der Praxis
Für den Praxistest haben wir das Canyon Strive:ON in der CF9 Variante auf den heimischen Trails von Canyon im Koblenzer Stadtwald entführt. Eines wird direkt auf den ersten Metern klar: Das Bike ist kein komfortabler Cruiser, sondern ein hochpotentes Sportgerät. Im Vergleich zum Allrounder Spectral:ON fordert das Strive:ON eine aktivere Fahrweise. Es ist in seiner Grundabstimmung straffer und progressiver. Wer entspannt über wurzelige Waldwege rollen will, empfindet das Fahrwerk womöglich als etwas anstrengend.
| Rahmen | Strive:ON CF |
| Federgabel | Fox 38 Performance Elite |
| Antrieb | Bosch CX |
| Akku | 750 Wh |
| Dämpfer | Fox Float X2 |
| Laufräder | DT Swiss H1900 |
| Reifen VR | Maxxis Assegai EXO+ MaxxGrip |
| Reifen HR | Maxxis DHRII DD MaxxTerra |
| Schaltwerk | Sram Eagle 90 |
| Schalthebel | Sram Eagle 90 |
| Kurbel | Sram Ealge 90 |
| Umwerfer | Ohne |
| Bremse | Sram Maven Base |
| Bremsscheiben | Sram HS2 |
| Sattelstütze | Canyon SP0081 200mm (L) |
| Sattel | Ergon SM Neo |
| Vorbau | Canyon G5 |
| Lenker | Canyon G5 |
Sobald sich das Gelände jedoch neigt und die Geschwindigkeiten steigen, blüht das Strive:ON auf. Die Kinematik liefert enormen Gegenhalt, sodass das Bike nicht im Federweg versackt, wenn man es durch Anlieger drückt oder an Kanten abzieht. Es ist eine echte „Ballerbude“, die viel Vertrauen vermittelt. Einen großen Anteil an diesem Vertrauen hat die absolut kompromisslose Reifenwahl ab Werk: Der Maxxis Assegai in der weichen MaxxGrip-Mischung an der Front klebt förmlich am Boden, während der DHR II mit robuster DoubleDown-Karkasse am Heck Durchschläge souverän wegsteckt.

Das K.I.S.-System verrichtet währenddessen unauffällig seinen Dienst. Es greift spürbar, aber keineswegs unangenehm ein. Um das System als definitiven „Gamechanger“ zu bewerten, bedarf es noch mehr Zeit auf bekannten Trails, aber es stört den Flow in keiner Weise und sorgt in Steinfeldern tatsächlich für eine ruhigere Front.

Flüsterleise durch den Wald
Was auf dem Trail abseits der reinen Fahrdynamik extrem positiv auffällt, ist die Geräuschkulisse – oder besser gesagt: die Abwesenheit derselben. Das Strive:ON ist flüsterleise. Hier klappert kein Bremsbelag, die Leitungen sind intern hervorragend fixiert und auch der neue Bosch Motor hält sich akustisch vornehm zurück. Ein großes Lob verdient an dieser Stelle die Leitungsverlegung: Canyon verabschiedet sich von der fehleranfälligen Verlegung durch den Steuersatz und führt die Züge klassisch und sauber geklemmt durch das Steuerrohr in den Rahmen. Ein Segen für jeden, der selbst an seinem Bike schraubt.

Bedingt durch den etwas betagten Akku und die robusten Komponenten ist das Strive:ON mit rund 24,5 Kilogramm kein Leichtgewicht. Auf dem Trail kaschiert die tiefe und zentrale Positionierung der Massen das Gewicht gut, lediglich bei sehr engen Fahrmanövern oder in der Luft lässt sich die Physik nicht ganz überlisten. Ein deutliches Plus gibt es hingegen für die neu gewonnene Bodenfreiheit: Durch die kompaktere Motorintegration und die eng anliegende Skid-Plate setzt man bei Stufen und verblockten Uphills deutlich seltener mit dem Tretlagerbereich auf als noch beim Vorgänger.






