News / E-Bike: 1.500 Watt Spitzenleistung und 150 Nm Drehmoment bei gerade einmal 2,59 Kilogramm Motorgewicht – als vor einigen Wochen der Avinox M2S Antrieb vorgestellt wurde, hat er die E-MTB-Welt ein Stück weit auf den Kopf gestellt. Doch die schiere Kraft des Systems sorgt branchenweit nicht nur für Begeisterung, sondern auch für hitzige Diskussionen. Nun meldet sich Avinox mit einem detaillierten Statement zum Thema Leistung zu Wort.
Wer die Entwicklung im E-Mountainbike-Sektor verfolgt, weiß: Wir befinden uns in einer extrem spannenden Phase. Die Grenzen des technisch Machbaren verschieben sich rasant. Das haben wir im April selbst auf dem Prüfstand und den Trails erlebt, als der Avinox M2S in unserem Test absolute Bestwerte lieferte. Doch mit dem Vorstoß in völlig neue Leistungsdimensionen wächst unweigerlich auch der Diskussionsbedarf.
Die Branche debattiert intensiv über Sinn und Unsinn dieses Watt-Wettrüstens. Es geht um rechtliche Grauzonen bei der Nenndauerleistung, um die Haltbarkeit von Antriebskomponenten und um die Frage, ob derartige Boliden nicht irgendwann eine Versicherungspflicht provozieren. Ein Diskurs, den wir in unserem Magazin aktiv begleiten – sei es durch unseren rundum positiven Testbericht der Hardware oder durch einen kürzlich erschienenen Kommentar, der unsere Sorgen in den Fokus rückte.
Dass diese Debatten auch in der Firmenzentrale von Avinox in Shenzhen aufmerksam verfolgt werden, zeigt ein nun veröffentlichtes, ausführliches Statement des Herstellers unter dem Titel „Avinox Pursues Power with Purpose“ (zu Deutsch etwa: Leistung mit Sinn und Zweck). Darin tritt Avinox den branchenweiten Bedenken entgegen.
Legalität und das 25-km/h-Limit
Einer der lautesten Kritikpunkte an Antrieben wie dem M2S ist die Sorge um den EPAC-Status (DIN EN 15194), der Pedelecs rechtlich dem Fahrrad gleichstellt. Die gesetzliche Vorgabe spricht von 250 Watt Nenndauerleistung. Kann ein Motor, der in der Spitze 1.500 Watt liefert, noch legal sein?
Avinox argumentiert hier mit einem klaren Bekenntnis zur geltenden Rechtslage: Die hohe Peak-Leistung sei nicht dafür konzipiert, gesetzliche Grenzen auszuhebeln. „Avinox-Systeme entsprechen vollumfänglich allen geltenden Geschwindigkeitsvorschriften“, heißt es in der Erklärung. Die 25-km/h-Schwelle bleibt die absolut harte Grenze. Der Motor riegelt punktgenau ab, wie unsere Tests auch gezeigt haben.
Der Sinn der enormen Leistungsspitzen liegt laut Avinox nicht in der Geschwindigkeit, sondern in der Bewältigung extremen Terrains. Wenn es 25 Prozent steil bergauf geht, ein schwererer Fahrer im Sattel sitzt oder dicke Wurzelteppiche im Uphill überrollt werden müssen, sorgt der große Puffer für konstanten Vortrieb.
Hohes Drehmoment = Hoher Verschleiß? Ja … aber
Ein weiterer Punkt der Debatte: Was passiert, wenn 150 Newtonmeter auf Kette und Kassette einprügeln? Viele E-Biker sorgen sich um erhöhten Verschleiß und Schäden wie Kettenrisse. Avinox setzt diesen Bedenken im seinem Statement die smarte Motorsteuerung entgegen.
Die Ingenieure stellen klar, dass der M2S seine Kraft eben nicht als unregulierten Dampfhammer auf den Antriebsstrang loslässt. Wird die Funktion „Kettenschutz“ aktiviert, reduziert der Motor für die Dauer des Schaltvorgangs deutlich spürbar die Leistung. Auch das konnten wir in unserem Test so nachmessen. Das Ziel der Avinox-Entwickler war es, den Stress für den Antriebsstrang trotz der enormen Kraft zu reduzieren. In Verbindung mit einer elektronischen Sram Transmission Schaltung und beim Gangwechsel sollte das auch ziemlich gut funktionieren. Wer jedoch eine mechanische Schaltung fährt, wird hier etwas vorsichtiger zu Werke gehen müssen und wer dauerhaft die hohe Leistung des Systems abruft, wird zumindest bei Kette und Kassette mit höherem Verschleiß rechnen müssen.
Keine Bedrohung für die Branche?
Am spannendsten für die aktuellen Diskussionen dürfte jedoch der Abschnitt „Higher Power Does Not Threaten the Industry“ sein. Hier greift Avinox exakt die politische Dimension der Debatte auf: Die Sorge vieler Brancheninsider, dass extrem kräftige Motoren zwangsläufig Regulierungsbehörden auf den Plan rufen und den rechtlichen Status quo der gesamten Fahrradbranche gefährden könnten.
Avinox hält diese Sichtweise für zu kurz gedacht und fordert einen differenzierteren Blick. Der Hersteller bekennt sich zwar strikt zu verantwortungsvollen Regulierungen und der Einhaltung aller Gesetze, wehrt sich aber gegen die pauschale Vorverurteilung von Leistung. Die Botschaft lautet: Technologische Innovationen dürfen nicht durch willkürliche Watt-Grenzen abgewürgt werden, solange diese keiner klaren, logischen Basis entspringen. Echter Fortschritt müsse sich an Kundennutzen, Performance und einem breiteren Zugang zum Sport orientieren – und nicht an der bloßen Angst vor großen Zahlen, so der Hersteller aus China.
Alles gut also?
Mit dem seinem Statement hat Avinox die Karten auf den Tisch gelegt und seinen Standpunkt in der aktuellen Leistungsdebatte unmissverständlich formuliert. Dennoch: Ein Hersteller-Statement, so detailliert es auch sein mag, beendet noch keine branchenweite Grundsatzdebatte. Ob diese technologische Argumentation ausreicht, um die Bedenken rund um EPAC-Normen und mögliche Regulierungen auf lange Sicht zu zerstreuen, muss die Zukunft zeigen, nicht nur auf dem Trail, sondern auch in den Gremien der Gesetzgeber. Die Diskussion um die Grenzen des Machbaren und Erlaubten im E-Bike-Sektor wird uns noch eine ganze Weile begleiten. Wir werden diesen Prozess, das Ausloten der neuen Leistungsklassen und die Reaktionen des Marktes weiterhin genau beobachten: kritisch, neugierig und mit dem Fokus auf die Technik.

