Test / E-MTB: Das Amflow PR Carbon schlug bei seiner Vorstellung im Frühjahr ein wie eine Bombe. Ausgestattet mit dem bärenstarken Avinox M2S Antrieb, einem entnehmbaren 800-Wh-Akku und einer durchdachten Allround-Geometrie, zieht das Bike die Blicke auf sich. Doch der eigentliche Paukenschlag ist das Preisschild, das selbst im direkten Vergleich zur hauseigenen Konkurrenz fast schon wie ein Druckfehler wirkt. Ob die Rechnung aufgeht und das Gesamtpaket auch auf dem Trail überzeugt, haben wir ausführlich getestet.
Neuland für Amflow: Vollcarbon-Rahmen mit entnehmbarem Akku
Im ausgesprochen vielseitigen Segment der E-Mountainbikes positioniert Amflow das PR Carbon Pro als potentes Trail- und Enduro-Crossover. Die Eckdaten sprechen eine deutliche Sprache: Ein leichter Vollcarbon-Rahmen, der in Größe M laut Hersteller gerade einmal 2,9 Kilogramm (inklusive Wippe, Lagern und Hardware) auf die Waage bringt, bildet die Basis. An der Front stehen 160 Millimeter Federweg zur Verfügung, während der Hinterbau 150 Millimeter generiert. Ab Werk rollt das Bike als Mullet-Setup – also mit 29 Zoll am Vorderrad und 27,5 Zoll am Heck – über die Trails. Wer mag, kann das Bike dank eines Flip-Chips aber auch als waschechtes 29er fahren.
Eine der größten Neuerungen im Vergleich zum bekannten PX Carbon betrifft das Unterrohr. Erstmals setzt Amflow beim PR Carbon auf einen entnehmbaren Akku. Das führt unweigerlich zu einer etwas voluminöseren Silhouette als beim superschlanken PX-Modell, bietet im Alltag aber unschätzbare Vorteile. Der neue Avinox RS 800 Akku fasst satte 800 Wattstunden und wiegt dabei rund 4 Kilogramm. Er lässt sich über eine sehr gut konstruierte Verriegelung aus dem Unterrohr entnehmen. Das ist nicht nur praktisch für Mieter von Wohnungen ohne Steckdose im Keller, sondern auch für einen schnellen Akkuwechsel auf extrem langen Touren. Geschützt wird das Ganze von einer gut verarbeiteten, klapperfreien Kunststoffabdeckung am Unterrohr.
Anpassbare Geometrie für Tüftler
Die Geometrie des PR Carbon Pro wurde modern gezeichnet, lässt sich aber dank zahlreicher Einstellmöglichkeiten nahezu perfekt auf die eigenen Vorlieben abstimmen. Satte 40 verschiedene Konfigurationen sind theoretisch machbar. Der Lenkwinkel lässt sich über spezielle Steuersatzschalen zwischen 63,5 Grad (für maximale Laufruhe) und 65,5 Grad (für ein agileres Handling) variieren. Ein Flip-Chip an der Dämpferaufnahme erlaubt die Anpassung der Tretlagerhöhe, während sich sogar die Kettenstrebenlänge verändern lässt. Letztere wandert in der Grundeinstellung bei moderaten 440 Millimetern, was angesichts des kompakten Motors ein guter Kompromiss aus Kletterfähigkeit und Verspieltheit sein sollte.
| M | L | XL | XXL | |
|---|---|---|---|---|
| Reach (mm) | 452 | 472 | 500 | 527 |
| Stack (mm) | 626 | 637 | 649 | 662 |
| Sitzrohr (mm) | 405 | 425 | 445 | 464 |
| Lenkwinkel (in °) | 64,5 | 64,5 | 64,5 | 64,5 |
| Sitzwinkel (in °) | 77 | 76,9 | 76,7 | 76,6 |
| Oberrohr (mm) | 596,5 | 624 | 653 | 685 |
| Kettenstreben | 440/452 | 440/452 | 440/452 | 440/452 |
| Steuerrohr (mm) | 111 | 124 | 137 | 151 |
| Tretlagerhöhe (mm) | 346 | 346 | 346 | 346 |
Vergleicht man die Zahlen auf dem Papier direkt mit dem PX Carbon, zeigt sich das PR Carbon als etwas zahmeres, aber keineswegs touriges Bike. Auffällig ist jedoch der effektive Sitzwinkel. Dieser liegt beim PR Carbon Pro bei rund 76,7 Grad. Wichtiger ist jedoch der reelle Sitzwinkel, der mit etwa 70 Grad verhältnismäßig flach ausfällt. Das bedeutet: Je weiter die Sattelstütze herausgezogen wird, desto weiter wandert der Schwerpunkt des Fahrers nach hinten über die Hinterradachse – ein Detail, das sich später auf dem Trail noch bemerkbar machen wird.
Avinox M2S: Ein Kraftpaket der Extraklasse
Das Herzstück des Amflow PR Carbon Pro ist zweifellos der neue Avinox M2S Mittelmotor. Das kompakte Kraftpaket wiegt nur 2,59 Kilogramm, liefert aber Leistungswerte, die der Konkurrenz das Fürchten lehren. Im regulären Betrieb stellt der Antrieb 130 Newtonmeter Drehmoment und eine mechanische Spitzenleistung von 1300 Watt zur Verfügung. Im aktivierbaren Boost-Modus klettern diese Werte sogar auf aberwitzige 150 Newtonmeter und 1500 Watt. Zum Vergleich: Das Einstiegsmodell, das reguläre PR Carbon, kommt mit dem M2 Motor (ohne „S“), der mit 110 Nm (125 Nm im Boost) ebenfalls extrem stark, aber eben einen Hauch zahmer ist.
Die Steuerung des Systems erfolgt über gut ablesbare, kabellose Controller am Lenker und ein ins Oberrohr integriertes 2-Zoll-OLED-Touch-Display. Zwar fehlt dem PR Carbon Pro der 4G-Slot des teureren PX Carbon, dennoch bietet es über die Apple „Find My“-Integration einen rudimentären Diebstahlschutz. Über die Avinox App lassen sich zudem Navigationen (via Komoot-Import) auf das Display spiegeln und die Unterstützungsstufen, bis hin zur Herzfrequenzsteuerung, feintunen. Ebenfalls an Bord beim Pro-Modell: Ein 12-Ampere-Schnellladegerät, das den 800-Wh-Akku in knapp zweieinhalb Stunden von 0 auf 100 Prozent pumpt. Achtung jedoch für Besitzer mehrerer Amflow-Bikes: Der Ladestecker für die entnehmbaren Akkus ist eckig und nicht mit den runden Steckern der fest verbauten Akkus (wie beim PX Carbon) kompatibel.
Ausstattung Amflow PR Carbon: Pragmatisch, durchdacht und extrem fair bepreist
Für 5.899 Euro liefert Amflow beim PR Carbon Pro ein Ausstattungspaket ab, das man sonst auf dem Markt nur schwerlich bekommt. Zwar wird nicht ins allerhöchste „Factory“-Regal gegriffen, doch die verbauten Komponenten machen absolut Sinn. Das Fahrwerk stammt von Fox: Eine 36 Performance Gabel mit GRIP-Kartusche an der Front und ein Float X Performance Dämpfer im Heck. Die Schaltvorgänge übernimmt die elektronische SRAM S1000 Eagle Transmission. Diese wird praktischerweise direkt über den E-Bike-Akku mit Strom versorgt und bietet Features wie „Smooth Shift“ – dem Schalten ohne zu Treten, oder den Kettenschutz, bei dem der Motor die Zugspannung kurzzeitig reduziert, um auch unter Volllast geschmeidige Gangwechsel zu ermöglichen.
Verzögert wird das 24,2 Kilogramm schwere Geschoss (Tubeless-Gewicht in Größe XL) von Maguras Gustav Pro 4-Kolben-Bremse. Diese beißt auf 2,5 Millimeter dicke und 203 Millimeter große Sensor-Bremsscheiben. Das hauseigene Cockpit und eine hauseigene absenkbare Sattelstütze runden das Paket ab. Besonders spannend ist die Reifenwahl: Amflow montiert Schwalbes neue Radial-Reifen aus der Gravity Pro Serie (Magic Mary vorne, Albert hinten). Ein mutiger, aber durchdachter Schritt für ein Bike dieser Federwegsklasse.
Besonders interessant wird die Ausstattung, wenn man den Preis ins Verhältnis setzt. Das exakt gleich ausgestattete PX Carbon kostet mit 6.999 Euro über 1.000 Euro mehr. Der Grund liegt primär im teuren Leichtbau-Rahmen und dem speziellen Custom-Zellen-Akku des PX-Modells, der trotz geringerer Kapazität (700 Wh) extrem teuer in der Herstellung sein dürfte.
Das Amflow PR Carbon Pro in der Praxis
Für den Praxistest musste sich das Amflow PR Carbon Pro auf verschiedensten Hometrails und langen, technischen Abfahrten beweisen. Bereits auf den ersten Metern wird klar: Der Gewichtsunterschied von rund zwei Kilogramm zum leichteren PX Carbon ist spürbar. Das PR Carbon Pro ist nicht der flinke, verspielte Leichtfuß, sondern präsentiert sich als potenter, satter Allrounder. Von Trägheit kann jedoch keine Rede sein. Das Bike ist unglaublich intuitiv zu fahren und vermittelt vom Start weg extrem viel Sicherheit. Egal ob Profi oder Einsteiger, man fühlt sich sofort wohl.
Die hohe Front sorgt dafür, dass selbst in steilen Schlüsselstellen oder beim Abziehen über Geländekanten keine Überschlagsgefühle aufkommen. Einen massiven Anteil am satten Fahrgefühl haben die schweren, aber exzellenten Schwalbe Radial-Reifen. Wer diese mit angepasstem Luftdruck fährt, profitiert von einer unfassbar guten Dämpfung und einem extrem hohen Pannenschutz. Das Mehrgewicht ist bei einem E-MTB dieser Klasse absolut zu verschmerzen und steigert die Fahrqualität enorm.
Potentes Fahrwerk mit leichten Reserven am Limit
Das Fox Performance Fahrwerk unterstreicht den Allrounder-Charakter. Zwar fehlen die feinen Einstellmöglichkeiten der teuren Factory-Modelle, doch in der Praxis werden 90 Prozent der Mountainbiker mit diesem Setup vollends glücklich sein. Die Gabel spricht fein an, der Hinterbau arbeitet gutmütig, lebendig und bietet viel Komfort. Erst wenn es richtig scheppert und man den Federweg an den absoluten Grenzbereich eines 160-Millimeter-Bikes pusht, gerät der Hinterbau etwas aus dem Tritt. Hier lässt das Setup im letzten Drittel des Federwegs etwas Durchschlagschutz vermissen. Spacer in der Luftkammer könnten hier Abhilfe schaffen, was jedoch zulasten des exzellenten Komforts gehen würde.
Motor-Magie und Uphill-Charakteristik
Bergauf spielt der Avinox M2S Motor seine Muskeln aus. Die Kraftentfaltung ist grandios, gut dosierbar und – was besonders beeindruckt – extrem leise. Selbst unter hoher Last drängt sich der Motor akustisch kaum in den Vordergrund. Die SRAM Transmission harmoniert perfekt mit dem Antrieb. Schalten während der Abfahrt ohne mitzutreten? Dank Smooth Shift kein Problem.
Einen kleinen Wermutstropfen gibt es in steilen Uphills jedoch zu vermelden. Hier kommt der zuvor erwähnte flache reelle Sitzwinkel zum Tragen. Große Fahrer, die mit viel Sattelauszug unterwegs sind, sitzen weit über dem Hinterrad. Die Folge: Das Vorderrad steigt in steilen Rampen relativ schnell. Hier erfordert das PR Carbon Pro deutlich mehr aktiven Körpereinsatz und Gewichtsverlagerung als das gutmütigere PX Carbon. Durch die Anpassung der Kettenstrebenlänge auf das „Long Setting“ lässt sich dieses Verhalten zwar etwas zähmen, dennoch bleibt es eine spürbare Eigenschaft der Geometrie.
Kleine Abzüge in der B-Note
In der Abfahrt glänzte unser Testbike mit einer absoluten Geräuschkulisse der Stille – mit einer lauten Ausnahme: den Bremsbelägen der Magura Gustav Pro. Das Klappern der Beläge war das Lauteste am ganzen Rad; Motor, Akku und Züge blieben mucksmäuschenstill. Auch die Ergonomie der klobigen Bremshebel ist für Fahrer mit kleinen Händen nicht optimal, da die Hebel recht weit vom Lenker abstehen.
Doch wir müssen an dieser Stelle eine Lanze für die Gustav Pro brechen: Auf endlos langen, steilen Abfahrten von 800 Tiefenmetern am Stück lieferte die Bremse eine atemberaubende Standfestigkeit. Während andere High-End-Bremsen unter solchen Bedingungen deutliches Fading zeigen, bot die Magura bei Tiefenmeter null exakt dieselbe bissige Bremsleistung wie am Ende des Trails. Wer über das Belagklappern und die Ergonomie hinwegsehen kann, bekommt hier einen extrem hitzeresistenten Anker.
Ein weiterer Kritikpunkt auf dem Trail betrifft die hauseigene Amflow-Sattelstütze. Diese sieht zwar schick aus und bietet viel Hub (über Spacer anpassbar), fährt aber schlichtweg viel zu langsam aus. Auf Trails mit ständigem Wechsel zwischen Uphill und Downhill kostet das wertvolle Sekunden und stört den Flow.











