Test Van Rysel RCR-F Pro: Mit dem Sprintsieg auf Etappe fünf der Tour de France hat die Aero-Rennmaschine des französischen Herstellers ihre Qualitäten bewiesen. Neugierig macht freilich auch die extrem wertige Komplettierung zum vergleichsweise niedrigen Preis. Kann der extrem geformte Bolide auch im Breitensport bewegt werden?
Sensationserfolg für Decathlon: Die erste Sprint-Etappe der Tour de France wurde zum Karriere-Highlight der Niederländers Olav Kooij, der seinen Van-Rysel-Renner deutlich vor dem Cottbuser Max Kanter über die Linie schieben konnte. Klar, dass das französische Team jubiliert, und auch der Druck auf sein junges Supertalent Paul Seixas dürfte durch den Etappensieg etwas nachlassen. Und nicht zuletzt steht steht die Rennmaschine des Teams bzw. des Sponsors im Fokus: das Van Rysel RCR-F Pro.
Rennmaschine, Bekleidung und Ausrüstung aus einer Hand
Bei den WorldTeams Pinarello Q3.65 und Lidl-Trek ist die Verbindung zwischen Sponsor und Teamrad offensichtlicher, doch bei Decathlon geht sie tiefer: Der Sportartikel-Gigant brüstet sich damit, seinem Team so ziemlich alles zu liefern, was es an Ausstattung braucht – ein komplettes Bekleidungs-Paket vom Helm bis zu den Schuhen, das wie die Rennmaschine unter dem Namen Van Rysel verkauft wird. Und zwar zu Decathlon-typischen Preisen; so kosten etwa die Radschuhe mit Carbonsohle und zwei von BOA lizensierten Habu-Drehverschlüssen schlappe 160 Euro.

Und das Teambike? 8.999 Euro lautet der Preis des Van Rysel RCR-F Pro. Klingt erstmal viel, doch vergleichbare Räder anderer Mannschaften kosten üblicherweise an die 14.000 Euro. Die Rennmaschine von Olav Kooji und Paul Seixas (eigentlich sind es zwei, das hier vorgestellte RCR-F Pro mit aerodynamischer Optimierung sowie das schlankere und etwas leichtere RCR-R Pro) wird in unterschiedlichen Varianten angeboten: In der „Signature“-Version, die Velomotion zur Verfügung gestellt wurde, ist das Rad anders als das Teamrad mit Zipp-Laufrädern ausgestattet.
Und gerade diese Variante ist preislich besonders interessant: Die offiziellen UVPs zugrunde gelegt, dürfte man für die Kaufsumme eigentlich nur den Radsatz, die Komponentengruppe und vielleicht noch den Sattel bekommen. Und selbst wenn man die Online-Preise für SRAM Red E1 mit Powermeter sowie Zipp 454 NSW zugrundelegt, bleiben für Cockpit, Rahmenset, Bereifung usw. gerade mal 2.500 Euro übrig.
Van Rysel RCR-F Pro: die Highlights
- Aerodynamisch optimierter Rahmen, entwickelt in Zusammenarbeit mit SwissSide
- SRAM Red AXS mit beidseitigem Powermeter
- Laufradsatz Zipp 454 NSW
- Gewicht 7,3 kg (o. P.)
- Preis 8.999 Euro (UVP, bei Decathlon 7.999 Euro)
Im unabhängigen Windkanal bestätigte Aerodynamik
Wobei man nun aber bitte nicht meinen sollte, dass die Vorzüge des Van Rysel nur im Preis liegen. Die Ausstattung des Teambikes mit SwissSide-Laufrädern deutet es schon an, und auf dem Rahmen kann man es auch lesen: Die Schweizer Aerodynamik-Spezialisten um JP Ballard haben Decathlon bei der aerodynamischen Optimierung zur Seite gestanden, und unabhängige Tests bescheinigen dem RCR-F Pro einen sehr niedrigen Luftwiderstand im Reigen der schnellsten Wettbewerber. Im Vergleich zum leichteren RCR-R Pro gibt Van Rysel 13 Watt weniger Leistungsaufnahme bei 45 km/h an, wobei das F keineswegs schwer ist: Gerade mal 7,3 Kilo wiegt das Testrad und damit sogar noch etwas weniger als vom Hersteller angegeben.
Das ist überraschend wenig angesichts der extremen Aero-Formen des Van Rysel RCR-F Pro. Typisch für moderne Rennmaschinen ist der lang gezogene Steuerkopf; das Sitzrohr legt sich eng um den Reifen, der immerhin bis zu 32 mm breit sein darf. Sehenswert sind auch die sehr flächigen Sitzstreben. Zum Aero-Gepräge gesellt sich eine ausgewogene Lenkgeometrie mit 73° Steuerwinkel; der knappe Radstand sorgt für einen sehr handlichen Charakter. In Sachen Sitzlänge (Reach) und Lenkerhöhe (Stack) ist das Van Rysel vergleichsweise extrem; ohne Spacer unterm Vorbau wird das Rad wohl bestenfalls von den Profis gefahren werden.
| XXS | XS | S | M | L | XL | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Sitzrohrlänge (mm) | 457 | 467 | 477 | 487 | 518 | 547 |
| Steuerrohrlänge (mm) | 92 | 97 | 114 | 130 | 157 | 182 |
| Oberrohrlänge (mm) | 513 | 531 | 540 | 552 | 566 | 587 |
| Lenkwinkel | 71° | 72° | 73° | 73° | 73° | 73° |
| Sitzwinkel | 75,5° | 74° | 74° | 73,5° | 73,5° | 73,5° |
| Kettenstrebenlänge (mm) | 410 | 410 | 410 | 410 | 410 | 410 |
| Gabellänge (mm) | 372 | 372 | 372 | 372 | 372 | 372 |
| Gabelvorbiegung (mm) | 45 | 45 | 45 | 45 | 45 | 45 |
| Tretlagerabsenkung (mm) | 73 | 70 | 67 | 67 | 67 | 67 |
| Stack (mm) | 498 | 504 | 520 | 535 | 561 | 585 |
| Reach (mm) | 382 | 386 | 389 | 392 | 399 | 412 |
| Radstand (mm) | 980 | 978 | 979 | 986 | 1002 | 1022 |
Ausgewogenes Fahrverhalten und viel Vortrieb
Über die Rahmensteifigkeit müssen sich Breitensportler/innen beim Van Rysel keine Gedanken machen – wenn es für einen Tour-de-France-Sprintsieg reicht, gibt es keine Fragen mehr. Ohnehin glänzt die französische Rennmaschine mit furiosem Vortrieb, vor allem, wenn man in jene Tempobereiche vorstößt, auf die der Aero-Rahmen ausgelegt ist. Die Windanfälligkeit des flächigen Boliden hält sich dabei in Grenzen, was sich auch von den teuren Zipp-Laufrädern sagen lässt: Das Wellenprofil mit 53 und 58 mm Tiefe scheint den rund 1.450 Gramm schweren Radsatz in der Tat weniger empfindlich für Seitenwind zu machen. Die 28er Conti scheinen für heutige Verhältnisse schmal, harmonieren aber optimal mit den 27,5 mm breiten Felgen.

Von seinen Fahreigenschaften her ist das Van Rysel RCR-F Pro also ebenso attraktiv wie beim Preis. Dieser ist aber natürlich nicht komplett konkurrenzlos: In der 9.000-Euro-Liga treten die Franzosen gegen beliebte Online-Anbieter wie Rose und Canyon an, wobei Decathlon noch ein Ass im Ärmel hat: Legt man das Rennrad in den virtuellen Warenkorb, werden vom Preis nochmal 1.000 Euro abgezogen. Hier wird es für die Konkurrenz wirklich schwer, mitzuhalten – so wie es Max Kanter & Co. im Sprint gegen Olav Kooij ging…







